Sich immer überhaupt nicht kennen. Deniz Utlu. Gegen Morgen.

Das verflixte 30ste Lebensjahr. Schon Ingeborg Bachmann hat in der Erzählung Das dreißigste Jahr ihren Protagonisten hinunter ins Bodenlose stürzen lassen, bis ihm die Sinne schwinden, bis alles aufgelöst, ausgelöscht und vernichtet ist, was er zu sein glaubte. Kara, aus Deniz Utlus Roman Gegen Morgen, Wirtschaftswissenschaftler, verfällt in eine Existenzkrise, ausgerechnet während er über einem Forschungsprojekt sitzt, in dem er die Fixkosten des Lebens berechnen soll. Leben, oder wirklich zu leben, ist dabei zunächst eine Behauptung, die erst einmal durch Fakten und den passenden Formeln, bewiesen werden muss. Kara untersucht biografische Fakten, betrachtet alte Fotos, auf denen ihm seine langjährige Freundin und sein langjähriger Freund entgegengrinsen. Mit wütender Hartnäckigkeit bearbeitet sein Verstand diese eine Frage:

Was hat mich dieses Leben gekostet, wie hoch sind meine versunkenen Kosten? Die Kosten von dem, was ich für mein Leben halte?

Ganz ernstnehmen kann man die vom Ministerium bezahlte (!) Forschungsarbeit, die ein philosophisches Problem in allgemeingültige Formeln packen soll, nicht, aber das ist auch nicht der Anspruch des Romans. Vielmehr entwickelt sich an ihr der tiefgründige Erzählstrang, an dem entlang die Geschichte einer Freundschaft dreier junger Männer erzählt wird, an deren Echtheit genauso stark gezweifelt wird, wie an der Behauptung, Lebendigkeit objektiv messbar machen zu können. In diesem Leben, in dem die eigene Selbstoptimierung über dem Imperativ der Großzügigkeit steht, bleiben nichts als leere Herzen zurück, so formuliert Ramon kapitalismuskritisch. Ramon ist derjenige der drei Freunde, der sich nicht einfangen lässt vom System, der Erfahrungen macht, ohne einen vorher kalkulierten Zweck zu verfolgen.

Der Plot beginnt mit der Trennung Karas von seiner langjährigen Freundin Nadia, wegen unterschiedlicher Vorstellungen davon, wie es in der Beziehung weitergehen soll. Sollte eine Familie gegründet werden, ja oder nein? Kara strauchelt, will sich nicht festlegen, nicht das tun, was von einem Mann in den 30ern erwartet wird. Überschwemmt wird er von Erinnerungen, darin tauchen sein bester Freund Vince und eine seltsame Gestalt, Ramon genannt, immer wieder auf. Vince hat sich mittlerweile aufgegeben, sich den Wünschen seiner Freundin ergeben und verlässt die langjährige Wohngemeinschaft mit Kara. Glücklich ist auch er nicht, verzichtet auf das Wagnis, ein Leben anders zu leben, als die Gesellschaft es von ihm erwartet.

Aber wie umgeht man den Tod so vieler anderer Möglichkeiten, wenn man sich auf eine Möglichkeit festlegt? Gar nicht, man sollte nur mit der einen ergriffenen Möglichkeit wirklich zufrieden sein. Eine Familie zu gründen, wäre eine Möglichkeit, die naheliegende in Karas Alter. Doch genau das möchte er nicht, weil er den Tod an Lebendigkeit fürchtet, der mit dieser Entscheidung einhergehen könnte. So fällt Kara immer tiefer ins Bodenlose, beginnt, sich auf die Suche nach Ramon zu machen, der zeitlebens mit Mutter und Schwester in einer Berliner Plattenbausiedlung lebt, für den Rassismuserfahrungen und Armut Alltag sind. Ein rätselhafter und deswegen unglaublich spannender Charakter, Schlüsselfigur des beeindruckenden Romans. Zu Studienzeiten ist er bei Vince und Kara fast täglich in der Studenten-WG aufgetaucht und plötzlich abgetaucht, ohne dass die Freunde nach dem Grund fragen. In der Existenzkrise wird sich der Protagonist bewusst, dass er sich nie wirklich, trotz all der intensiven WG-Gespräche, für Ramon interessiert hat. Das zweite Kapitel wird nicht ohne Grund mit den Worten der Lyrikerin May Ayim eingeleitet: Wir kannten uns immer überhaupt nicht, heißt es dort. Das überhaupt nicht, diese zwei bedeutungsvollen Worte, möchte Kara nicht mehr teilnahmslos hinnehmen und er begibt sich auf die Suche nach dem Menschen, den er eigentlich erkennen müsste, weil er sich von den anderen unterscheidet, ein Außenseiter ist.

Ramon sucht das (wirkliche) Leben. Kara versucht es zu berechnen, ohne es gefunden zu haben. Beide Figuren sind in ihrer einsamen Widerständigkeit zwei Verlorene, finden und verlieren sich immer wieder. Für die beiden Freunde wäre es eine Horrorvorstellung, von den Menschen auf der Straße, die wie Duplikate aussehen, wie Bachmanns leblos-uneigentliche „Molls“, gefressen zu werden. Dagegen kämpfen sie an und nehmen das Gefühl der Bodenlosigkeit dafür in Kauf.

Gegen Morgen rührt mit seinen existenziellen Fragen tief in der menschlichen Seele, an dem, was von ihr (noch) übrig ist. Deniz Utlu hat ein Stück literarische Eigentlichkeit geschaffen, an der man sich als Lesende gerne festhält.

Unbefangen Bananen essen. Olivia Wenzel. 1000 Serpentinen Angst.

Schweissgebadet schrecke ich in einer der letzten Nächte auf. Ganz deutlich kann ich mich an meinen gerade erlebten Traum erinnern. Darin sitze ich, gefesselt auf einem Stuhl und umringt von Skinheads, die ich an ihren weißglänzenden Glatzköpfen erkenne, in einem höhlenartigen Raum. Die Skinheads sind gerade im Begriff einer anderen weiblichen Person, ebenfalls gefesselt, die Kehle durchzuschneiden. Ich weiß im Traum genau, dass ich als Nächstes an der Reihe bin – bevor das passiert – wache ich auf.

Sofort bringe ich den Traum mit meiner intensiven Lektüre des Romans 1000 Serpentinen Angst, der Dramatikerin Olivia Wenzel, in dem sie immer wieder Rassismuserfahrungen beschreibt, zusammen. Szenen spielen darin eine Rolle, in denen die schwarze Protagonistin von Rechtsradikalen angefeindet wird oder sich verstecken muss, damit das nicht passiert. Zum Beispiel an einem schönen Sommertag am Strausberger See bei Berlin, an dem sie plötzlich auftauchen:

Mein Freund und ich, wir sind ein Paar, aber kein glückliches; wir haben uns vor einer halben Stunde gestritten. Rechter Terror ist: Als die Nazis kommen, gehören wir wieder zusammen. Sie ziehen sich aus, so wie ich mir das bei Soldaten vorstelle, stramm und zackig. Sie falten ihre Kleidung, stehen aufrecht und steif da, an einem heißen Sommertag, nackt und selbstbewusst, schauen auf den Strausberger Badesee, als gehörte er ihnen. Rechter Terror ist: nicht über diese Steifheit lachen zu können aus Furcht, entdeckt zu werden.

Die Nazis registrieren ein schwarzes Kleinkind im Wasser und kommentieren das mit „Bäh, da war ja ein Neger im Wasser“. Kurz darauf quälen die Protagonistin Verwürfe, sich nicht bemerkbar gemacht zu haben, sondern erst im Auto auf der fluchtartigen Heimfahrt, die Polizei verständigt zu haben.

Warum sich diese Szene so stark einprägt, liegt nicht nur an ihrem Inhalt, sondern an der Form des Erzählens. Perfekt komponiert auch für die Bühne, hakt eine innere oder äußere Stimme nach und bringt die Protagonistin durch Kommentare oder Fragen dazu, über das Geschehene zu reflektieren. Die Figur wird dadurch vielschichtig beleuchtet, ist nicht nur Opfer, sondern fühlt sich auch als Täterin. Sich in so einer Extremsituation korrekt zu verhalten ist schwer, fast unmöglich.

Die Krise, eine Angststörung, scheint vorprogrammiert. Mit Mitte dreißig ist es soweit – die Protagonistin muss sich auf die Suche danach begeben, WER sie eigentlich ist, um nicht verrückt zu werden. Auf ihren Reisen nach Vietnam und in die USA, wird sie immer von der fragenden Stimme begleitet und von dem einen Satz: WO BIST DU JETZT? Eine Stimme, die sie herausfordert, bei der im ganzen Lektüreverlauf nicht deutlich wird, woher sie kommt. Manchmal ist sie provokant-nachbohrend, wie die einer Psychotherapeutin, manchmal fürsorglich, wie die einer besorgten Mutter. Immer hat sie den Effekt, dass die beschriebenen Erfahrungen noch einmal genauer durchdacht werden, auf einen intuitiv dahingesagten Spruch, der Widerspruch folgt. Denn Identität ist fluide, nicht zu fassen, entgleitet permanent, muss sich im Falle der Ich-Erzählerin erst recht als eine solche behaupten.

Wer ihr dabei hilft sich selbst ein stückweit näher zu kommen, das sind vor allem die Freunde, ist weniger die kaputte Familie. Ein roter Faden, ein Erzählimpuls, der immer wieder auftaucht, ist ihre große Liebe Kim. Sie ist die Person, auf die Verlass ist, auch wenn sie die Protagonistin, die ihr eigenes Herz zu Beginn des Romans als Automat aus Blech beschreibt, immer wieder enttäuscht.

In New York erlebt sie endlich was es heißt, das Gefühl zu haben, irgendwo wirklich dazuzugehören, nicht z.B. alleine durch die Hautfarbe Außenseiterin zu sein. Unter Afroamerikanerinnen traut sie sich zum ersten Mal, ohne Scheu eine Banane zu essen, mit verklärendem Blick sieht sie die USA zunächst als Paradies. Zum Ende des Romans heißt es dann nachdenklicher:

Diese warme Community schwarzer Menschen, hier in den USA, ist nur möglich, weil sie jahrhundertelang zum Überleben nötig war. Die Basis, auf der sich diese Menschen begegnen und bestärken, war und ist blutig, ungerecht, qualvoll. Du kannst dankbar sein, dass du willkommener Gast in dieser Gemeinschaft bist, eine Touristin dieser auf Schmerz gewachsenen Blackness. Du kannst froh sein, dass dein Herz hier nur temporär ein paar düstere Schläge imitiert.

Jede Krise hat, wenn sie erkannt und angegangen wird, sein Gutes. Je früher sie im eigenen Leben auftaucht, umso besser. Im Sumpf der eigenen Kindheit herumzutapsen, hier einer „schwarzen“ Kindheit mit traumatischer Ostvergangenheit der Mutter, transportiert aktuelle Wirklichkeiten, denen wir als Lesende gebannt folgen, auch weil sie (bis jetzt) Ausnahmeerscheinungen der deutschen Literatur sind, nicht weil es sie so selten gibt, diese Erfahrungen, sondern weil ihnen die Öffentlichkeit fehlt.

Der Text mischt die eigene Wahrnehmung auf, egal mit welcher Hautfarbe die Lesende geboren wurde. Bester Beweis dafür ist mein Traum, in dem die künstlichen Grenzen zwischen so etwas Banalem wie einer Hautfarbe verschwimmen, der Skinhead vielleicht allgemein für Diskriminierungserfahrungen steht. Denn es geht in 1000 Serpentinen Angst nicht nur um das Thema Rassismus und die persönlichen Erfahrungen der Protagonistin damit, sondern um viel mehr. Um nur ein Beispiel zu nennen etwa darum, was es bedeutet, ein „Ossi“ zu sein. Genauer, was es heißt, als Frau und Teenager in der DDR aufzuwachsen, mit all der Sehnsucht nach Freiheit und gleichzeitig nach 1989 mit dem umzugehen, „was der Westen nach dem Mauerfall mit dem Osten gemacht hat“, nämlich, sich zu bemühen „greifbare, positive Erinnerungen zu zerstören“.

Was bleibt da? Von DIR? Nicht viel, wenn du nicht beginnst, nach dir zu suchen. Vielleicht findest du ein Teil deines Ichs in einem so antiquierten Ding wie einem Snackautomaten, der an einem verlassenen Bahnhof steht. Die Protagonistin spielt mit dem Gedanken hineinzuschlüpfen – nachzugucken lohnt sich also allemal:

Es wäre das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. Hätte mich mit einer knisternden Folie aus Zellophan zugedeckt und gegessen, was mir in den Schoß gefallen wäre, hätte mir schließlich eine raschelnde Toilette gebastelt. Ich hätte Ruhe und Zeit gehabt, ich meine, ich liebe Ruhe und Zeit, und ich wäre in Sicherheit gewesen.

 

Sich aus dem Augenblick davonstehlen. Iris Wolff. So tun, als ob es regnet.

Über wirklich gute Literatur, also Literatur, die nicht einfach nur einen durchkonstruierten Plot von Anfang bis Ende erzählt, sondern aus vielen Einzelteilen besteht, die zerrupft und auf der Bedeutungsebene immer wieder anders zusammengesetzt werden können, ist es schwierig, auch nur einen wahren Satz zu schreiben. Ich versuche es trotzdem, weil ein banales Gesetz den Buchmarkt bestimmt: Es wird das gelesen, worüber man spricht.

Se face că plouă, so tun, als ob es regnet. An diesem Satz aus dem Rumänischen entwickelt sich Iris Wolffs „Roman in vier Erzählungen“. Leise, wie auf Ackerfelder rieselnder Landregen, bildet er die Hintergrundmusik zu Lebensentwürfen einzelner Figuren, die als Figuren der jeweiligen Zeit handeln, in die sie zufällig (?) hineingeboren wurden.

Mitten im sinnlosen Sterben auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs, entsteht in der ersten Erzählung Budapest? zwischen zwei Menschen ein flüchtiger aber deswegen umso intensiverer Moment, so etwas wie aufkeimende Liebe, aus denen die Figuren für die darauffolgenden Geschichten hervorgehen. Dabei ist auffällig, dass es zwar eine Hauptfigur gibt, Henriette, die Nebenfiguren aber so eindrücklich beschrieben werden, dass auch sie sich ins Gedächtnis einprägen.

Jede Figur hat ihre Relevanz, ihren Handlungsradius, erzählt von einer Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten. So erhalten auch potentielle Nebenfiguren, wie die Schwestern von Henriette, ihren einprägsamen Auftritt.

Henriette, Künstlerin und manische Notizenschreiberin, formuliert das ihrer Nichte Hedda gegenüber kurz vor ihrem Tod folgendermaßen, und vielleicht klingt hier der Anspruch von Iris Wolffs Schreibethos durch, auch den Randfiguren in der (historischen) Geschichte, wie zum Beispiel dem als Kanonenfutter dienendem Soldat in der Anfangserzählung, einen Platz in der Literatur einzuräumen:

Es sind nicht unbedingt die Hauptfiguren, die wichtig sind. (…) All jene, die kurz, manchmal nur am Rande erwähnt werden, sie wollen wir nicht vergessen.

Wir wollen sie nicht vergessen, all jene, die zum Spielball der Geschichte wurden und dennoch ihre Spuren darin hinterließen, leise, widerständig und scheinbar unbeachtet darin wirken.

Henriette, die sich schon als junges Mädchen aus dem Augenblick davonstehlen kann, für andere nur körperlich anwesend ist, ist dennoch die herausragende Figur, der Orientierungspunkt, die Heldin der Geschichte(n).  Denn sie bricht aus den Normen der Zeit aus, um sich zu einer modernen Frau zu entwickeln, obwohl die Umstände das verhindern müssten.

Vielleicht liegt das gerade an ihrer Fähigkeit, im richtigen Moment geistig abzutauchen:

Se face că plouă, so tun, als ob es regnet, nannte ihre Mutter diese Abwesenheit, die sich immer einstellte, wenn Henriette etwas langweilte oder sehr beschäftigte, andere im Gespräch waren oder auf sie einredeten, oder wenn sie ihr etwas auftrug, das sie nicht mochte.

In dieser zweiten Erzählung über schlaflose Existenzen in einem Dorf in Siebenbürgen, erscheint eines Abends eine vornehme Frau, die Henriette einen Ring im Tausch gegen Nahrungsmittel überlässt und den sie bis zu ihrem Tod trägt. Es kündigt sich an, dass er in einer späteren Geschichte wieder eine Rolle spielen wird, wenn auch nie eine klar definierbare. Genau das ist das faszinierende, rätselhafte und unheimlich-berührende an den Erzählungen von Iris Wolff. Man lebt mit jeder einzelnen Figur mit, egal ob sie männlich oder weiblich ist, erlebt die (historische) Geschichte unterschwellig zur eigentlichen Handlung wie ein schicksalhaftes Hintergrundrauschen. Symbolisch aufgeladene Gegenstände, wie das genannte Schmuckstück, verstärken dabei die Spannung, die entsteht, weil die Bedeutungsmöglichkeiten vielfältig sind und bis zuletzt keine eindeutige Lesart angeboten wird.

Wir erleben Anfang und Ende der Protagonisten im Fluss der Zeit bis ins Heute, erfahren über Henriettes Nichte Hedda in der letzten Erzählung Wölfe und Lämmer, wie sich das Leben ihrer Tante bis zu ihrem Ende entwickelt hat. Spuren hinterlässt sie wie beiläufig unter anderem durch die Geburt ihres Sohnes Vicco, von dem in Eine Zitrone im All berichtet wird. Nahtoderfahrungen spielen darin eine Rolle, aber vor allem wird erzählt, welch ambivalente und (auch) schmerzhaften Erfahrungen ein junger Mann machen kann, wenn sich die Mutter gegen eine bürgerliche Beziehung entscheidet, weil sie Künstlerin ist, leben möchte wie ein Mann, nicht wie eine sich permanent sorgende Mutter.

Hedda hat den Freiheitsdrang der Tante geerbt, ungebunden lebt sie auf La Gomera in einer Welt, die vor allem Endgültigen geschützt ist, weil sie nach außen hin kaum Tatsachen schuf, die nicht mehr rückgängig zu machen waren.

So tun als ob es regnet ist ein Stück moderne Geschichtsschreibung, in dem auf unaufgeregte und ungemein literarische Weise Figuren in ihrer existenziellen Verletzbarkeit und Geworfenheit durch die Welt(en) wandeln. Ich und Welt gehen dabei miteinander eine Verbindung ein, die sich ohne erzählerische Kraftanstrengungen ergibt.

Sexuelle Selbstermächtigung? Svenja Flaßpöhler. Die potente Frau.

Zwei Jahre ist es her, dass die #metoo-Debatte im Zuge des Weinstein-Skandals hohe Wellen, vor allem in den sozialen Netzwerken, schlug. #Metoo erfuhr daraufhin zahlreiche intellektuelle Verarbeitungs- und Interpretationsversuche von Autorinnen und Autoren, die mich entweder wegen ihrer Substanzlosigkeit ratlos zurückließen (Jagoda Marinic, Sheroes), oder wütend machten (Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau). Auf die Autorin Marinic möchte ich nicht weiter eingehen, weil ihr einziger Punkt derjenige ist, dass sie die #metoo Debatte als positiv bewertet und in sehr naivem und wenig reflektierten Duktus zum Dialog, auch mit den Männern, aufruft. Immerhin lädt sie in ihrer knappen Abhandlung dazu ein, offen über Geschlechterrollen und Macht zu sprechen.

Flaßpöhler bezeichnet die Debatte als Rückschritt. In ihrem Vorwort zu Die potente Frau plädiert sie dafür, dass die moderne Frau von heute doch endlich aus ihrer Opferrolle heraustreten solle, um als das zu erscheinen, was sie sei. Die potente Frau ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht? Flaßpöhlers Grundannahme ist, dass heutzutage nicht mehr in jedem Chefsessel ein Harvey Weinstein sitzt, womit sie sicher milieuspezifisch recht hat. Doch selbst wenn sich zumindest in der Filmbranche etwas geändert hat, wie sieht es in weniger privilegierten Milieus aus, wie zum Beispiel in der Reinigungsbranche? Die Philosophin blendet in ihrem Text gesellschaftliche Gruppen und damit die hart arbeitenden Frauen aus, die außerhalb ihrer akademisch-elitären gedanklichen Reichweite liegen. In Fleischmarkt setzt die Feministin Laurie Penny berechtigterweise ganz andere Akzente. Einen Großteil der Drecksarbeit auf der Welt verrichten immer noch Frauen. Sie arbeiten ohne Bezahlung (Hausarbeit), oder völlig unterbezahlt, zum Beispiel für einen Reinigungsdienst. Auch Penny spricht von der Möglichkeit, der Macht der Frau, sich gegen diese Missstände in der Theorie (!) zu wehren. Sie nennt dies das Recht auf Verweigerung, das jedoch dadurch in der Praxis selten ausgeübt wird, weil seine Möglichkeit gesellschaftlich geleugnet wird und zwar ganz konkret dadurch, dass diesen Frauen ihr Lohn, also das, was sie zu anerkannten Menschen macht, vorenthalten wird. Letztlich fehlt den Frauen das Selbstbewusstsein ihre Rechte einzufordern, weil sie im Kapitalismus wie Sklavinnen gehalten werden.

Flaßpöhler argumentiert phänomenologisch, hat nicht den wirtschaftlich marginalisierten (äußeren) Körper der Frau im Blick, auf dem gesellschaftlich bedingte Kämpfe ausgetragen werden, sondern die sogenannte Leiblichkeit, das subjektive Empfinden durch Erfahrungen. Mit dem Philosophen Thomas Nagel stellt sie fest, dass sich Männer als Männer empfinden und Frauen als Frauen. Fremdpsychisch ist es weder für den Mann noch für die Frau möglich, das innere Empfinden des anderen nachzufühlen und zwar genau so, wie es tatsächlich ist. Soweit so gut.  Flaßpöhler schlussfolgert allerdings daraus, dass diese geschlechtsspezifischen eigenen Erfahrungen der Frau, zum Beispiel das Wissen um die Möglichkeit, ein Kind zu gebären, ihr letztlich, wenn sie nur will, das Vermögen gibt, sich gegenüber der Männer zu behaupten.

Es stimmt natürlich, dass genau diese Macht („mater semper certa est“) bereits vor Jahrhunderten bei den Männern eine panische Angst ausgelöst hat und zu paternalistischen Reaktionen führte. Problematisch ist aber hier, dass sie die Selbstermächtigung der Frau einzig und allein über ihre geschlechtliche Potenz beschreibt. Diese innerlich versteckte, ganz eigene Kraft, die kein Mann besitzt, gibt der Frau nach Flaßpöhler die Freiheit, sich in einer bedrängenden Situation zur Wehr zu setzen:

Wenn ich mich belästigt fühle, dann bin ich – in der Regel – der Situation keineswegs ausgeliefert. Ich kann kontern oder auf charmante Weise zum Ausdruck bringen, dass ich kein Interesse habe. Ich kann es ablehnen, ein Bewerbungsgespräch im Hotelzimmer zu führen. Ich kann, wie man so schön sagt, einen Mann vor den Kopf stoßen, indem ich seinem Willen nicht entspreche.

Hier bekommt man den Eindruck, Frau Flaßpöhler betrachte vor allem sich selbst. Als Phänomenologin müsste sie aber immer auch den erkennenden Blick auf die Welt und ihre Erscheinungen darin richten. Sicher sind es gutgemeinte Sätze, die eine positive Erzählung über die Zukunft der Frauen einläuten sollen. Flaßpöhler möchte, dass wir uns abwenden von den Opfererzählungen der Vergangenheit, denn nur dann wird die Frau dem Mann ebenbürtig und kann Angst in Lust verwandeln.

Doch ist sexuelle Selbstermächtigung wirklich die neue Weiblichkeit der Frau, die propagiert werden sollte?

Selbstermächtigung funktioniert doch vor allem über die – ich nenne das jetzt Potenz des Geistes – , darüber, dass ich als Kind die Möglichkeit erfahren habe, genug Bildung zu erhalten, um mich a.) verbal und zur Not auch mit Kampftechniken zu verteidigen und b.) mir deswegen gegebenenfalls einen anderen Job suchen zu können, wenn nämlich meine „charmante“ Verweigerung, mit dem Chef der Reinigungsfirma zu schlafen dazu führt, dass ich meinen Job verliere. Die ganz subjektive Empfindung meiner Gebärmutter führt hier keineswegs zu einer empowernden Handlung, sondern vielmehr zu einem tiefen Schwächeempfinden. Besitzt nicht der Verstand letztlich die stärkere Kraft? Und besteht nicht die Urangst vieler Männer bis heute darin, geistig von Frauen überholt zu werden? Ich für meinen Teil würde lieber über meinen vor Kraft sprühenden Geist wahrgenommen werden und diesen als kluge Waffe benutzen, als über meine sexuelle Potenz. Oft scheitere ich aber an der sozialen Wirklichkeit.

So schillernd wie grau. Katja Oskamp. Marzahn Mon Amour.

Füße erzählen Geschichten. Dabei sprechen Form, Abgenutztheit, Ästhetik erst einmal für sich. Aber auch ihre BesitzerInnen nutzen die Zeit gerne für einen Plausch mit derjenigen Person, die ihnen Gutes tut. Ob dieser Gedanke implizit Anreiz für die Autorin war, nach erfolgloser Verlagssuche für ihre Bücher, eine Ausbildung als Fußpflegerin zu absolvieren, oder doch die eigene midlife-crisis? Auf der Suche nach neuen Erfahrungen, um diese literarisch zu verarbeiten, sind alle guten Autorinnen und es ist ein kaum zu beschreibender Gewinn für die Literaturwelt, dass sich Katja Oskamp ausgerechnet in einem Fußpflegesalon im tiefsten Osten Berlins eingerichtet hat. Die tastenden, sensibel-fühlenden Hände dabei wohltuend auf den Füßen der Kundinnen und Kunden, die Ohren weit offen.

Es sind vor allem „reparaturbedürtige“ Kunden, die die Autorin bedient. Herr Paulke etwa, der bei „Autotrans“, einer der größten Speditionen der DDR, gearbeitet hat.  Menschliche, berührende Momente entstehen, in denen der Kunde mehr ist, als ein Stück Fleisch, das schnellstmöglich und zeitlich effizient bearbeitet werden muss. Oskamp nimmt sich viel Zeit für ihre Begegnungen:

Ich cremte ihm an jenem Septembertag vorsichtig die Füße ein, zog die Handschuhe aus und Herr Paulke Socken und Schuhe an. Er stemmte sich aus dem Fußpflegestuhl. Ich hielt ihm beide Hände hin. Er legte seine hinein. Warme, schlaffe Haut. So angefasst standen wir einander gegenüber, blickten uns an. Es war schön. Es gefiel uns. Es diente auch, aber nicht nur zur Stabilisierung von Herrn Paulkes Kreislauf.

Grotesk-komische Szenen liefert die 65-jährige Frau Blumeier, eine frisch verliebte Rollstuhlfahrerin, der beim Sex mit ihrem Partner „dit Bette eingekracht“ ist. Schon kichernd kommt sie ins Fußpflegeinstitut, um dann irgendwann mit typisch Berliner Schnauze zu erzählen.

Ein Klischee über Marzahn, dass es hier nur so von ehemaligen SED-Funktionären und DDR-Bonzen wimmele, wird durch Herrn Pietsch bestätigt. Er ist „waschechter Parteifunktionär“. Ein einsamer Mensch, den sein autoritäres, machtsüchtiges Verhalten die Zuneigung seiner Frau und Kinder gekostet hat. Er ist auf der Suche nach einer Sexualpartnerin, hat dabei aber wenig Erfolg und versucht es bei seiner Fußpflegerin, weil sie eine „äroudische“ Ausstrahlung hat. Mit einem Piccolo und den Worten „Gute Arbeit, Genossin“ verabschiedet er sich jedesmal, trotz aussichtsloser Anmache denn: Er hat (immer noch) alles unter Kontrolle.

Der Zustand der Füße erzählt viel über das Leben derjenigen, die sie tagtäglich benutzen. Die Marzahner Füße der Kundinnen und Kunden, meist ältere, berichten von harter Arbeit. Ehemalige Krankenschwestern, wie Gerlinde Bonkat, ein „Flüchtling“ aus Ostpeußen, sind dabei. Erst war sie Sekretärin, dann arbeitete sie in einem Kinderheim. Nach der Wende nimmt sie für fünf Jahre bis zur Rente eine Stelle in Berlin Steglitz an, wird als Ostdeutsche diskriminiert. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling. Erst zum Renteneintritt liest der Chef ihren beeindruckenden Lebenslauf. Sein Kommentar:

Sie sind ja überqualifiziert!

Das tut nicht weh, antwortet Frau Bonkat und verabschiedet sich.

Doch wieso gibt sich der Mensch überhaupt so viel Mühe mit seinem Äußeren? Zum wohltuenden Effekt einer Fußmassage, gesellt sich jedenfalls immer auch die Ästhetik. Füße, Zehennägel, sind aber doch die meiste Zeit in Schuhen versteckt. Trotzdem dekoriert Oskamps Kollegin Flocke diese mit einer Leidenschaft, die die Autorin sich folgendermaßen erklärt und es sind Sätze wie diese, die dem Buch poetische Tiefe geben:

Vielleicht konzentriert sich manchmal die Schönheit dieser Welt auf einem einzigen Fingernagel.

Die Geschichten, die schlaglichtartig unterschiedlichste Menschen im Alter zwischen 50 und 90 beleuchten, kann man sich gut auf der Leinwand vorstellen. Ein Paul Auster („Smoke“) im Fußpflegesalon wäre das dann. Sie suggerieren, dass der Mensch doch eigentlich nicht viel im Leben braucht, um zufrieden zu sein, es reichen : Zuwendung, Wärme, Gespräche und: alle sechs Wochen eine gute Fußpflege.

Marzahn mon amour ist eine ganz besondere Liebeserklärung, denn er räumt mit Vorurteilen gegenüber einem Stadtteil Berlins auf, dessen Charme sich jenen offenbart, die genau hinschauen und gut zuhören können, die hinter den Betonschichten nach vergrabenen (Lebens-)erinnerungen forschen, sich nicht durch farblose Oberflächen abschrecken lassen.

Die Erzählungen der BewohnerInnen, die sich dem aufmerksamen Ohr offenbaren, sind so schillernd, wie das Mauerwerk der Plattenbausiedlungen grau ist.

Anschreiben gegen den Verrat. Annie Ernaux. Der Platz.

Ein rätselhafter Satz von Jean Genet befindet sich auf der ersten Buchseite von Der Platz, der Autorin Annie Ernaux:

Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.

Erst nach und nach lässt er sich in Bezug zum beschriebenen Geschehen setzen, das in der Rahmenhandlung die Emanzipationsgeschichte der Protagonistin aus der Arbeiterschicht heraus in die Akademikerklasse erzählt. Genauer betrachtet, geht es um den Verrat am Vater, für den sie sich als junge Frau vor ihren gebildeten Freundinnen schämt, weil er einen Dialekt spricht, der ihn als unterprivilegierten Menschen entlarvt. Ein Verrat an ihrer Herkunft, eine Entfremdung von ihren Eltern, die wollten, dass sie es einmal besser haben würde und sie deswegen in der Schule lernen ließen, anstatt ihr früh eine Lehrstelle zu besorgen, wie es andere taten im Ort.

Aber die junge Frau merkt: je mehr sie sich an Bildung aneignet, umso fremder wird sie den Eltern, insbesondere dem Vater, weil sie eine andere Sprache sprechen. So wird sie zu ihrem eigenen Wohle dazu erzogen, nicht mehr „dort“ dazuzugehören, ist bald überzeugt davon, dass „seine Wörter und Gedanken auf den roten Samtsofas“ der Schulfreundinnen nichts mehr wert sind. Dies führt zu Konflikten im Alltag, in denen der Vater der Tochter verbal unterlegen ist:

„Beim Essen brach wegen jeder Kleinigkeit Streit aus. Ich glaubte immer Recht zu haben, weil er nicht diskutieren konnte. Ich kommentierte, wie er aß oder sprach.“

Nun, Jahre später, ist er tot, liegt aufgebahrt in seinem Bett. Sein Kampf ist zu Ende. Denn zeitlebens war er darum bemüht, in eine anerkanntere Gesellschaftsschicht aufzusteigen, hat sich krumm gearbeitet, um kein einfacher Arbeiter mehr zu sein. Seiner Tochter ermöglicht er die Bildung, die er selbst nicht hatte – obwohl sich sein Kind mit jedem neu erworbenen Wissen mehr und mehr von ihm entfernt.

Sie selbst beschreibt ihren Bewusstseinszustand als ambivalenten, in die alte Welt gehört sie nicht mehr, betrachtet sie mit den Augen einer verbeamteten Lehrerin. In der neuen, akademischen Welt meint sie trotzdem in manchen Momenten immer noch, „da“ gar nicht hingehören zu dürfen. „Wut und Scham“ vermischen sich in ihr noch nach der Zeremonie der Verbeamtung, wie damals, als sie in einem Schulferienlager als Betreuerin Entscheidungsfreiheit schnuppern durfte und sie sich nach dem Eintreffen ihrer provinziellen Eltern plötzlich nicht mehr vorstellen kann, einmal auf die Universität gehen zu dürfen.

Die Scham des Vaters wiederum macht ihn einerseits zu einem Menschen voller Antrieb und der Überzeugung, durch Fleiß und Redlichkeit ein besseres, leichteres, bequemeres Leben führen zu können. Er eröffnet einen eigenen Krämerladen, wird Kleinunternehmer. Andererseits kann er seine Sprache und damit sein ganzes Auftreten, seine eigene Sozialisation nicht einfach ablegen. Auch mit dem besten Sonntagsanzug rutschen ihm Worte heraus, die in Akademikerkreisen unbekannt sind oder gar nicht erst ausgesprochen werden. Schon die überhöflichen Bemühungen seinerseits, Besucher zu empfangen und sich dabei von der besten Seite zu zeigen, entlarven ihn als Arbeiter, der versucht, den gesellschaftlichen Makel zu überspielen.

Mit ihrer besonderen Art autobiografisch zu schreiben, inspiriert Annie Ernaux Autoren wie den Soziologen Didier Eribon (Rückkehr nach Reimes) oder literarische Youngster wie Edouard Louis (Das Ende von Eddy), nicht zuletzt, weil beide – wie Annie Ernaux – über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu schreiben. In Deutschland wenig beachtet, wurde sie dem Publikum allerdings erst 2017 mit Die Jahre bekannt, nachdem sich die bereits genannten Autoren in ihren autobiografischen Bestsellern auf die Autorin bezogen. Das im März 2019 bei Suhrkamp erschienene schmale Bändchen Der Platz, ist bereits 1984 in Frankreich gedruckt und mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet worden.

Wie umgehen mit dem gefühlten Verrat? Weil Vater und Tochter keine gemeinsame Sprache miteinander haben, gibt es für die Tochter nur einen Ausweg. Sie muss über das Leben schreiben, das sie zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil sie das besonders gut kann, da sie beide „Sprachen“ kennt. Nachdem der Vater aufgebahrt vor ihr liegt, weiß sie, dass sie irgendwann den Versuch unternehmen wird, die hilflose Leere mit Worten zu füllen, um den Verrat an den eigenen Eltern besser verstehen zu können, das Leiden an ihm auszuhalten.

Das gelingt der Autorin in einer ungemein berührenden Sprache, obwohl ihr Ton ein sachlicher ist. Kurze, eindrückliche Sätze, von denen keiner überflüssig ist, machen die Gefühlsleben derjenigen Menschen intensiv nachvollziehbar, von denen man selten wirklich etwas erfährt, weil es dafür Autorinnen wie Annie Ernaux braucht und sie systembedingt immer noch selten zu finden sind.

 

(K)ein Merkmal unter vielen. Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Ich bin Özlem. So heißt der neue Roman von Dilek Güngör und behauptet mit diesem doch klaren Statement etwas, was völlig unklar ist. Die Ich-Erzählerin weiß nämlich überhaupt nicht, wer sie ist, sondern nur, dass sie in der Wahrnehmung ihrer deutschen FreundInnen und Bekannten etwas ganz Bestimmtes sein soll. Die Türkin, die gut kocht zum Beispiel, denn Özlem kann das, weil ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Özlem kocht auch gerne, sie leidet nur darunter, dass ihre besonderen Fähigkeiten sie in den Augen der Anderen auch noch zu derjenigen machen, die weiß, wie die Linsensuppe gegessen werden sollte. „Isst man das so, ja?“, wird sie etwa von ihrer Freundin Eva gefragt, die das nur nett meint, aber Özlem damit nervt. Denn Özlem ist in Deutschland aufgewachsen und kennt die Türkei nur von Urlaubsbesuchen. Ihr Türkisch ist schlecht, Deutsch spricht sie hingegen perfekt, sie arbeitet in einer Lernschule für MigrantInnen.

Dennoch muss sie sich immer rechtfertigen für das, was sie tut. Zum Beispiel, warum sie ihrer Tochter den typisch deutschen Namen Emilia gegeben habe, und nicht etwa einen türkischen. Özlem gefiel der Name Emilia, ganz gleich, woher er kommt.

Der Roman ist voller solcher Konfliktfelder, von denen eine zutiefst gekränkte Ich-Erzählerin in eindrücklich-nüchternem Tonfall berichtet.

Dabei ist die eigene Befreiung aus den Zuschreibungen der Anderen noch schwieriger als zunächst angenommen, weil das Gefühl dieser Festlegung paradox ist. Sie ist verhasst und gleichzeitig verspricht sie Bodenhaftung in einer Welt, die über feste Zuschreibungen funktioniert.

Wer ständig immer auch-als-Türkin angesehen wird, macht sich automatisch immer wieder zur Türkin, weil es die beruhigende Sicherheit verspricht, genau definierbar zu sein. Wie eine Verkleidung stülpt sich Özlem deswegen ein Klischee über Türkinnen nach dem anderen über. Auf der Gartenparty von Johanna, einer (auch) akademischen Freundin Özlems, bringt sie selbstverständlich Börek mit:

Was bringt Özlem mit? Börek mit Spinat. Meine Mutter hat nie Börek mit Spinat gemacht. Niemand erwartet von mir, dass ich etwas Türkisches mitbringe, aber für mich ist das logisch, Türkin bringt türkisches Essen mit und alle wollen das Rezept. Dabei habe ich mir das aus einem Kochblog rausgeschrieben.

Özlem passt sich an, hat sich von kleinauf angepasst, versucht es allen recht zu machen, um nicht negativ aufzufallen. Denn schon als Kind musste sie Rassismuserfahrungen über sich ergehen lassen, im Schulbus war sie diejenige, über die gelacht wurde, weil sie als Türkin ja sicher Knoblauch esse und deswegen „stinke“. Doch der älter werdenden Özlem fällt es immer schwerer, in bestimmten Situationen den Mund zu halten, in denen Widerstand geleistet werden müsste.

Erste Anzeichen einer Revolte beginnen im Supermarkt, lange herbeigesehnt, weil man den Leidensdruck der Protagonistin mehr und mehr spürt, beim Lesen die Passivität ihrer bloßen Gedanken kaum mehr erträgt. Eine Kassiererin äußert einen Spruch über Ausländer, locker dahergesagt, von ihr natürlich „nicht so gemeint“. Özlem steht an der Nachbarkasse, die Tränen kann sie schon lange nicht mehr zurückhalten und als sie von der Kassiererin gefragt wird, warum sie weine, bricht es aus ihr heraus. Endlich. Sie beginnt zu diskutieren, sich zu wehren, obwohl sie selbst ja nicht gemeint war. Weil sie zu den guten, integrierten Ausländern gehört, die Bioprodukte kaufen und „mit einem Deutschen verheiratet“ sind.

Nach diesem Ausbruch kann Özlem nicht mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Sie konfrontiert auch ihre biodeutschen Freunde mit deren scheinbar unschuldig herausgeplauderten Vorurteilen über Türken und Araber, hält derem dekadenten Gequatsche einer privilegierten Oberschicht den Spiegel vor. Besonders viel Unverständnis für ihre Kritik erntet sie dabei bezeichnenderweise von Ralf, dem Mann einer ihrer Freundinnen. Ein weißer deutscher Mann aus der Akademikerschicht klärt Özlem über ihr Fehlverhalten auf, ist der geile „Kerl, der die Wahrheit ans Licht bringt“.

Die eigentliche, tiefe Kränkung Özlems besteht aber darin, dass ihre Freundinnen nicht begreifen was es heißt, mit Diskriminierungserfahrungen aufzuwachsen. Denn sie halten sie, statt ihre Reaktion zu verstehen, für empfindlich, weil sie nicht wissen, was es bedeutet, immer wieder auf eine bestimmte Kultur oder aber auch „irgendwo dazwischen“ eingeordnet zu werden. Selbstreflexiv befragt Özlem hingegen sich selbst, sucht auf eine zermürbende Art Fehler bei sich, um zu dem Schluss zu kommen, dass die paternalistische Macht der Fragenden nur schwer durchbrochen werden kann:

Wäre es möglich, das Türkische an oder in mir oder wo immer es ist, zu behandeln wie ein Merkmal unter vielen, anstatt mein ganzes Wesen davon durchwachsen zu lassen? Wie denn, wenn immer alle fragen?

Man möchte Özlem zurufen, dass sie zumindest nicht alleine dasteht mit ihrer Kritik an der Gesellschaft, sich immer mehr zugleich oft auch feministische Stimmen mit mehrkulturellen Erfahrungen formieren, die sich in Romanen oder literarischen Essays zu Wort melden,  feste Identitäten prinzipiell infrage stellen und der „elenden Herkunft“ entkommen. Enis Maci und Ferda Ataman sind nur zwei davon.

Das Böse ausräuchern. Glorreiche Ketzereien. Lisa McInerney.

McInerney. Glorreiche Ketzereien.

Am Anfang des Romans Glorreiche Ketzereien, der irischen Autorin Lisa McInerney, steht eine alte, (noch) unwissende Frau. Im Affekt erschlägt Maureen, vom Leben hart gebeutelt, einen Einbrecher in ihrem Haus mit einer Devotionalie und löst damit ein Schneeballsystem verhängnisvoller Ereignisse aus.

Ihren Sohn Jimmy, den sie als uneheliches Kind nicht selbst hat großziehen dürfen und mit dem sie erst seit kurzem in Kontakt steht, beauftragt sie mit der Beseitigung der Leiche.  Dem Schwerverbrecher und uneingeschränkten Herrscher über die krummen Geschäfte in der Kleinstadt Cork City, gelingt es zwar, den toten Körper verschwinden zu lassen, nicht aber die Schuldgefühle seiner Mutter.

Hier wird ein Motiv eingeführt, das den Roman fortan durchzieht: Der Sündenfall, insbesondere derjenige der weiblichen Figuren. Im Gegensatz zu den männlichen werden sie von den Moralvorstellungen der katholischen Kirche regelrecht verfolgt, bis sie begreifen, dass sich die Kirche ihre Sünder schafft, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.

Diese Erkenntnis, ausgesprochen von Maureen, erinnert an den kürzlich angelaufenen, beeindruckenden Dokumentarfilm #Female Pleasure, in dem eine Novizin einer Oberin ihre Vergewaltigung durch einen vorgesetzten Geistlichen schildert und diese nicht etwa den Täter anzeigt, um den Skandal öffentlich zu machen, sondern der Novizin die Sünde großmütig „vergibt“.

Die Kirche als moralische Instanz schwebt über der Handlung wie ein Damoklesschwert, denn sie ist es, die das Unheil bringt. Anstatt den Säufern, prügelnden Vätern und gefallenen Mädchen Halt zu geben, droht sie mit Verdammnis, wenn die Schäfchen nicht Buße tun.

Sündige Engel, denen niemand beisteht, sind prädestiniert dafür, immer weitere Fehler zu machen, zum Beispiel die falschen Fragen an die falschen Leute zu richten. Menschliche Fragen, die dazu führen, dass an einem schnell vertuschten Verbrechen plötzlich mehr Schicksale hängen, als denjenigen lieb ist, die es verursacht haben.

Maureen realisiert allerdings recht bald, dass nicht nur die katholische Kirche verantwortlich ist für zerbrochene Lebensentwürfe, sondern die Frauen untereinander dazu beitragen, unglücklich zu werden. Nach Maureen, der in der Story mehr und mehr Erleuchteten, existieren verschiedene Kategorien von „Frau“ gegen die es zu rebellieren gilt, anstatt sie untereinander immer wieder selbst zu bestätigen:

Das („Kategorien“) sind die Mütter. Die Biester. Die Ehefrauen. Die Freundinnen. Die Huren. Frauen haben nichts gegen eine solche Einteilung, solange sie nur zur richtigen Gruppe gezählt werden. Und alle sehen auf die Huren herab.

Nach dieser Erkenntnis begreift zumindest eine Figur, wie sich das Böse ausräuchern lässt, ohne dabei Unschuldige zu verletzen. Ein Leben für ein Leben, so lautet Maureens einleuchtende Kalkulation, die eine Möglichkeit ist, aus dem Teufelskreis herauszukommen, der durch Schwarz-Weiß-Malereien entsteht. Nicht zuletzt aus dem eigenen.

Der vielschichtige, meisterinnenhaft komponierte Roman erzeugt nicht nur durch den Plott eine soghafte Wirkung, sondern wirft gleichzeitig einen aktuellen Blick auf die irische Gesellschaft, die sich seit den Kindheitserinnerungen des Bestsellerautors Frank McCourt (Die Asche meiner Mutter) positiv verändert haben müsste. Themen wie (soziale) Armut, Drogen und Gewalt in der Familie, denen Staat und Katholizismus machtlos gegenüberstehen, erzählen allerdings von einem krisengeschüttelten Land, dessen Probleme Europa egal zu sein scheinen.

Der Raum, in dem sich Einzelschicksale poetisch zu einem großen, zusammenhängenden Ganzen vermischen, ist Cork City. Eine schlafende, unparteiische Kleinstadt, die keine Notiz nimmt vom alltäglichen Wahn, weil sie als bloße Hülle funktioniert, in dem das Atmen, Pulsieren, Schlucken, Schwitzen, die Qualen und Wonnen von hunderttausend kleinen Leben stattfindet.

Mein Blick zurück. Erinnerungen an den Autor Wilhelm Genazino.

Wilhelm Genazino. Das Licht brennt ein Loch in den Tag.

Ich erinnere mich, wie ich mit Anfang 20 ein schmales Bändchen mit dem rätselhaften Titel: Das Licht brennt ein Loch in den Tag geschenkt bekam. In ihm beschrieb der Autor Wilhelm Genazino, den ich aufgrund seines Namens erst für einen Italiener hielt, einen Ich-Erzähler, Herrn W., der sich wünscht, seine Erlebnisse mündlich und in Briefen seinen Freunden mitteilen zu dürfen. Er hat Sorge, dem Verlust des Gedächtnisses sonst nicht entgehen zu können und hofft, die anderen würden ihm irgendwann dabei helfen, die eigenen biographischen Gedächtnislücken zu schließen. Der Text faszinierte mich, ohne dass ich damals hätte sagen können, was daran genau.

War es der männliche Blick des Protagonisten auf seine Umgebung, die Tatsache, dass ich so schonungslos genau durch die Bewusstseinsbrille einer Figur schauen durfte, um in ihren nicht enden wollenden Selbstreflexionen abzutauchen?

Nur ein paar Jahre später stand mir der Autor als Kunde in der Karl-Marx-Buchhandlung, in Frankfurt-Bockenheim, gegenüber. Seine sonst weiche Körpergestalt hatte etwas quadratisches und die leise Stimme mit dem Mannheimer Singsang darin, passte nicht zu ihr.

Von Anfang an bekam ich den beunruhigenden Eindruck nicht los, von seinen wachen, schelmischen Augen beobachtet zu werden. Dass er mich, die Angestellte, betrachtete, um vielleicht doch einmal eine Protagonistin anstelle eines Protagonisten auszuwählen, eine weibliche Arbeitnehmerin, die er in den Unzumutbarkeiten der eigenen Existenz schlafwandeln ließ. Romane erschienen in regelmäßigen Abständen von ihm und ich war immer erleichtert, wenn die Überprüfung der Verlagsvorschauen bestätigte, dass er sich doch wieder für einen Mann „mittleren Alters“ entschieden hatte. Gemischte Gefühle überfielen mich dennoch immer wieder, wenn er plötzlich mit einem seiner Bestellzettel an die Ladentheke trat, ihn mir in die Hand drückte und ich nie ganz einschätzen konnte, was er als nächstes sagen würde, was er wirklich dachte und vor allem, was er sah, wenn er mich anlächelte.

Um mein Unbehagen ihm gegenüber loszuwerden, denn ich mochte ihn sehr, schätzte seine Romane, begann ich, zurückzublicken, Eindrücke über ihn durch zufällige Begegnungen mit ihm zu sammeln. Denn der immer wieder als Flaneur bezeichnete Büchner-Preisträger spazierte nicht nur gerne durch die Gegend. Ich entdeckte ihn zum Beispiel oft donnerstags auf dem Wochenmarkt an der Bockenheimer Warte, wie er genüsslich und in seiner unverkennbar langsamen Ruhe Kartoffelpuffer aß. Dabei beobachtete er wiederum die Spatzen, die in seiner Umgebung auf kleine, aber fettige Happen von seinem Teller hofften.

Auch erinnere ich mich, wie ich ihm dort immer wieder zufällig an der U-Bahn-Station begegnete. Was er hier wohl tat, er, der Fußgänger? Manchmal sprachen wir ein paar Worte miteinander. Dass er die Mäuse in den Schächten für seinen nächsten Roman inspiziert hatte – das erzählte er mir allerdings nie.

Mein ungutes Gefühl, seinem Schriftstellerblick ausgeliefert zu sein, verbesserte sich durch die Gewissheit, dass auch ich ihn betrachten konnte, ich seinem Blick nicht mehr ungeschützt ausgeliefert war. Wirklich änderte daran aber insbesondere eine Begegnung:

Als Stammkunde der Karl-Marx-Buchhandlung gab Wilhelm Genazino dort oft Buchpremieren, noch bevor er im Literaturhaus Frankfurt aus seiner Neuerscheinung las. An einem dieser Leseabende sagte er, als er mir die Hand zum Gruß schüttelte nicht etwa „Guten Abend“, sondern „Sie sind schön“. Der Satz kam ihm so spontan beiläufig über die Lippen, als hätte er gerade den Anfang eines neuen Romans ausgesprochen, die ersten paar Worte. Als hätte er erfahren wollen, wie sie aus seinem Mund heraus in diesem Moment klängen und als würde es ihm um die Frage gehen, ob sie für den richtigen, typischen Genazino-Sound überhaupt taugten. Erleichtert durch diese Erkenntnis hatte ich nie wieder Sorge, in seinen Texten sichtbar verarbeitet zu werden, weil mir bewusst wurde, dass er in erster Linie die Sprache beobachtete und die Objekte oder Subjekte sich ihrer Ästhetik anpassen mussten.

In einem unbemerkten Moment steckte ich intuitiv wie zur Bestätigung meiner Eindrücke einen Bestellzettel von ihm in meinen eigenen Notizblock, auf dem er in fein säuberlicher Schrift Autor, Titel, Verlag und Erscheinungsjahr seiner Buchbestellung notiert hatte, den ich seitdem hüte wie einen Schatz.

Am Mittwoch, den 12. Dezember 2018, meinte ich noch den Autor an der Konstablerwache gesehen zu haben. Ich kniff ungläubig die Augen zusammen, denn ich hatte ihn stets in Bockenheim angetroffen und das gleissende Licht, das den dichten Nebel in diesem Moment für kurze Momente durchdrang, trübte meinen Blick. Zwei Tage später las ich von seinem Tod. Er konnte es nicht gewesen sein. Leider.

Liebhaberinnen und Mütter. Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Anita Djafari/Jürgen Boos (Hrsg.)

Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Djafari, Boos (Hrsg.)

Literatur von Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt ist in Europa wenig bekannt und nur einzelne, wie zum Beispiel die Friedenspreisträgerin Assia Djebar, konnten sich bisher einen Namen machen. Dabei lohnt es sich, die Texte zu entdecken, auch aus einer manchmal ungewöhnlichen Sicht, über Themen wie Mutterschaft oder die Arbeit in prekären Verhältnissen, erzählt zu bekommen. Ungewöhnlich auch nur deswegen, weil sie selten zu Literatur verarbeitet werden, das Innenleben einer Putzhilfe wenig literarisches Interesse hierzulande findet. Dabei sind das weibliche Lebenswirklichkeiten, die auch im scheinbar so privilegierten Deutschland zuhauf vorkommen, jedoch keine Stimme erhalten und überwiegend unsichtbar bleiben.

Die ProtagonistInnen der Anthologie mit dem wunderbar poetischen Titel Vollmond hinter fahlgelben Wolken sind fast ausschließlich weiblich, Frauen die als Haushälterinnen, Liebhaberinnen, Ehegattinnen und Mütter einen individuellen Blick auf ihr eigenes Leben und ihre Umgebung werfen.

Individuen, die sich zum Beispiel ihren Ehemännern verweigern und sich stillschweigend in Pflanzen verwandeln, wie die Protagonistin in der Erzählung Die Früchte meiner Frau, der koreanischen Autorin Han Kang. Dabei führt die zunächst inhaltliche Konzentration auf das Innenleben der Ich-Erzählerin zu einer psychologisch genauso interessanten Beleuchtung des Ehemannes, der die langsame Pflanzwerdung seiner Frau nicht versteht, sich nur selbst seiner eigenen Einsamkeit immer stärker bewusst wird.

Einseitige Betrachtungen sind im Erzählband, den Anita Djafari und Jürgen Boos zum 30. Jubiläum des LiBeraturpreises zusammengestellt haben, zum Glück Mangelware.  Er ist auch deswegen ein Fest, weil die Texte mit gängigen Rollenklischees brechen, mit stereotypen Bildern über Männlichkeit etwa, wie in Jamaika Kincaids „Rolands Lied“. Da betrachtet eine Liebhaberin ihren aus beruflichen Gründen körperlich stark beanspruchten Liebhaber nach dem Geschlechtsakt mit einem schonungslos klaren und zugleich verliebten Blick, sinniert über folgenden, seltsamen Gegensatz:

Aber wie ist es möglich, dass ein Mann, der große Säcke voller Zucker oder Baumwollballen vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang auf dem Rücken tragen kann, innerhalb von fünf Minuten in einer Frau total erschöpft ist?

In Hanan von Dima Wannous betrügt eine Frau ihren Ehemann, nicht nur um finanzielle Vorteile aus den Beziehungen für ihre Ehe herauszuschlagen, nein, sie hat auch viel Spaß dabei. Was macht der gehörnte Ehemann? Er schmiegt sich „sanftmütig“ jede Nacht an den großen, starken Körper seiner Frau und „dankt Gott dafür, dass er ihm diese großartige und opferbereite Frau geschenkt“ hat.

Thematisch ganz unterschiedlich beleuchtet wird das Thema der Mutterschaft. In Wie eine gute Mutter von Ana Maria Shua verzweifelt eine Frau daran, eine gute Mutter sein zu wollen. Sie verzweifelt daran so sehr, dass sie Gefahr läuft von ihren widerspenstigen Kindern fahrlässig getötet zu werden, weil sie aufgrund ihrer Ansprüche einen Erziehungsfehler nach dem nächsten begeht, sich ihre Kinder in Bestien verwandeln. In dieser Erzählung wird, wie so oft in dem phantastischen Sammelband, beinahe beiläufig mit Stereotypen gebrochen, hier mit der Meinung, Mütter wüssten instinktiv, wie sie sich ihrem Nachwuchs gegenüber verhalten sollten. Diese Mutter weiß nichts, ist völlig überfordert mit der Situation, aber vor allem mit den Ansprüchen, die die Gesellschaft an sie als „gute Mutter“ stellt. Sie kann nur scheitern:

Tom schrie. Mama war in der Küche beim Teigkneten. Tom war vier Jahre alt, gesund und ziemlich groß für sein Alter. Er konnte sehr lange sehr laut schreien. Mama las dauernd Bücher über Kinderpflege und Erziehung. In diesen Büchern und auch in Romanen waren Mütter (die guten Mütter, die ihre Kinder wirklich lieben) imstande, die Gründe für das Schreien eines Kindes zu erkennen, sie brauchten nur ein wenig auf die Klangfarbe zu achten.

Oft ist es der gesellschaftliche Druck, der das Innenleben der Protagonistinnen aus dem Gleichgewicht bringt. Allerdings wissen sich die meisten zu wehren, suchen sich zum Beispiel Liebhaber, wie etwa Ana, in Das Cacomixtle von Liliana Blum, einer Erzählung, in der der Hausfrau und Mutter eine Rolle zugesprochen wird, die immer noch viel häufiger Männern angedichtet wird:

Was Ana mit Marcelo hatte, war reiner Sex. Sie hatten sich nie außerhalb des Motels gesehen. Sie waren nie gemeinsam essen gegangen oder ins Kino. Sie kannten kein einziges Mitglied ihrer jeweiligen Familien und würden niemals zusammen in den Supermarkt gehen.

Überhaupt werden Geschichten von Frauen erzählt, die aufbegehren, die lügen und betrügen, auch ohne auf die Gefühle der Männer zu achten. Umsonst sucht man nach zerbrechlichen Geschöpfen, die auf den rettenden Prinzen warten. Auch wer ganz unten ist, versucht, sich eine Luftblase zum Atmen zu erkämpfen.

Besonders eindrucksvoll wird das an den Texten sichtbar, in denen sich die von Geburt an zweifach marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen. Die junge Haushälterin Claude in Drei Frauen in Manhattan der Autorin Maryse Condé, ist nicht nur als Frau geboren, sondern kommt dazu aus armen Verhältnissen. Ihr Glück sucht sie weit weg, in New York. Wie stark der soziale Stand die eigene Biographie prägen kann, wie schwer es ist, sich aus den Fesseln sozialer Hierarchien zu befreien, wird in der Erzählung dadurch deutlich, dass die Reichen ihre Träume leben und die Armen durch ihre Träume zwar am Leben bleiben, aber niemals das erreichen, was sie erreichen könnten, wenn sie die finanziellen Mittel hätten. In Zwei Linien von Leticia Martin führt die Gewissheit, sich als Putzhilfe eine eigene Familie nicht leisten zu können, zu einer forcierten Abtreibung des Fötus auf dem Fußballfeld. Die Protagonistin läuft so lange dem Ball hinterher, bis ihr Körper völlig entkräftet „gutes Blut“ fließen lässt.

Traurig-berührende Geschichten wechseln sich mit kraftvoll-komischen ab, sodass zuletzt ein Mischgefühl zurückbleibt und der Eindruck, dass Frauen in Europa zwar immer noch privilegierter sein mögen, der Wunsch nach Freiheit und auch die Kraft, errungene Freiheiten zu erhalten,  in der außereuropäischen Literatur aber eine ungemein wohltuende Strahlkraft hat. Die Protagonistinnen verstehen es, sich männlich dominierte Räume anzueigenen, und wenn das nicht funktioniert, sich der fremden Macht zumindest zu entziehen, um sich zur Not eben in eine Pflanze zu verwandeln.

Das erinnert an Sartres radikalen Freiheitsbegriff. Es gibt immer eine Wahl der Möglichkeiten, auch wenn diese durch äußere und innere Zwänge eingeschränkt ist.

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