Autor Archiv:Riccarda Gleichauf

Weil Konformität tötet. Sich erinnern, man selbst zu sein. Paulina Czienskowski.

Was vom Titel her ein bisschen wie ein einfacher Lebensratgeber klingt, ist in Wahrheit anspruchsvolle, philosophische Lektüre, die in jedem guten Subjekttheorie- oder Phänomenologie-Seminar gelesen werden sollte. Sich erinnern, man selbst zu sein, verhandelt spielerisch die ganz großen Fragen des Lebens. Wer bin ich? Wer sind wir? Wie kann ich mein Ich im Wir behaupten, wenn ich doch immer Teil davon bin, ein Teil davon sein will?

In der Gegenwart anderer, so der Eindruck der Ich-Erzählerin, stellen Menschen Behauptungen über sich auf, und tun so, als seien sie wahr. Die Konsequenz ist, dass das Ich als Ich langsam verschwindet, unsichtbar wird. Schmerzen tut das nur, weil sich ein wie auch immer gearteter Kern meldet, der seine Existenzberechtigung einfordert:

Dieser scheiß Kern da vorne, er ruiniert mein Erscheinen. Wenn das da, diese Mitte, doch so wichtig ist, wieso verlieren sie dann so viele?

Die Antwort ist banal, es geht schlichtweg um die Selbsterhaltung: Das Ich kommt besser durchs Leben, wenn es nicht ständig auf seinen Kern pocht, an seinen Kern denkt, sich über seinen nicht genau festzulegenden Kern Gedanken macht. Doch die Protagonistin möchte sich nicht damit zufriedengeben, sich wie viele andere Mitmenschen damit anzufreunden nur noch unauthentisch, also umnachtet, durch die Welt zu spazieren. Regelrechte Wutausbrüche gegenüber den Einstellungen der anderen, denen, die es nur gut mit ihr meinen, zeugen im Text von der tatsächlichen Lebendigkeit der Suchenden. Anklagend formuliert sie dies so:

Und viele von euch schaffen es ja, so Larifari und ohne viel Arbeit da durchzukommen, durchs Leben, manövrieren sich über die Wege, die – wenn man ganz genau hinsehen würde – auf einem großen Fake basieren. Dem, niemals genau hingesehen zu haben.

Bleierne Müdigkeit überfällt die Ich-Erzählerin, die zwischenzeitlich von der blanken Natur bedroht wird, weil es keine eindeutigen Antworten auf all ihre Fragen gibt. Wären da nicht die nervigen Stimmen von Außen, dem WIR, mit denen sie sich auseinandersetzen muss, über die sie sich immer wieder ärgert, wäre sie, alleingelassen mit ihrem Kern, im Eis eingebrochen. Und alles wäre gut? Nein! Denn nur Kern zu sein, führt sie auch nicht weiter. Es gut zu haben hieße, lauwarm vor sich hinzuköcheln. An den Kern kann Ich mich nämlich nur erinnern, wenn mir die anderen zurückspiegeln, wer ich nicht bin, aber sein soll(te). Diese gutgemeinten Ratschläge entfachen die Möglichkeit zum Widerstand gegen den Anspruch sich anzupassen, konform mit den anderen zu werden.

Der Versuch, sich selbst im Wir zu behaupten, lässt unterschiedlichste Emotionen in der Suchenden entstehen. Einsamkeit, Angst und Wut führen dazu, dass sie sich am liebsten in eine Grube versenken würde. Wo findet sie Geborgenheit, in dieser eiskalten Welt, in der ein uneindeutiges Ich unterdrückt werden muss, von den anderen nicht akzeptiert und als schwach angesehen wird? Doch genau diese ambivalenten Gefühle machen die Lebendigkeit des Menschen aus. Ohne die „Feinde“ im Kern, wäre er längst tot, hätte sich selbst verloren:

Ja, ja, ich will das doch genau so, alle Gefühle will ich haben, nicht stumm, nicht angepasst sein. Das weiß ich doch. Und alle von diesen Gefühlen sind LAUTER, aufregender als stille, langweilige Formen. Sie alle sollen sich in uns hineinwinden und sich über andere stülpen, wenn auch ein kleines bisschen anders. Aber egal, wir wollen doch was hinterlassen, wollen wer sein, nicht irgendwann gehen und niemand erinnert sich. Oder? Schau dich um, überall sieht man sie und schläft ein vor Konformität. Aber das sagtest du ja auch gerade.

Bunte, teilweise schrille Zeichnungen der Künstlerin Malwine Stauss unterstützen das Gefühlschaos der Protagonistin eindrucksvoll. Sie wirken wie Graffitis, die keine erklärenden Textstücke brauchen, weil sie für sich die jeweilige Botschaft transportieren. Zusätzlich unterstreichen sie die Hybridität des Textes, der zwischen Prosa und Drama angelegt ist, sich mutig nicht in einer Genre-Schublade verstauen lässt. Genauso wie das aufbegehrende Ich im Wir, das uns die Autorin präsentiert.

Die Lektüre kann einen ratlos und verzweifelt zurücklassen, weil sie keine Gebrauchsanweisung für ein authentischeres Leben liefert, sondern vielmehr die Komplexität der Kernfindung und seiner Behauptung vor Augen führt. Sie kann aber auch beruhigen, indem sie uns in unserem tagtäglichen, oft als irrational abgestempelten Unwohlsein darin bestätigt, dass es normal ist, sich fremd in seiner angepassten „Haut“ zu fühlen. Wir kennen diese Zustände alle, auch wenn sie oft nach außen hin für andere unsichtbar bleiben (sollen), weil wir naturgemäß gute Schauspieler*innen sind.

Wohltuend ist auch, dass sich dieses Ich mit dem Wir auseinandersetzt, obwohl das Stress und Ärger bedeutet. Heutzutage gibt es die Tendenz, sein Ich im Rückzug aus der äußerlichen Welt zu suchen, sich abzukapseln und den streitbaren Raum für Dialoge zu meiden. Das Ich in Sich erinnen, man selbst zu sein begreift die Suche nach „wahrer“ Kernfindung nur in der Konfrontation mit anderen. Rückzug dient alleine dazu, neue Kraft für die Auseinandersetzung zu schöpfen. Dies ist eine zutiefst politische Haltung, die die Autorin Paulina Czienskowski, deren Texte im Korbinian Verlag verlegt werden, überzeugend beschreibt.

Weibliche Bewusstseine. Adas Raum. Sharon Dodua Otoo.

Adas Raum ist unbegrenzt und bewegt sich in Schleifen von Handlungsstrang zu Handlungsstrang. Ada, das sind wir Frauen, egal ob schwarz oder weiß, egal, in welcher Kultur oder welchem Jahrhundert sozialisiert. Verbindend ist, dass unsere Körper gleichfalls (auch) Lebensräume sein können, wenn wir Mütter werden. Es sind Körper, die Leben ermöglichen, denen aber oft Gewalt angetan wird, weil patriarchale Schlachten auf ihnen ausgetragen werden. Oft wirken sie elementar auf historische Geschehnisse ein, und bleiben doch unerkannt, weil unterdrückt.

Nehmen wir das Jahr 1848. Hier wird Ada zur Computer-Pionierin, sieht voraus, dass die Menschheit eines Tages ins Weltall fliegen wird. Sie erläutert ihrem Liebhaber Charles (Dickens) ihre logischen Überlegungen dazu, er lacht über sie, weil er sich nicht vorstellen kann, dass ein simples Mädchen solche Ideen haben kann. Im gleichen Atemzug übernimmt er sie in seinen nächsten Roman mit der gönnerhaften Bemerkung, dass der Roman nach Ada benannt werde. 1848 bekommen Frauen (noch) keine Öffentlichkeit, in der ihr kreativer Geist gleichberechtigt zu dem des Mannes Anerkennung findet. Alles läuft nur über den Mann, das weibliche Leben ist an ihm ausgerichtet und endet durch seine Hand.

Auch die Ada, die 1945 als Zwangprostituierte im KZ Dora bei Nordhausen eine zeitlang überlebt, bekommt das Machtungleichgewicht am eigenen Leib zu spüren. Sharon Dodua Otoo beschreibt beklemmende Szenen in den Baracken, gibt verdinglichten Frauen eine Stimme, die in der ganzen Aufarbeitung des Holocausts kaum gehört wurde. Sie flicht Schleifen, schafft Bezüge, die zunächst einmal nicht auf der Hand liegen. Was hat der Holocaust z.B. mit der Kolonialisierung Ghanas zu tun? Man könnte meinen, der Roman sei zu konstruiert. Diesem Eindruck muss entgegengehalten werden, dass Ada als Zeitreisende, keine räumlichen, künstlichen Grenzen kennt. Alles gehört mit allem zusammen, so wie ein Kind niemals nur von einer einzigen „Mutter“ erzogen wird, sondern von vielen, von all denen, die sich um es kümmern, es beeinflussen. Phantastische Elemente haben eine zentrale Rolle bei der Narratologie des Textes und befreien ihn zusätzlich vom Vorwurf der Konstruktion: Das Eigenleben der Dinge. Reisigbesen, Türklopfer und Reisepass begleiten Ada durch die Jahrhunderte. Sie kommentieren ihr Verhalten, ihr Leiden, kreisen gleichzeitig wie Menschen um sich selbst. Sie sind bei ihr, legen Zeugnis ab über weibliche Schicksale, dessen Handlungsspielraum fatalerweise bis ins 21. Jahrhundert hinein ein begrenzter ist. Zuletzt befinden wir uns in Berlin. Der Wohnungsmarkt dort ist leergefegt, Ada hochschwanger und für die WohnungsbesitzerInnen vor allem schwarz:

In Ghana wurde Ada schleichend zur Frau und bekam es kaum mit. In Deutschland wurde Ada schlagartig zur Schwarzen und spürte es sofort.

Die sprechenden und beobachtenden Gegenstände bringen eine wohltuende Komik in die manchmal bedrückende Handlung, verwirren bei der Lektüre, weil nicht sofort ersichtlich ist, wer oder was spricht. So ist Adas Raum eine Herausforderung für LeserInnen, die linear strukturierte Plots gewöhnt sind. Für diejenigen, die sich darauf einlassen, eröffnen sich Bewusstseinsbereiche, in denen Dinge zutage treten, von denen man überzeugt war, dass sie nichts miteinander zu tun haben.

Letzte SkeptikerInnen dieses Phänomens werden zuletzt durch die Erzählung über die Weltreise eines weiteren Gegenstands davon überzeugt. Es geht um ein kostbares Armband aus Afrika, das die Turbulenzen der historischen Geschichte überlebt und dessen Trip im Heute noch lange nicht zuende ist, weil es im Moment dort ist, wo es nicht hingehört.

Obwohl die Geschichte über das Armband nicht auserzählt wird, ergeben die übrigen gezogenen Schleifen zum Ende des Romans einen Kreis. Wo Ada am Anfang tote Babys betrauert, wird am Ende ein lebendes geboren, zwar auch unter Schmerzen, aber hoffnungsvollen. Der Roman Adas Raum wirkt nicht nur nach, weil er literarisch Grenzen überschreitet, die in der Gegenwart leider immer noch existieren, sondern auch, weil er weibliche Bewusstseine zum Erscheinen bringt. Starke, oft ungehörte Bewusstseine, ohne die Leben nicht möglich wäre.

Spiegel einer Gesellschaft. Marie-France Hirigoyen. Die toxische Macht der Narzissten und wie wir uns dagegen wehren.

Die Psychoanalytikerin Marie-France Hirigoyen kennt sie aus ihrer Praxis für Psychoanalyse: Personen mit einer pathologischen Narzissmusstörung. Meistens suchen allerdings deren Opfer Hilfe bei ihr, weil Narzissten selten auf die Idee kommen, dass sie krank sein könnten. Die Autorin beginnt ihre Ausführungen nicht mit einem theoretischen Überbau, sondern führt den Leserinnen und Lesern zunächst das Paradebeispiel eines toxischen Narzissten vor. Der noch amtierende US-Präsident Donald Trump erfüllt aus Sicht der klinischen Diagnose alle Kriterien. Neun sind es an der Zahl und die Autorin füllt jedes einzelne mit Beispielen aus Donald Trumps Verhalten. So bewegt er sich zum Beispiel ständig zwischen Emphase, Superlativ und Hyperbel. Wenn er seine Mitarbeiter vorstellt, benutzt er stets den Superlativ. Über den Chef von ExxonMobil, Rex Tillerson, den er im Februar 2017 zum Außenminister ernannte (und ein Jahr später feuerte), sagte er: ‚Er ist der größte, geschickteste Geschäftsmann der Erde, er ist unglaublich!‘ (Kriterium 2: Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe).

Selbst diejenigen, die Trump für einen gesunden Menschen halten, werden nach der Analyse der Autorin ins Grübeln geraten. Sie hat ihn über Jahre sehr genau beobachtet und formuliert bereits im ersten Kapitel eine wichtige These des Sachbuchs. Narzissten wie Trump schaffen es an die Macht, weil die heutige Gesellschaft eine narzisstische ist. All die Trumps, Putins und Bolsonaros sind hausgemacht in einer Welt, in der derjenige erfolgreich ist, der sich am besten verkaufen kann. Ich schreibe bewusst derjenige und nicht diejenige, weil das Krankheitsbild vorwiegend bei Männern vorkommt. Denn:

Männer tendieren eher als Frauen dazu, andere auszubeuten und auf gewisse Privilegien Anspruch zu erheben. Im Bereich des Führungsanspruchs zeigen Männer eine stärkere Selbstbehauptung und ein stärker ausgeprägtes Verlangen nach Macht als Frauen. Hingegen stellten die Wissenschaftler keinerlei geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Angeberei fest, woraus zu schließen ist, dass Eitelkeit und Selbstgefälligkeit kein Privileg der Männer ist. All diese Feststellungen können durch Stereotypen erklärt werden, die in der Kultur und der Erziehung verwurzelt sind.

Weiter analysiert die Autorin drei unterschiedliche narzisstische Pathologien. Den grandiosen Narzissten (Trump), die verletzlichen Narzissten (potentielle Amokläufer), die narzisstischen Perversen oder Psychopathen (Putin).

Natürlich sollte jeder Mensch einen gewissen Grad an Narzissmus (kurz: Selbstliebe) besitzen, sonst ist er nicht überlebensfähig. Ein gesunder Narzissmus ist aber immer auch erfüllt von Schamgefühlen und der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Doch wo verläuft nun genau die Grenze zwischen einem akzeptablen und einem pathologischen Narzissmus? Da beginnt die Autorin ungenau zu werden, flüchtet sich in klinische Studien, die keine messbare Klarheit bringen. Eindrücklich nacherzählte Fallbeispiele sind es, die verdeutlichen, welche Verhaltenweisen krankhaft sind und welche nicht.

Die Psychoanalytikerin betont, dass narzisstische Krankheiten zunehmen und begründet dies mit der Verhärtung der Arbeitswelt. Die in ihr tätigen Personen würden immer weniger in ihrer Besonderheit geachtet. Diese Annahme belegt sie durch Untersuchungen unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche. Differenziert beschreibt sie das aktuelle Verhalten der Narzissten in Unternehmen auf der Führungsebene, in der Wissenschaft oder Politik. Die Welt ist voller toxischer, mächtiger Männer, Tendenz steigend. Ihre Ausführungen sind nachvollziehbar und öffnen die Augen dafür, die Blender frühzeitig zu erkennen (gerade für PersonalerInnen im Unternehmen ist das hilfreich!). Denn sie sind oft gute Schauspieler, verkaufen sich smart, talentiert und empathisch – bis sie die Position erreicht haben, die sie erreichen möchten.

Schade ist, dass Hirigoyen ihr Versprechen, das im Untertitel des Buches angekündigt wird, nicht einlöst. Wie wir uns gegen Narzissten wehren, geht in der Hoffnung unter, die 80er und 90er Generation möge ein Problembewusstsein entwickeln. Sie meint sogar bei der heranwachsenden Jugend ein verändertes Konsumverhalten (!) zu erkennen, eine Art Rebellion gegen unser neoliberales Wirtschaftssystem, der Wurzel allen Übels. Das ist eine sehr optimistische Sichtweise und ein enttäuschendes Schlusskapitel für dieses ansonsten erhellende und klug verfasste Sachbuch.

Sich immer überhaupt nicht kennen. Deniz Utlu. Gegen Morgen.

Das verflixte 30ste Lebensjahr. Schon Ingeborg Bachmann hat in der Erzählung Das dreißigste Jahr ihren Protagonisten hinunter ins Bodenlose stürzen lassen, bis ihm die Sinne schwinden, bis alles aufgelöst, ausgelöscht und vernichtet ist, was er zu sein glaubte. Kara, aus Deniz Utlus Roman Gegen Morgen, Wirtschaftswissenschaftler, verfällt in eine Existenzkrise, ausgerechnet während er über einem Forschungsprojekt sitzt, in dem er die Fixkosten des Lebens berechnen soll. Leben, oder wirklich zu leben, ist dabei zunächst eine Behauptung, die erst einmal durch Fakten und den passenden Formeln, bewiesen werden muss. Kara untersucht biografische Fakten, betrachtet alte Fotos, auf denen ihm seine langjährige Freundin und sein langjähriger Freund entgegengrinsen. Mit wütender Hartnäckigkeit bearbeitet sein Verstand diese eine Frage:

Was hat mich dieses Leben gekostet, wie hoch sind meine versunkenen Kosten? Die Kosten von dem, was ich für mein Leben halte?

Ganz ernstnehmen kann man die vom Ministerium bezahlte (!) Forschungsarbeit, die ein philosophisches Problem in allgemeingültige Formeln packen soll, nicht, aber das ist auch nicht der Anspruch des Romans. Vielmehr entwickelt sich an ihr der tiefgründige Erzählstrang, an dem entlang die Geschichte einer Freundschaft dreier junger Männer erzählt wird, an deren Echtheit genauso stark gezweifelt wird, wie an der Behauptung, Lebendigkeit objektiv messbar machen zu können. In diesem Leben, in dem die eigene Selbstoptimierung über dem Imperativ der Großzügigkeit steht, bleiben nichts als leere Herzen zurück, so formuliert Ramon kapitalismuskritisch. Ramon ist derjenige der drei Freunde, der sich nicht einfangen lässt vom System, der Erfahrungen macht, ohne einen vorher kalkulierten Zweck zu verfolgen.

Der Plot beginnt mit der Trennung Karas von seiner langjährigen Freundin Nadia, wegen unterschiedlicher Vorstellungen davon, wie es in der Beziehung weitergehen soll. Sollte eine Familie gegründet werden, ja oder nein? Kara strauchelt, will sich nicht festlegen, nicht das tun, was von einem Mann in den 30ern erwartet wird. Überschwemmt wird er von Erinnerungen, darin tauchen sein bester Freund Vince und eine seltsame Gestalt, Ramon genannt, immer wieder auf. Vince hat sich mittlerweile aufgegeben, sich den Wünschen seiner Freundin ergeben und verlässt die langjährige Wohngemeinschaft mit Kara. Glücklich ist auch er nicht, verzichtet auf das Wagnis, ein Leben anders zu leben, als die Gesellschaft es von ihm erwartet.

Aber wie umgeht man den Tod so vieler anderer Möglichkeiten, wenn man sich auf eine davon festlegt? Gar nicht, man sollte nur mit ihr wirklich zufrieden sein. Eine Familie zu gründen, wäre eine Möglichkeit, die naheliegende in Karas Alter. Doch genau das möchte er nicht, weil er den Tod an Lebendigkeit fürchtet, der mit dieser Entscheidung einhergehen könnte. So fällt Kara immer tiefer ins Bodenlose, beginnt, sich auf die Suche nach Ramon zu machen, der zeitlebens mit Mutter und Schwester in einer Berliner Plattenbausiedlung lebt, für den Rassismuserfahrungen und Armut Alltag sind. Ein rätselhafter und deswegen unglaublich spannender Charakter, Schlüsselfigur des beeindruckenden Romans. Zu Studienzeiten ist er bei Vince und Kara fast täglich in der Studenten-WG aufgetaucht und plötzlich abgetaucht, ohne dass die Freunde nach dem Grund fragen. In der Existenzkrise wird sich der Protagonist bewusst, dass er sich nie wirklich, trotz all der intensiven WG-Gespräche, für Ramon interessiert hat. Das zweite Kapitel wird nicht ohne Grund mit den Worten der Lyrikerin May Ayim eingeleitet: Wir kannten uns immer überhaupt nicht, heißt es dort. Das überhaupt nicht, diese zwei bedeutungsvollen Worte, möchte Kara nicht mehr teilnahmslos hinnehmen und er begibt sich auf die Suche nach dem Menschen, den er eigentlich erkennen müsste, weil er sich von den anderen unterscheidet, ein Außenseiter ist.

Ramon sucht das (wirkliche) Leben. Kara versucht es zu berechnen, ohne es gefunden zu haben. Beide Figuren sind in ihrer einsamen Widerständigkeit zwei Verlorene, finden und verlieren sich immer wieder. Für die beiden Freunde wäre es eine Horrorvorstellung, von den Menschen auf der Straße, die wie Duplikate aussehen, wie Bachmanns leblos-uneigentliche „Molls“, gefressen zu werden. Dagegen kämpfen sie an und nehmen das Gefühl der Bodenlosigkeit dafür in Kauf.

Gegen Morgen rührt mit seinen existenziellen Fragen tief in der menschlichen Seele, an dem, was von ihr (noch) übrig ist. Deniz Utlu hat ein Stück literarische Eigentlichkeit geschaffen, an der man sich als Lesende gerne festhält.

Unbefangen Bananen essen. Olivia Wenzel. 1000 Serpentinen Angst.

Schweissgebadet schrecke ich in einer der letzten Nächte auf. Ganz deutlich kann ich mich an meinen gerade erlebten Traum erinnern. Darin sitze ich, gefesselt auf einem Stuhl und umringt von Skinheads, die ich an ihren weißglänzenden Glatzköpfen erkenne, in einem höhlenartigen Raum. Die Skinheads sind gerade im Begriff einer anderen weiblichen Person, ebenfalls gefesselt, die Kehle durchzuschneiden. Ich weiß im Traum genau, dass ich als Nächstes an der Reihe bin – bevor das passiert – wache ich auf.

Sofort bringe ich den Traum mit meiner intensiven Lektüre des Romans 1000 Serpentinen Angst, der Dramatikerin Olivia Wenzel, in dem sie immer wieder Rassismuserfahrungen beschreibt, zusammen. Szenen spielen darin eine Rolle, in denen die schwarze Protagonistin von Rechtsradikalen angefeindet wird oder sich verstecken muss, damit das nicht passiert. Zum Beispiel an einem schönen Sommertag am Strausberger See bei Berlin, an dem sie plötzlich auftauchen:

Mein Freund und ich, wir sind ein Paar, aber kein glückliches; wir haben uns vor einer halben Stunde gestritten. Rechter Terror ist: Als die Nazis kommen, gehören wir wieder zusammen. Sie ziehen sich aus, so wie ich mir das bei Soldaten vorstelle, stramm und zackig. Sie falten ihre Kleidung, stehen aufrecht und steif da, an einem heißen Sommertag, nackt und selbstbewusst, schauen auf den Strausberger Badesee, als gehörte er ihnen. Rechter Terror ist: nicht über diese Steifheit lachen zu können aus Furcht, entdeckt zu werden.

Die Nazis registrieren ein schwarzes Kleinkind im Wasser und kommentieren das mit „Bäh, da war ja ein Neger im Wasser“. Kurz darauf quälen die Protagonistin Verwürfe, sich nicht bemerkbar gemacht zu haben, sondern erst im Auto auf der fluchtartigen Heimfahrt, die Polizei verständigt zu haben.

Warum sich diese Szene so stark einprägt, liegt nicht nur an ihrem Inhalt, sondern an der Form des Erzählens. Perfekt komponiert auch für die Bühne, hakt eine innere oder äußere Stimme nach und bringt die Protagonistin durch Kommentare oder Fragen dazu, über das Geschehene zu reflektieren. Die Figur wird dadurch vielschichtig beleuchtet, ist nicht nur Opfer, sondern fühlt sich auch als Täterin. Sich in so einer Extremsituation korrekt zu verhalten ist schwer, fast unmöglich.

Die Krise, eine Angststörung, scheint vorprogrammiert. Mit Mitte dreißig ist es soweit – die Protagonistin muss sich auf die Suche danach begeben, WER sie eigentlich ist, um nicht verrückt zu werden. Auf ihren Reisen nach Vietnam und in die USA, wird sie immer von der fragenden Stimme begleitet und von dem einen Satz: WO BIST DU JETZT? Eine Stimme, die sie herausfordert, bei der im ganzen Lektüreverlauf nicht deutlich wird, woher sie kommt. Manchmal ist sie provokant-nachbohrend, wie die einer Psychotherapeutin, manchmal fürsorglich, wie die einer besorgten Mutter. Immer hat sie den Effekt, dass die beschriebenen Erfahrungen noch einmal genauer durchdacht werden, auf einen intuitiv dahingesagten Spruch, der Widerspruch folgt. Denn Identität ist fluide, nicht zu fassen, entgleitet permanent, muss sich im Falle der Ich-Erzählerin erst recht als eine solche behaupten.

Wer ihr dabei hilft sich selbst ein stückweit näher zu kommen, das sind vor allem die Freunde, ist weniger die kaputte Familie. Ein roter Faden, ein Erzählimpuls, der immer wieder auftaucht, ist ihre große Liebe Kim. Sie ist die Person, auf die Verlass ist, auch wenn sie die Protagonistin, die ihr eigenes Herz zu Beginn des Romans als Automat aus Blech beschreibt, immer wieder enttäuscht.

In New York erlebt sie endlich was es heißt, das Gefühl zu haben, irgendwo wirklich dazuzugehören, nicht z.B. alleine durch die Hautfarbe Außenseiterin zu sein. Unter Afroamerikanerinnen traut sie sich zum ersten Mal, ohne Scheu eine Banane zu essen, mit verklärendem Blick sieht sie die USA zunächst als Paradies. Zum Ende des Romans heißt es dann nachdenklicher:

Diese warme Community schwarzer Menschen, hier in den USA, ist nur möglich, weil sie jahrhundertelang zum Überleben nötig war. Die Basis, auf der sich diese Menschen begegnen und bestärken, war und ist blutig, ungerecht, qualvoll. Du kannst dankbar sein, dass du willkommener Gast in dieser Gemeinschaft bist, eine Touristin dieser auf Schmerz gewachsenen Blackness. Du kannst froh sein, dass dein Herz hier nur temporär ein paar düstere Schläge imitiert.

Jede Krise hat, wenn sie erkannt und angegangen wird, sein Gutes. Je früher sie im eigenen Leben auftaucht, umso besser. Im Sumpf der eigenen Kindheit herumzutapsen, hier einer „schwarzen“ Kindheit mit traumatischer Ostvergangenheit der Mutter, transportiert aktuelle Wirklichkeiten, denen wir als Lesende gebannt folgen, auch weil sie (bis jetzt) Ausnahmeerscheinungen der deutschen Literatur sind, nicht weil es sie so selten gibt, diese Erfahrungen, sondern weil ihnen die Öffentlichkeit fehlt.

Der Text mischt die eigene Wahrnehmung auf, egal mit welcher Hautfarbe die Lesende geboren wurde. Bester Beweis dafür ist mein Traum, in dem die künstlichen Grenzen zwischen so etwas Banalem wie einer Hautfarbe verschwimmen, der Skinhead vielleicht allgemein für Diskriminierungserfahrungen steht. Denn es geht in 1000 Serpentinen Angst nicht nur um das Thema Rassismus und die persönlichen Erfahrungen der Protagonistin damit, sondern um viel mehr. Um nur ein Beispiel zu nennen etwa darum, was es bedeutet, ein „Ossi“ zu sein. Genauer, was es heißt, als Frau und Teenager in der DDR aufzuwachsen, mit all der Sehnsucht nach Freiheit und gleichzeitig nach 1989 mit dem umzugehen, „was der Westen nach dem Mauerfall mit dem Osten gemacht hat“, nämlich, sich zu bemühen „greifbare, positive Erinnerungen zu zerstören“.

Was bleibt da? Von DIR? Nicht viel, wenn du nicht beginnst, nach dir zu suchen. Vielleicht findest du ein Teil deines Ichs in einem so antiquierten Ding wie einem Snackautomaten, der an einem verlassenen Bahnhof steht. Die Protagonistin spielt mit dem Gedanken hineinzuschlüpfen – nachzugucken lohnt sich also allemal:

Es wäre das Beste gewesen, ich hätte in dem Automaten Unterschlupf gesucht, gleich als ich den Bahnsteig betrat. Es wäre vielleicht das Beste gewesen, ich wäre sofort in diesen Automaten aus Blech eingezogen und hätte darin für ein paar Tage gewohnt. Hätte mich mit einer knisternden Folie aus Zellophan zugedeckt und gegessen, was mir in den Schoß gefallen wäre, hätte mir schließlich eine raschelnde Toilette gebastelt. Ich hätte Ruhe und Zeit gehabt, ich meine, ich liebe Ruhe und Zeit, und ich wäre in Sicherheit gewesen.

 

Sich aus dem Augenblick davonstehlen. Iris Wolff. So tun, als ob es regnet.

Über wirklich gute Literatur, also Literatur, die nicht einfach nur einen durchkonstruierten Plot von Anfang bis Ende erzählt, sondern aus vielen Einzelteilen besteht, die zerrupft und auf der Bedeutungsebene immer wieder anders zusammengesetzt werden können, ist es schwierig, auch nur einen wahren Satz zu schreiben. Ich versuche es trotzdem, weil ein banales Gesetz den Buchmarkt bestimmt: Es wird das gelesen, worüber man spricht.

Se face că plouă, so tun, als ob es regnet. An diesem Satz aus dem Rumänischen entwickelt sich Iris Wolffs „Roman in vier Erzählungen“. Leise, wie auf Ackerfelder rieselnder Landregen, bildet er die Hintergrundmusik zu Lebensentwürfen einzelner Figuren, die als Figuren der jeweiligen Zeit handeln, in die sie zufällig (?) hineingeboren wurden.

Mitten im sinnlosen Sterben auf den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs, entsteht in der ersten Erzählung Budapest? zwischen zwei Menschen ein flüchtiger aber deswegen umso intensiverer Moment, so etwas wie aufkeimende Liebe, aus denen die Figuren für die darauffolgenden Geschichten hervorgehen. Dabei ist auffällig, dass es zwar eine Hauptfigur gibt, Henriette, die Nebenfiguren aber so eindrücklich beschrieben werden, dass auch sie sich ins Gedächtnis einprägen.

Jede Figur hat ihre Relevanz, ihren Handlungsradius, erzählt von einer Möglichkeit, das eigene Leben zu gestalten. So erhalten auch potentielle Nebenfiguren, wie die Schwestern von Henriette, ihren einprägsamen Auftritt.

Henriette, Künstlerin und manische Notizenschreiberin, formuliert das ihrer Nichte Hedda gegenüber kurz vor ihrem Tod folgendermaßen, und vielleicht klingt hier der Anspruch von Iris Wolffs Schreibethos durch, auch den Randfiguren in der (historischen) Geschichte, wie zum Beispiel dem als Kanonenfutter dienendem Soldat in der Anfangserzählung, einen Platz in der Literatur einzuräumen:

Es sind nicht unbedingt die Hauptfiguren, die wichtig sind. (…) All jene, die kurz, manchmal nur am Rande erwähnt werden, sie wollen wir nicht vergessen.

Wir wollen sie nicht vergessen, all jene, die zum Spielball der Geschichte wurden und dennoch ihre Spuren darin hinterließen, leise, widerständig und scheinbar unbeachtet darin wirken.

Henriette, die sich schon als junges Mädchen aus dem Augenblick davonstehlen kann, für andere nur körperlich anwesend ist, ist dennoch die herausragende Figur, der Orientierungspunkt, die Heldin der Geschichte(n).  Denn sie bricht aus den Normen der Zeit aus, um sich zu einer modernen Frau zu entwickeln, obwohl die Umstände das verhindern müssten.

Vielleicht liegt das gerade an ihrer Fähigkeit, im richtigen Moment geistig abzutauchen:

Se face că plouă, so tun, als ob es regnet, nannte ihre Mutter diese Abwesenheit, die sich immer einstellte, wenn Henriette etwas langweilte oder sehr beschäftigte, andere im Gespräch waren oder auf sie einredeten, oder wenn sie ihr etwas auftrug, das sie nicht mochte.

In dieser zweiten Erzählung über schlaflose Existenzen in einem Dorf in Siebenbürgen, erscheint eines Abends eine vornehme Frau, die Henriette einen Ring im Tausch gegen Nahrungsmittel überlässt und den sie bis zu ihrem Tod trägt. Es kündigt sich an, dass er in einer späteren Geschichte wieder eine Rolle spielen wird, wenn auch nie eine klar definierbare. Genau das ist das faszinierende, rätselhafte und unheimlich-berührende an den Erzählungen von Iris Wolff. Man lebt mit jeder einzelnen Figur mit, egal ob sie männlich oder weiblich ist, erlebt die (historische) Geschichte unterschwellig zur eigentlichen Handlung wie ein schicksalhaftes Hintergrundrauschen. Symbolisch aufgeladene Gegenstände, wie das genannte Schmuckstück, verstärken dabei die Spannung, die entsteht, weil die Bedeutungsmöglichkeiten vielfältig sind und bis zuletzt keine eindeutige Lesart angeboten wird.

Wir erleben Anfang und Ende der Protagonisten im Fluss der Zeit bis ins Heute, erfahren über Henriettes Nichte Hedda in der letzten Erzählung Wölfe und Lämmer, wie sich das Leben ihrer Tante bis zu ihrem Ende entwickelt hat. Spuren hinterlässt sie wie beiläufig unter anderem durch die Geburt ihres Sohnes Vicco, von dem in Eine Zitrone im All berichtet wird. Nahtoderfahrungen spielen darin eine Rolle, aber vor allem wird erzählt, welch ambivalente und (auch) schmerzhaften Erfahrungen ein junger Mann machen kann, wenn sich die Mutter gegen eine bürgerliche Beziehung entscheidet, weil sie Künstlerin ist, leben möchte wie ein Mann, nicht wie eine sich permanent sorgende Mutter.

Hedda hat den Freiheitsdrang der Tante geerbt, ungebunden lebt sie auf La Gomera in einer Welt, die vor allem Endgültigen geschützt ist, weil sie nach außen hin kaum Tatsachen schuf, die nicht mehr rückgängig zu machen waren.

So tun als ob es regnet ist ein Stück moderne Geschichtsschreibung, in dem auf unaufgeregte und ungemein literarische Weise Figuren in ihrer existenziellen Verletzbarkeit und Geworfenheit durch die Welt(en) wandeln. Ich und Welt gehen dabei miteinander eine Verbindung ein, die sich ohne erzählerische Kraftanstrengungen ergibt.

Sexuelle Selbstermächtigung? Svenja Flaßpöhler. Die potente Frau.

Zwei Jahre ist es her, dass die #metoo-Debatte im Zuge des Weinstein-Skandals hohe Wellen, vor allem in den sozialen Netzwerken, schlug. #Metoo erfuhr daraufhin zahlreiche intellektuelle Verarbeitungs- und Interpretationsversuche von Autorinnen und Autoren, die mich entweder wegen ihrer Substanzlosigkeit ratlos zurückließen (Jagoda Marinic, Sheroes), oder wütend machten (Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau). Auf die Autorin Marinic möchte ich nicht weiter eingehen, weil ihr einziger Punkt derjenige ist, dass sie die #metoo Debatte als positiv bewertet und in sehr naivem und wenig reflektierten Duktus zum Dialog, auch mit den Männern, aufruft. Immerhin lädt sie in ihrer knappen Abhandlung dazu ein, offen über Geschlechterrollen und Macht zu sprechen.

Flaßpöhler bezeichnet die Debatte als Rückschritt. In ihrem Vorwort zu Die potente Frau plädiert sie dafür, dass die moderne Frau von heute doch endlich aus ihrer Opferrolle heraustreten solle, um als das zu erscheinen, was sie sei. Die potente Frau ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht? Flaßpöhlers Grundannahme ist, dass heutzutage nicht mehr in jedem Chefsessel ein Harvey Weinstein sitzt, womit sie sicher milieuspezifisch recht hat. Doch selbst wenn sich zumindest in der Filmbranche etwas geändert hat, wie sieht es in weniger privilegierten Milieus aus, wie zum Beispiel in der Reinigungsbranche? Die Philosophin blendet in ihrem Text gesellschaftliche Gruppen und damit die hart arbeitenden Frauen aus, die außerhalb ihrer akademisch-elitären gedanklichen Reichweite liegen. In Fleischmarkt setzt die Feministin Laurie Penny berechtigterweise ganz andere Akzente. Einen Großteil der Drecksarbeit auf der Welt verrichten immer noch Frauen. Sie arbeiten ohne Bezahlung (Hausarbeit), oder völlig unterbezahlt, zum Beispiel für einen Reinigungsdienst. Auch Penny spricht von der Möglichkeit, der Macht der Frau, sich gegen diese Missstände in der Theorie (!) zu wehren. Sie nennt dies das Recht auf Verweigerung, das jedoch dadurch in der Praxis selten ausgeübt wird, weil seine Möglichkeit gesellschaftlich geleugnet wird und zwar ganz konkret dadurch, dass diesen Frauen ihr Lohn, also das, was sie zu anerkannten Menschen macht, vorenthalten wird. Letztlich fehlt den Frauen das Selbstbewusstsein ihre Rechte einzufordern, weil sie im Kapitalismus wie Sklavinnen gehalten werden.

Flaßpöhler argumentiert phänomenologisch, hat nicht den wirtschaftlich marginalisierten (äußeren) Körper der Frau im Blick, auf dem gesellschaftlich bedingte Kämpfe ausgetragen werden, sondern die sogenannte Leiblichkeit, das subjektive Empfinden durch Erfahrungen. Mit dem Philosophen Thomas Nagel stellt sie fest, dass sich Männer als Männer empfinden und Frauen als Frauen. Fremdpsychisch ist es weder für den Mann noch für die Frau möglich, das innere Empfinden des anderen nachzufühlen und zwar genau so, wie es tatsächlich ist. Soweit so gut.  Flaßpöhler schlussfolgert allerdings daraus, dass diese geschlechtsspezifischen eigenen Erfahrungen der Frau, zum Beispiel das Wissen um die Möglichkeit, ein Kind zu gebären, ihr letztlich, wenn sie nur will, das Vermögen gibt, sich gegenüber der Männer zu behaupten.

Es stimmt natürlich, dass genau diese Macht („mater semper certa est“) bereits vor Jahrhunderten bei den Männern eine panische Angst ausgelöst hat und zu paternalistischen Reaktionen führte. Problematisch ist aber hier, dass sie die Selbstermächtigung der Frau einzig und allein über ihre geschlechtliche Potenz beschreibt. Diese innerlich versteckte, ganz eigene Kraft, die kein Mann besitzt, gibt der Frau nach Flaßpöhler die Freiheit, sich in einer bedrängenden Situation zur Wehr zu setzen:

Wenn ich mich belästigt fühle, dann bin ich – in der Regel – der Situation keineswegs ausgeliefert. Ich kann kontern oder auf charmante Weise zum Ausdruck bringen, dass ich kein Interesse habe. Ich kann es ablehnen, ein Bewerbungsgespräch im Hotelzimmer zu führen. Ich kann, wie man so schön sagt, einen Mann vor den Kopf stoßen, indem ich seinem Willen nicht entspreche.

Hier bekommt man den Eindruck, Frau Flaßpöhler betrachte vor allem sich selbst. Als Phänomenologin müsste sie aber immer auch den erkennenden Blick auf die Welt und ihre Erscheinungen darin richten. Sicher sind es gutgemeinte Sätze, die eine positive Erzählung über die Zukunft der Frauen einläuten sollen. Flaßpöhler möchte, dass wir uns abwenden von den Opfererzählungen der Vergangenheit, denn nur dann wird die Frau dem Mann ebenbürtig und kann Angst in Lust verwandeln.

Doch ist sexuelle Selbstermächtigung wirklich die neue Weiblichkeit der Frau, die propagiert werden sollte?

Selbstermächtigung funktioniert doch vor allem über die – ich nenne das jetzt Potenz des Geistes – , darüber, dass ich als Kind die Möglichkeit erfahren habe, genug Bildung zu erhalten, um mich a.) verbal und zur Not auch mit Kampftechniken zu verteidigen und b.) mir deswegen gegebenenfalls einen anderen Job suchen zu können, wenn nämlich meine „charmante“ Verweigerung, mit dem Chef der Reinigungsfirma zu schlafen dazu führt, dass ich meinen Job verliere. Die ganz subjektive Empfindung meiner Gebärmutter führt hier keineswegs zu einer empowernden Handlung, sondern vielmehr zu einem tiefen Schwächeempfinden. Besitzt nicht der Verstand letztlich die stärkere Kraft? Und besteht nicht die Urangst vieler Männer bis heute darin, geistig von Frauen überholt zu werden? Ich für meinen Teil würde lieber über meinen vor Kraft sprühenden Geist wahrgenommen werden und diesen als kluge Waffe benutzen, als über meine sexuelle Potenz. Oft scheitere ich aber an der sozialen Wirklichkeit.

So schillernd wie grau. Katja Oskamp. Marzahn Mon Amour.

Füße erzählen Geschichten. Dabei sprechen Form, Abgenutztheit, Ästhetik erst einmal für sich. Aber auch ihre BesitzerInnen nutzen die Zeit gerne für einen Plausch mit derjenigen Person, die ihnen Gutes tut. Ob dieser Gedanke implizit Anreiz für die Autorin war, nach erfolgloser Verlagssuche für ihre Bücher, eine Ausbildung als Fußpflegerin zu absolvieren, oder doch die eigene midlife-crisis? Auf der Suche nach neuen Erfahrungen, um diese literarisch zu verarbeiten, sind alle guten Autorinnen und es ist ein kaum zu beschreibender Gewinn für die Literaturwelt, dass sich Katja Oskamp ausgerechnet in einem Fußpflegesalon im tiefsten Osten Berlins eingerichtet hat. Die tastenden, sensibel-fühlenden Hände dabei wohltuend auf den Füßen der Kundinnen und Kunden, die Ohren weit offen.

Es sind vor allem „reparaturbedürtige“ Kunden, die die Autorin bedient. Herr Paulke etwa, der bei „Autotrans“, einer der größten Speditionen der DDR, gearbeitet hat.  Menschliche, berührende Momente entstehen, in denen der Kunde mehr ist, als ein Stück Fleisch, das schnellstmöglich und zeitlich effizient bearbeitet werden muss. Oskamp nimmt sich viel Zeit für ihre Begegnungen:

Ich cremte ihm an jenem Septembertag vorsichtig die Füße ein, zog die Handschuhe aus und Herr Paulke Socken und Schuhe an. Er stemmte sich aus dem Fußpflegestuhl. Ich hielt ihm beide Hände hin. Er legte seine hinein. Warme, schlaffe Haut. So angefasst standen wir einander gegenüber, blickten uns an. Es war schön. Es gefiel uns. Es diente auch, aber nicht nur zur Stabilisierung von Herrn Paulkes Kreislauf.

Grotesk-komische Szenen liefert die 65-jährige Frau Blumeier, eine frisch verliebte Rollstuhlfahrerin, der beim Sex mit ihrem Partner „dit Bette eingekracht“ ist. Schon kichernd kommt sie ins Fußpflegeinstitut, um dann irgendwann mit typisch Berliner Schnauze zu erzählen.

Ein Klischee über Marzahn, dass es hier nur so von ehemaligen SED-Funktionären und DDR-Bonzen wimmele, wird durch Herrn Pietsch bestätigt. Er ist „waschechter Parteifunktionär“. Ein einsamer Mensch, den sein autoritäres, machtsüchtiges Verhalten die Zuneigung seiner Frau und Kinder gekostet hat. Er ist auf der Suche nach einer Sexualpartnerin, hat dabei aber wenig Erfolg und versucht es bei seiner Fußpflegerin, weil sie eine „äroudische“ Ausstrahlung hat. Mit einem Piccolo und den Worten „Gute Arbeit, Genossin“ verabschiedet er sich jedesmal, trotz aussichtsloser Anmache denn: Er hat (immer noch) alles unter Kontrolle.

Der Zustand der Füße erzählt viel über das Leben derjenigen, die sie tagtäglich benutzen. Die Marzahner Füße der Kundinnen und Kunden, meist ältere, berichten von harter Arbeit. Ehemalige Krankenschwestern, wie Gerlinde Bonkat, ein „Flüchtling“ aus Ostpeußen, sind dabei. Erst war sie Sekretärin, dann arbeitete sie in einem Kinderheim. Nach der Wende nimmt sie für fünf Jahre bis zur Rente eine Stelle in Berlin Steglitz an, wird als Ostdeutsche diskriminiert. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling. Erst zum Renteneintritt liest der Chef ihren beeindruckenden Lebenslauf. Sein Kommentar:

Sie sind ja überqualifiziert!

Das tut nicht weh, antwortet Frau Bonkat und verabschiedet sich.

Doch wieso gibt sich der Mensch überhaupt so viel Mühe mit seinem Äußeren? Zum wohltuenden Effekt einer Fußmassage, gesellt sich jedenfalls immer auch die Ästhetik. Füße, Zehennägel, sind aber doch die meiste Zeit in Schuhen versteckt. Trotzdem dekoriert Oskamps Kollegin Flocke diese mit einer Leidenschaft, die die Autorin sich folgendermaßen erklärt und es sind Sätze wie diese, die dem Buch poetische Tiefe geben:

Vielleicht konzentriert sich manchmal die Schönheit dieser Welt auf einem einzigen Fingernagel.

Die Geschichten, die schlaglichtartig unterschiedlichste Menschen im Alter zwischen 50 und 90 beleuchten, kann man sich gut auf der Leinwand vorstellen. Ein Paul Auster („Smoke“) im Fußpflegesalon wäre das dann. Sie suggerieren, dass der Mensch doch eigentlich nicht viel im Leben braucht, um zufrieden zu sein, es reichen : Zuwendung, Wärme, Gespräche und: alle sechs Wochen eine gute Fußpflege.

Marzahn mon amour ist eine ganz besondere Liebeserklärung, denn er räumt mit Vorurteilen gegenüber einem Stadtteil Berlins auf, dessen Charme sich jenen offenbart, die genau hinschauen und gut zuhören können, die hinter den Betonschichten nach vergrabenen (Lebens-)erinnerungen forschen, sich nicht durch farblose Oberflächen abschrecken lassen.

Die Erzählungen der BewohnerInnen, die sich dem aufmerksamen Ohr offenbaren, sind so schillernd, wie das Mauerwerk der Plattenbausiedlungen grau ist.

Anschreiben gegen den Verrat. Annie Ernaux. Der Platz.

Ein rätselhafter Satz von Jean Genet befindet sich auf der ersten Buchseite von Der Platz, der Autorin Annie Ernaux:

Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.

Erst nach und nach lässt er sich in Bezug zum beschriebenen Geschehen setzen, das in der Rahmenhandlung die Emanzipationsgeschichte der Protagonistin aus der Arbeiterschicht heraus in die Akademikerklasse erzählt. Genauer betrachtet, geht es um den Verrat am Vater, für den sie sich als junge Frau vor ihren gebildeten Freundinnen schämt, weil er einen Dialekt spricht, der ihn als unterprivilegierten Menschen entlarvt. Ein Verrat an ihrer Herkunft, eine Entfremdung von ihren Eltern, die wollten, dass sie es einmal besser haben würde und sie deswegen in der Schule lernen ließen, anstatt ihr früh eine Lehrstelle zu besorgen, wie es andere taten im Ort.

Aber die junge Frau merkt: je mehr sie sich an Bildung aneignet, umso fremder wird sie den Eltern, insbesondere dem Vater, weil sie eine andere Sprache sprechen. So wird sie zu ihrem eigenen Wohle dazu erzogen, nicht mehr „dort“ dazuzugehören, ist bald überzeugt davon, dass „seine Wörter und Gedanken auf den roten Samtsofas“ der Schulfreundinnen nichts mehr wert sind. Dies führt zu Konflikten im Alltag, in denen der Vater der Tochter verbal unterlegen ist:

„Beim Essen brach wegen jeder Kleinigkeit Streit aus. Ich glaubte immer Recht zu haben, weil er nicht diskutieren konnte. Ich kommentierte, wie er aß oder sprach.“

Nun, Jahre später, ist er tot, liegt aufgebahrt in seinem Bett. Sein Kampf ist zu Ende. Denn zeitlebens war er darum bemüht, in eine anerkanntere Gesellschaftsschicht aufzusteigen, hat sich krumm gearbeitet, um kein einfacher Arbeiter mehr zu sein. Seiner Tochter ermöglicht er die Bildung, die er selbst nicht hatte – obwohl sich sein Kind mit jedem neu erworbenen Wissen mehr und mehr von ihm entfernt.

Sie selbst beschreibt ihren Bewusstseinszustand als ambivalenten, in die alte Welt gehört sie nicht mehr, betrachtet sie mit den Augen einer verbeamteten Lehrerin. In der neuen, akademischen Welt meint sie trotzdem in manchen Momenten immer noch, „da“ gar nicht hingehören zu dürfen. „Wut und Scham“ vermischen sich in ihr noch nach der Zeremonie der Verbeamtung, wie damals, als sie in einem Schulferienlager als Betreuerin Entscheidungsfreiheit schnuppern durfte und sie sich nach dem Eintreffen ihrer provinziellen Eltern plötzlich nicht mehr vorstellen kann, einmal auf die Universität gehen zu dürfen.

Die Scham des Vaters wiederum macht ihn einerseits zu einem Menschen voller Antrieb und der Überzeugung, durch Fleiß und Redlichkeit ein besseres, leichteres, bequemeres Leben führen zu können. Er eröffnet einen eigenen Krämerladen, wird Kleinunternehmer. Andererseits kann er seine Sprache und damit sein ganzes Auftreten, seine eigene Sozialisation nicht einfach ablegen. Auch mit dem besten Sonntagsanzug rutschen ihm Worte heraus, die in Akademikerkreisen unbekannt sind oder gar nicht erst ausgesprochen werden. Schon die überhöflichen Bemühungen seinerseits, Besucher zu empfangen und sich dabei von der besten Seite zu zeigen, entlarven ihn als Arbeiter, der versucht, den gesellschaftlichen Makel zu überspielen.

Mit ihrer besonderen Art autobiografisch zu schreiben, inspiriert Annie Ernaux Autoren wie den Soziologen Didier Eribon (Rückkehr nach Reimes) oder literarische Youngster wie Edouard Louis (Das Ende von Eddy), nicht zuletzt, weil beide – wie Annie Ernaux – über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu schreiben. In Deutschland wenig beachtet, wurde sie dem Publikum allerdings erst 2017 mit Die Jahre bekannt, nachdem sich die bereits genannten Autoren in ihren autobiografischen Bestsellern auf die Autorin bezogen. Das im März 2019 bei Suhrkamp erschienene schmale Bändchen Der Platz, ist bereits 1984 in Frankreich gedruckt und mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet worden.

Wie umgehen mit dem gefühlten Verrat? Weil Vater und Tochter keine gemeinsame Sprache miteinander haben, gibt es für die Tochter nur einen Ausweg. Sie muss über das Leben schreiben, das sie zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil sie das besonders gut kann, da sie beide „Sprachen“ kennt. Nachdem der Vater aufgebahrt vor ihr liegt, weiß sie, dass sie irgendwann den Versuch unternehmen wird, die hilflose Leere mit Worten zu füllen, um den Verrat an den eigenen Eltern besser verstehen zu können, das Leiden an ihm auszuhalten.

Das gelingt der Autorin in einer ungemein berührenden Sprache, obwohl ihr Ton ein sachlicher ist. Kurze, eindrückliche Sätze, von denen keiner überflüssig ist, machen die Gefühlsleben derjenigen Menschen intensiv nachvollziehbar, von denen man selten wirklich etwas erfährt, weil es dafür Autorinnen wie Annie Ernaux braucht und sie systembedingt immer noch selten zu finden sind.

 

(K)ein Merkmal unter vielen. Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Ich bin Özlem. So heißt der neue Roman von Dilek Güngör und behauptet mit diesem doch klaren Statement etwas, was völlig unklar ist. Die Ich-Erzählerin weiß nämlich überhaupt nicht, wer sie ist, sondern nur, dass sie in der Wahrnehmung ihrer deutschen FreundInnen und Bekannten etwas ganz Bestimmtes sein soll. Die Türkin, die gut kocht zum Beispiel, denn Özlem kann das, weil ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Özlem kocht auch gerne, sie leidet nur darunter, dass ihre besonderen Fähigkeiten sie in den Augen der Anderen auch noch zu derjenigen machen, die weiß, wie die Linsensuppe gegessen werden sollte. „Isst man das so, ja?“, wird sie etwa von ihrer Freundin Eva gefragt, die das nur nett meint, aber Özlem damit nervt. Denn Özlem ist in Deutschland aufgewachsen und kennt die Türkei nur von Urlaubsbesuchen. Ihr Türkisch ist schlecht, Deutsch spricht sie hingegen perfekt, sie arbeitet in einer Lernschule für MigrantInnen.

Dennoch muss sie sich immer rechtfertigen für das, was sie tut. Zum Beispiel, warum sie ihrer Tochter den typisch deutschen Namen Emilia gegeben habe, und nicht etwa einen türkischen. Özlem gefiel der Name Emilia, ganz gleich, woher er kommt.

Der Roman ist voller solcher Konfliktfelder, von denen eine zutiefst gekränkte Ich-Erzählerin in eindrücklich-nüchternem Tonfall berichtet.

Dabei ist die eigene Befreiung aus den Zuschreibungen der Anderen noch schwieriger als zunächst angenommen, weil das Gefühl dieser Festlegung paradox ist. Sie ist verhasst und gleichzeitig verspricht sie Bodenhaftung in einer Welt, die über feste Zuschreibungen funktioniert.

Wer ständig immer auch-als-Türkin angesehen wird, macht sich automatisch immer wieder zur Türkin, weil es die beruhigende Sicherheit verspricht, genau definierbar zu sein. Wie eine Verkleidung stülpt sich Özlem deswegen ein Klischee über Türkinnen nach dem anderen über. Auf der Gartenparty von Johanna, einer (auch) akademischen Freundin Özlems, bringt sie selbstverständlich Börek mit:

Was bringt Özlem mit? Börek mit Spinat. Meine Mutter hat nie Börek mit Spinat gemacht. Niemand erwartet von mir, dass ich etwas Türkisches mitbringe, aber für mich ist das logisch, Türkin bringt türkisches Essen mit und alle wollen das Rezept. Dabei habe ich mir das aus einem Kochblog rausgeschrieben.

Özlem passt sich an, hat sich von kleinauf angepasst, versucht es allen recht zu machen, um nicht negativ aufzufallen. Denn schon als Kind musste sie Rassismuserfahrungen über sich ergehen lassen, im Schulbus war sie diejenige, über die gelacht wurde, weil sie als Türkin ja sicher Knoblauch esse und deswegen „stinke“. Doch der älter werdenden Özlem fällt es immer schwerer, in bestimmten Situationen den Mund zu halten, in denen Widerstand geleistet werden müsste.

Erste Anzeichen einer Revolte beginnen im Supermarkt, lange herbeigesehnt, weil man den Leidensdruck der Protagonistin mehr und mehr spürt, beim Lesen die Passivität ihrer bloßen Gedanken kaum mehr erträgt. Eine Kassiererin äußert einen Spruch über Ausländer, locker dahergesagt, von ihr natürlich „nicht so gemeint“. Özlem steht an der Nachbarkasse, die Tränen kann sie schon lange nicht mehr zurückhalten und als sie von der Kassiererin gefragt wird, warum sie weine, bricht es aus ihr heraus. Endlich. Sie beginnt zu diskutieren, sich zu wehren, obwohl sie selbst ja nicht gemeint war. Weil sie zu den guten, integrierten Ausländern gehört, die Bioprodukte kaufen und „mit einem Deutschen verheiratet“ sind.

Nach diesem Ausbruch kann Özlem nicht mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Sie konfrontiert auch ihre biodeutschen Freunde mit deren scheinbar unschuldig herausgeplauderten Vorurteilen über Türken und Araber, hält derem dekadenten Gequatsche einer privilegierten Oberschicht den Spiegel vor. Besonders viel Unverständnis für ihre Kritik erntet sie dabei bezeichnenderweise von Ralf, dem Mann einer ihrer Freundinnen. Ein weißer deutscher Mann aus der Akademikerschicht klärt Özlem über ihr Fehlverhalten auf, ist der geile „Kerl, der die Wahrheit ans Licht bringt“.

Die eigentliche, tiefe Kränkung Özlems besteht aber darin, dass ihre Freundinnen nicht begreifen was es heißt, mit Diskriminierungserfahrungen aufzuwachsen. Denn sie halten sie, statt ihre Reaktion zu verstehen, für empfindlich, weil sie nicht wissen, was es bedeutet, immer wieder auf eine bestimmte Kultur oder aber auch „irgendwo dazwischen“ eingeordnet zu werden. Selbstreflexiv befragt Özlem hingegen sich selbst, sucht auf eine zermürbende Art Fehler bei sich, um zu dem Schluss zu kommen, dass die paternalistische Macht der Fragenden nur schwer durchbrochen werden kann:

Wäre es möglich, das Türkische an oder in mir oder wo immer es ist, zu behandeln wie ein Merkmal unter vielen, anstatt mein ganzes Wesen davon durchwachsen zu lassen? Wie denn, wenn immer alle fragen?

Man möchte Özlem zurufen, dass sie zumindest nicht alleine dasteht mit ihrer Kritik an der Gesellschaft, sich immer mehr zugleich oft auch feministische Stimmen mit mehrkulturellen Erfahrungen formieren, die sich in Romanen oder literarischen Essays zu Wort melden,  feste Identitäten prinzipiell infrage stellen und der „elenden Herkunft“ entkommen. Enis Maci und Ferda Ataman sind nur zwei davon.

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