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Poesie und Performanz. Lautstärke ist weiblich. Texte von 50 Poetry-Slammerinnen. C. Nielsen und N. Gomringer (Hrsg.)

Lautstärke ist weiblich. (Nielsen/Gomringer Hrsg.)

Auch die Poetry-Slam-Szene ist eine Männerdomäne. Vielleicht liegt das insbesondere daran, dass es nicht reicht, gute Texte zu schreiben. Man sollte gleichzeitig SchauspielerIn sein, gerne im Rampenlicht stehen und seine verschriftlichten Gedanken mit einer gewissen Coolness präsentieren. Gegen fast ausschließlich männliche Konkurrenten und mit anderen Inhalten diese Pionierleistung zu wagen, braucht einen starken Willen und ein Selbstbewusstsein, das es gewohnt ist, als Einzelkämpfer in den Ring zu steigen. Vielleicht genügt auch eine Sozialisation, in der die Frauen der Familie schon früh ganz ohne Scheu die Männerstammtische in den Kneipen aufmischten. Frauen wie Mieze Medusa (Jahrgang 1975) ist es jedenfalls gelungen, die Spoken-Word-Bühne auch für weibliche Stimmen zu (er)öffnen. Als eine der Vorreiterinnen der Slammerinnenszene erhält sie in der Anthologie „Lautstärke ist weiblich“ an forderster „Front“ eine Bühne für ihren Beitrag. Dabei betont die Autorin Nora Gomringer, selbst erfolgreiche Dichterin und Performanzkünstlerin mit angenehm eindringlichem Sprachorgan in ihrem Vorwort:

„Laute Frauen sind bereichernd, denn faktisch betrachtet, ist die eine, sind die zwei, drei weiblichen Stimmen an einem Slamabend mit hauptsächlich männlicher Besetzung eine Wohltat. Ein anderes Timbre, ein anderes Tempo, nicht zu vergessen: andere Themen!“

Die Themen sind es, die regelrecht berauschen, weil sie die Dinge aus weiblicher Perspektive beleuchten, andere Wirklichkeiten aufzeigen. Sie gehen weit über private Befindlichkeiten hinaus, haben fast immer einen gesellschaftskritischen Anspruch. Mieze Medusa vermischt zum Beispiel persönliche Ängste, wie die Sorge um das fortschreitende Alter, mit politischen Ereignissen. In Cäsium 137. Oder: Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert, steht das halbe gelebte Leben dem bisher minimal abgebauten Cäsium 137 aus dem Reaktorunfall in Tschernobyl gespenstisch gegenüber. Die eigene Midlife-crises, der gefühlte Zerfall des Körpers, seine Endlichkeit, findet sein Bild in Fukushima:

„Doch Zeit ist relativ, nur der Zerfall ist sicher. Du isst vielleicht grad keinen Fisch, weil Fukushima dich an deine Endlichkeit erinnert. Ich hab ein Jahr lang im Zimmer gespielt, als Tschernobyl die Wolke in unsere Richtung trieb, und länger keine Pilze gegessen. Und neulich schlage ich im Pilzbuch nach, ob mich, was ich da in der Hand hab, tödlich krank macht, und fühle mich veranlasst, nachzudenken, wie lang das her ist mit dem Jod, dem Strontium und dem Big Bad Motherfucker Cäsium 137.“

Marie Sanders erzählt in Nachtschwärmer, einem Beitrag, der aufgrund seiner poetischen Kraft aus dem Sammelband herausragt, von der Schwierigkeit, „am Büfett des Lebens“ nicht zu verhungern. Gerade wenn man nicht zu denjenigen gehört, für die es selbstverständlich ist, sich die „Lachspaste immer zu dick“ aufzutragen. Wir irren orientierungslos durch die Dunkelheit, und verpassen den Augenblick, in dem für uns wirklich etwas sichtbar werden könnte in der Welt. Viel lieber ergreifen wir die Flucht:

„Wir sind Nachtschwärmer/breiten unsere Flügel aus/stehen an Haltestellen/nur um des Wartens willen/mit dem Glas zu viel in der Hand/Nachtschwärmer/schwirren eng um/Leuchtreklame zieht uns an/irren hilflos wie geblendet/wenn wirklich jemand kommt/ der uns mitnehmen will/wechseln wir die Straßenseite.“

In der Themenrubrik „Rufen“ verschieben sich die Ebenen. Die Metaebene wechselt hin zu konkreteren Ereignissen, klar ausgesprochenen Statements. Dafür bietet sich die Slamszene an, dafür ist sie gemacht, und wird gerade von jungem Publikum geschätzt.  Sowohl Sarah Bosetti, als auch Svenja Gräfen nennen ihren Text schnörkellos Feminismus, beginnen beide damit, ihn aus der Sicht seiner KritikerInnen darzustellen, um wenige Sätze später Stellung zu beziehen. Sarah Bosetti „ist diese Feministin“, auch wenn sie wünschte, es gäbe den Feminismus nicht, weil sie Ismen nicht ausstehen kann. Ein anschauliches Beispiel erklärt ihr Unbehangen dem Begriff gegenüber und auch, warum sie zu den bekannteren Autorinnen des Sammelbandes gehört:

„Feminismus ist wie das Kondom, das man erst noch kaufen gehen muss, obwohl man schon nackt zusammen im Bett liegt: Ohne wärs einfacher, aber langfristig eben nur für den Mann.“

Bei Svenja Gräfen wird in einer Kneipe über den Begriff Feminismus diskutiert, nachdem ein „Männchen“ einen frauenverachtenden Vortrag hält. Der Text ist an skurriler Komik kaum zu überbieten, wirkt wie eine Traumsequenz, die allerdings die Lebenswirklichkeit vieler Frauen widerspiegelt. Das ist die erschreckende Realität, und es tut gut, manchmal auch über sie lachen zu können. Die Gefahr, die im aktuellen Verlauf der #MeToo – Debatte steckt, nämlich, dass Frauen als reine Opfer dargestellt werden, die sich nicht wehren können, wird in diesem Streitgespräch gebannt. Der ganze Kneipenraum halt wider von lauten, starken Frauen- und Männerstimmen, die zeigen, dass patriarchale Meinungen zwar existent sind, aber längst nicht mehr überall einen Resonanzboden finden.

Einen weiteren, großen Raum nehmen Themen ein, die um Rassismus kreisen. Eindrücklich beschreibt Nhi Le in Denk doch mal einer an die Kinder was es mit ihr macht, wenn sie erfährt, wie ihr kleiner Bruder auf dem Spielplatz von einem anderen Kind als „Fidschi“ beschimpft wird:

„Fidschi, ganz hart ausgesprochen, das T betont und den Rest mit reichlich Spucke ausgesprochen. Ein Wort, das ich schon ewig nicht mehr gehört hatte, aber auf dem Spielplatz genauso wehtat wie damals, als mich ein anderes Kind in der Schule so rief. Es ist der Begriff der Frauen, die so die Textilshop-Besitzer nennen. Es ist der Begriff, den die Leute rufen, während sie ihre Augen zu Schlitzen ziehen. Es ist ein sehr ostdeutscher Begriff.“

Slammerin Meral Ziegler macht in der Schweiz ähnliche Erfahrungen. Sie fragt sich daraufhin, warum sie keine Deutsche sein darf, aber trotzdem eine ist. Ein trauriges Paradoxon, das leider immer wieder von sogenannten Biodeutschen konstruiert wird:

„Neulich hatte ich einen Auftritt am Bodensee. Eine ältere Dame kam anschließend zu mir und sagte, dass es ihr gefallen habe. Wo ich geboren wäre. Berlin. Aha, aber wo käme ich ursprünglich her, wegen meines Namens.

‚Meral ist ein türkischer Name‘, entgegnete ich, und sie: ‚Ja, weil manche integrieren sich ja nie.‘

Die Realität ist so traurig. Wenn das Komplimente sind, was ist dann von dir übrig, du dreckiges Schland, du kümmerliche Schweiz.“

Fatima Moumouni zeigt in Hautfarben Kriege auf, die direkt auf der Haut ausgetragen werden und unter die Haut gehen. In Dialogform wird der Farbe Weiß nachgespürt, einer Farbe, die im Gegensatz zu allen anderen Farben eine selbstverständliche Daseinsberechtigung hat. Dabei gleicht dieses „Weiß“ in Wirklichkeit auf der Farbpalette einem „halbrohen Hähnchen“. Das Pseudoweiß muss sich keine Gedanken darüber machen, wie es aussieht. Es spielt weder beim Jobinterview noch bei der Polizeikontrolle eine Rolle. Nur in der Sonne denkt der/die Weißhäutige an seine/ihre Haut, weil sie verbrennen kann. Oder, fragt die Interviewerin:

„Hat deine Haut Angst vor Trump, Breitbart, Blocher, Köppel, den Rechten?

Nein?

Dann hast du die Weißheit wohl mit Löffeln gefressen. Oder sagen wir, sie wurde dir in die Wiege gelegt.“

Die darauffolgenden Rubriken „Kümmern“, „Bekennen“ und „Abstrahieren“ behandeln leichtere Kost. Was nicht bedeutet, dass der Leserin, dem Leser, nicht ab und an eine Träne die Wange hinunterkullert. Gerade im Bereich „Bekennen“, in dem es um die Liebe geht, können Herzen schwer, wie bei Theresa Hahl (Herzmaere), oder leicht, wie bei Katja Hofmann (Crazy Eyes) werden.

Der Sammelband ist eine schillernde Fundgrube, eröffnet neue Sichtweisen und beleuchtet altbekanntes originell. Einigen Slammerinnen würde ein Stimm- und Vortragstraining guttun, damit auch das Ohr gerne mithört. Poesie und Performanz gehören beim Slam zusammen – beides überzeugend zu können, das zeigen Beiträge im Internet, ist nicht immer selbstverständlich.

Der Amokläufer in uns. Kristina Nenninger. Warum läuft Kind C Amok?

Kristina Nenninger. Warum läuft Kind C Amok?

Warum läuft Kind C Amok?“ Der Titel des Romans von Kristina Nenninger stellt vordergründig eine Frage, und enthält gleichzeitig eine Hoffnung. In roten Buchstaben verspricht er Antwort(en) zu geben darauf, wieso Carla, ein pubertierendes, aber eigentlich liebenswertes Mädchen, irgendwann ihrem Hass freien Lauf lässt, und tötet.

Carla wächst beim Vater auf, nachdem sich die Mutter Berta dazu entschließt, einen zweiten Frühling erleben zu wollen. Ohne ihren langweiligen Mann, der sie mit seinen Sorgen und Ängsten, kurzum mit seiner Gefühlsduselei, an einen Versager erinnert. Er ist in ihren Augen ein „Berufspessimist“, der mehr „Wurschtigkeit“ bräuchte, um Glück im Leben zu erfahren. Berta selbst möchte von Gefühlen nichts wissen, tanzt sich durch die Nächte, sucht die Sorglosigkeit der vergangenen Jugend.

Eigentlich sind alle drei Protagonisten potentielle Amokläufer, weil jeder für sich damit beschäftigt ist, in der kalten Welt da draußen zu überleben. Die Erwachsenen allerdings finden Strategien, mit denen sie ihre Emotionen nach außen, in den frostigen November tragen können, ohne jemand anderen dabei – jedenfalls physisch – zu verletzen. Die Mutter tanzt und vögelt wahllos, der Vater rettet sich an die Staffelei, um zu malen.

In „Warum läuft Kind C Amok?“ werden einfache, sympathische Gemüter beschrieben, mit zuviel oder mit zuwenig Empathie, aber vor allem mit lähmender Sprachlosigkeit. Dabei kündigt sich das Drama schon auf den ersten Seiten des Romans an.

Der Vater Anton erinnert sich bei der heimlichen Ausführung seines Hobbys, dem Malen, an ein Ereignis, das ihn einmal schwer beeindruckt hatte. Wie eine Art Vision inszeniert die Autorin seinen Monolog an der Staffelei, eine eindrückliche Schlüsselszene des Textes:

Anton denkt: Und Raum und Zeit, die wachsen hier in die Steine und in die Matten und in die Bäume in eine Weite hinein und gar nicht wie in der trüben Stadt in die starren und starren Häuser nach oben! Denkt Anton, und das macht ihn froh, und der Pinsel in der Hand von Anton malt jetzt einen Stamm, langsam und zögernd und leise. Wie wärs denn mit einer goldenen Kette? Eine goldene Kette rund um den Stamm – oder noch einen Baum? Eine dicke Pflanze oder ein Tier? Zugvögel am Himmel womöglich? Oder doch lieber den Leoparden? Aus dem Innsbrucker Zoo? Den letzten Leoparden aus dem Innsbrucker Zoo: Der hat sich ja noch auf jedes zweite Bildchen vom Anton geschlichen. Wundern muss man sich schon, ist aber so! Anton denkt: Was hätt ich den gerne mal gestreichelt! Ein so ein liebes Ding ist nämlich der mal gewesen: So lieb, dass sogar Kinder ihn fütterten, herzten und lachten, sagt Anton (zu sich selbst) und tupft die Pinselspitze in pechschwarze Farbe. Und eines Tages aber, da nimmt der Reißaus, urplötzlich, von einem Tag auf den nächsten, und beißt in den Arm von dem Wärter hinein und tötet zwei Menschen auf seiner Flucht, darunter ein Kind von nicht einmal zweieinhalb Jahren. Dann schießt man ihn tot, und der Wärter sagt nur: Mei, ist halt einsam gewesen, der letzte Leopard im Innsbrucker Zoo (BILD München vom 16.3.1996).“

Unerwartetes stürzt hier in den Zooalltag ein, und zeigt, wie brüchig scheinbar heile Alltagswelten sind. Als Anton seine Frau darum bittet, sich mit ihm über Tochter Carla zu unterhalten, die sich immer mehr vor ihm zurückzieht, verweigert sie sich ihm. Sie ist überzeugt davon, dass nicht Carla ein Problem hat, sondern ihr Exmann. Ganz falsch liegt sie damit nicht, denn auch Anton ist trotz seiner Empathie nicht fähig dazu, an die pubertierende Carla heranzukommen. Er sucht das Gespräch, findet aber nicht die richtige Sprache. Stattdessen zieht er sich heimlich zurück, um sich um seine eigenen Sehnsüchte zu kümmern, seine eigenen Geheimnisse zu bewahren.

Fehlende Kommunikation kann dem Leser einen Hinweis darauf geben, warum Kind C, Carla, die Streberin, die gute Schülerin, die nicht mit auf die Klassenfahrt fahren möchte, Amok läuft. Es werden aber noch viel mehr Verweise, Möglichkeiten, in die Handlung gestreut. Dadurch entsteht eine Deutungsvielschichtigkeit, die eine abgründige, soghafte Spannung erzeugt. Kristina Nenninger ist bisher vor allem als Dramatikerin in Erscheinung getreten, was sich zusätzlich bereichernd auf die Sprache auswirkt, dem Plot eine unverstellte Lebendigkeit gibt. Das Leben ist ein Theater. Kind C., und alle Menschen um es herum spielen mit auf der eisüberzogenen Bühne der Welt.

Warum Carla so völlig aus ihrer Rolle fällt, ausrutscht, und gerade die Menschen, von denen sie geliebt wird, mit in den Abgrund reißt?

Das hat vielleicht, so suggeriert uns der Roman, auch mit den destruktiven, unbegreifbaren Tiefen zu tun, die jeder Mensch in sich trägt, und die nicht ohne weiteres unter dem Stichwort „Sozialisation“ zu fassen sind.

Fremde Vertrautheit. Aya Cissoko. Ma.

Aya Cissoko. Ma.

Herausragend besonders am autobiographischen Roman „Ma“ der Autorin Aya Cissoko ist der Effekt, der beim Lesen entsteht, wenn fast jede dritte Textzeile durch Sätze aus der malischen Sprache „Bambara“ unterbrochen wird. Die Zweisprachigkeit scheint zunächst störend, da der eigene Lesefluss durch unbekannte Worte ins Stocken gerät, man unmittelbar an der Übersetzung aus der fremden Sprache teilhat. Man meint, dieses Erzählverfahren mache die Geschichte kaputt, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es spiegelt intensiv die Zerissenheit einer Erzählerinnenstimme wider, die in zwei Kulturen ihren Platz finden muss. Die irritierende Form, die eine „Störung“ enthält, erzeugt dabei eine Nähe zur Protagonistin, die fremd und gleichzeitig vertraut ist.

„Das Fremde ist etwas, das sich zeigt, indem es sich entzieht“, betont der Phänomenologe Bernhard Waldenfels. Der Roman „Ma“ entzieht sich den LeserInnen auf formaler Ebene, bis eine Gewöhnung eintritt, und sie wenige Seiten später eintauchen können, in teilweise doch sehr fremde Welten einer Familie die aus Mali stammt, und in Paris lebt.

Massiré (Ma) Dansira, die Mutter aus Mali, ist die präsente Stimme im Bewusstsein der Tochter und Protagonistin Aya. Der Vater und die jüngere Schwester sterben früh bei einem Wohnungsbrand, und so ist es die Frau des Hauses, die fortan den Ton angibt. Für den afrikanischen Klan ist eine verwitwete Mutter, die ihre Kinder alleine versorgt, ein skandalöses Rätsel. Eine Frau braucht ihren Mann, so der Tenor des Patriarchats. Im Laufe der Handlung zeigt sich, dass es andersherum ist, dass sich immer wieder gescheiterte Männer an die Haustüre und in die Wohnung stehlen, die von Ayas hilfsbereiter Mutter durchgefüttert werden. Massiré ist stark, sie lehnt sich gegen jegliche Form männlicher Bevormundung auf. Gleichzeitig hat sie Prinzipien, mit denen sie ihre Kinder oft an den Rand der Verzweiflung bringt. Wäsche wird z. B. mit der Hand gewaschen. Auch, oder gerade in Paris. Helfen müssen dabei alle Familienmitglieder, denn:

„Ala k’an kisi fugariden wolo ma. Gott bewahre mich vor einer schlechten Brut. Kinder sind dazu auf der Welt, ihren Eltern zu helfen.“

Diesem Anspruch verleiht sie durch exzessive Fluchtiraden Nachdruck: „Ich werf dir meine beiden Füße in den Hintern. Schwachsinnige, reiß den Arsch auf… .“

Hinter den oft lieblos wirkenden Umgangsformen steckt jedoch ein Plan, der nur aufgeht, wenn er mit aller Härte und Willenskraft verfolgt wird. Gerade als schwarze Frau hat man es nicht leicht, in Europa die Bildung zu erfahren die nötig ist, um nicht als Putzfrau weißen Geschäftsmännern die Schreibtische säubern zu müssen. Dessen ist sich Ma bewusst, weil sie als Analphabetin genau diese Knochenarbeit Tag für Tag erledigt. Vom afrikanischen Klan in Mali ist keine Hilfe zu erwarten, und die möchte sie auch nicht. Der meint sowieso, dass sie sich sicher prostituiere, um über die Runden zu kommen.

Doch die Männer täuschen sich. Ma wird zum Vorbild für andere afrikanische Frauen in Paris, was der Klan erwartungsgemäß negativ kommentiert: „Faransi musow jamanen. In Frankreich werden die Frauen frech!“.

Frech ist auch die Tochter, die sich an der dominanten und oft auch ignoranten Mutter reibt, sich aber weder durch Schläge noch Beschimpfungen bändigen lässt. Zum normalen Abnabelungsprozess einer Mutter-Tochter-Beziehung mit dem natürlichen Auseinandersetzungspotential bringen die zwei Kulturen zusätzlichen Zündstoff. Wie soll eine (pubertierende) Tochter aber auch damit umgehen, wenn die Mutter es ihrem neuen Ehemann erlaubt, die eigene Wohnung in eine Praxis für Wahrsagerei zu verwandeln, in der die seltsamsten Patienten ein- und ausgehen?

Nicht nur im Kapitel „Der Wahrsager“ kollidieren unterschiedliche Lebenseinstellungen miteinander. Auf der einen Seite steht die Hilfsbereitschaft einer Mutter, die ihre afrikanische Abstammung immer wieder betont, auf der anderen ein Mädchen, das sich nach Privatspäre sehnt, um sich (ohne Eheversprechen!) mit der ersten Liebe zurückziehen zu können.

Trotz aller Konflikte und menschlicher Katastrophen, die in diesem Buch beschrieben werden, zeigt sich, dass es eine Bereicherung ist, zweisprachig zu leben, zwei Kulturen in sich zu tragen. Wenn man es schafft, alle Stimmen miteinander, und nicht gegeneinander sprechen zu lassen, beide kulturellen Einflüsse als gegebene zu akzeptieren. Sollte das auch bedeuten, harte Kämpfe mit sich und den anderen auszufechten.

Aber egal ob die MitbürgerInnen in Paris aus Afrika oder Europa stammen, an Geister glauben, oder an die neusten Modetrends. Der Impuls das andere, ungewohnte, kritisch zu beäugen, um es dann abzuwehren, ist allgegenwärtig und entsteht aus der menschengemachten Illusion, zu einer einzigen Kultur fest dazugehören zu müssen.

Texte wie diejenigen von Aya Cissoko machen kulturelle Grenzen luzide und bestätigen nicht zuletzt, wieviele Gemeinsamkeiten Kulturen, bei allen Differenzen miteinander haben. Der Sauberkeitsfimmel von Ma etwa erinnert stark an den Reinlichkeitswahn einer schwäbischen Kleinfamilie:

„Ich mag keinen Schmutz!“, zitiert die Protagonistin ihre Mutter wiederholt. Denn wer die Wohnung und seine Kinder nicht sauber hält, lädt Schande auf sich. Der Sohn erfährt dabei keine Ausnahme. Er hat den Boden zu schrubben, wenn er nicht des Heims verwiesen werden möchte. An dieser Haltung könnten sich manche pseudoemanzipatorische Eltern mit biodeutscher Herkunft, was immer das auch bedeutet, ein Beispiel nehmen.

Ein kotiges Ungeheuer. Stefanie Sargnagel. Statusmeldungen.

Stefanie Sargnagel. Statusmeldungen.

Stefanie Sargnagel kommt aus keiner Künstlerfamilie. Nein, sie entstammt noch nicht einmal einem Akademikerhaushalt. Ihr Sprungbrett ins Schreiben ist (vielleicht) das oft merkwürdig-obszöne Österreich, und natürlich ihr Talent. In den gerade bei Rowohlt Hundert Augen erschienenen „Statusmeldungen“, nimmt sie die LeserInnen mit auf eine Gedankenreise, die in der Flüchtlingskrise im Juli 2015 beginnt, und Anfang 2017 in Klagenfurt endet. Manchmal nur in halben Sätzen, kaum ausformulierten Sprachfetzen, kommentiert Sargnagel die Umgebung um sich herum, und mischt ihre „Meldungen“ mit persönlich-biographischen Details, die einen Witz erzeugen, der völlig unangestrengt gesellschaftliche Mißstände kritisiert.

Dabei verlässt Sargnagel immer wieder ihre Beobachterposition, um sich direkt am politischen Geschehen zu beteiligen. Aus diesem Impuls heraus ist wohl auch ihre, nur aus weiblichen Mitgliedern bestehende Burschenschaft „Hysteria“ entstanden, mit der sie Treffen rechtsradikaler, schlagender Verbindungen stört.

Als im Sommer 2015 zahlreiche Flüchtlinge die österreichisch-ungarische Grenze erreichen, organisiert Sargnagel „Taxifahrten“ in die Aufnahmestationen und sitzt selbst am Steuer. Ihren Aktionismus kommentiert sie folgendermaßen:

„Ich würde ja schon Leute kurzfristig bei mir aufnehmen, aber meine Wohnung is im Moment unhygienischer als das Flüchtlingslager in Röszke.“

Sargnagel zieht sich mit Formulierungen, die den Intimbereich streifen, immer wieder vor der „Kamera“ der LeserInnen aus, weswegen sie mit Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) verglichen wird. Solche Vergleiche sind oft wenig aussagekräftig, und entspringen einem Schubladendenken – hier stimmt er schlichtweg nicht. Sargnagel erreicht durch ihre politisch-autobiographischen Beschreibungen, gerade auch im feministischen Kontext, eine Erkenntnisebene, bei der Roches Texte ganz unten im fäkalen Sumpf steckenbleiben. Die Autorin hat eine Meinung, ihr geht es um die Sache. Ihre eigene Selbstinszenierung benutzt sie zu deren Verdeutlichung, und macht sich damit eher verletzlich, als dass sie den Narzissmus pflegt. Kompromisslos sagt sie, sie wolle keine Gleichberechtigung, sondern ein Matriarchat, denn:

„Man kann nicht von Postfeminismus oder der Befreiung vom sozialen Geschlecht reden, solang sich Männlichkeit in ihren Prinzipien noch immer durch die Unterdrückung des Weiblichen definiert. Man muss mindestens zehn Jahre lang alles Männliche in allen Gesellschaftsbereichen hart unterdrücken. Danach kann man wieder entspannt über Gender reden.“

Radikale Ansichten mit wohltuend utopischem Gehalt mischen sich immer wieder in ihre Notizen, umkreisen Themen wie ihr KünstlerInnendasein parallel zum Brotberuf im Callcenter, das Arbeitermilieu, und natürlich Rechtsradikalismus, bzw. Faschismus in all seinen Ausprägungen. Die Texte geben aber insbesondere Einblicke darüber, was es heißt, in Österreich zu leben. So beschreibt sie Alltagsszenen, die denen aus Filmen von Ulrich Seidl (etwa „Hundstage„) ähneln, morbide und gleichzeitig, in all ihrer widersprüchlichen Abgründigkeit, zutiefst menschlich:

„Die Smalltalkthemen in diesem seltsamen Lokal gestern waren: Vergewaltigung, Obdachlosigkeit, Krebs, Mord und Totschlag, Psychosen und Rapid Wien. Die Bar war weihnachtlich dekoriert mit Christbaumkugeln und Lametta. Ein Typ ist am Klo völlig besoffen aufs Waschbecken gefallen und lag bewusstlos in einer Blutlache. Die Rettung hat ihn dann mit einer zentimetertiefen Platzwunde am Kopf abgeholt, ich dachte, er wäre tot. Danach wurde die Blutlache einfach vom Kellner weggewischt und wieder Musik in die Jukebox eingelegt. Dann hat mir der Kellner Fotos seiner Katze „Garfield“ gezeigt. Er sagte, der Kater wäre sein Ein und Alles und würde sich immer genau so auf seine Thrombose setzen, dass er keinen Schmerz spürt. Alle waren sehr nett.“

Aber auch die nachdenkliche Sargnagel kommt immer wieder zu Wort, in denen Aussagen lesbar werden, in denen die verspielt-kindliche und unsichere Seite einer Autorin hervorschauen, die im gleichen Moment scheinbar ungerührt einen Shitstorm über sich ergehen lässt. Sargnagel sucht die Konfrontation, nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um mit gezücktem, (humorvollen!) Stinkefinger ihre Meinung zu vertreten. Selbstkritisch beäugt sie sich dabei immer wieder selber, reflektiert ihren Alltag sarkastisch, ihre Einsamkeit zum Beispiel, in die sie ihr Grenzgängerinnendasein immer wieder führt:

„Es ist toll, eine Familie zu haben, die einen bei den eigenen Lebensentwürfen unterstützt. Heuer habe ich zwei Jogginghosen zu Weihnachten geschenkt bekommen.“

Stefanie Sargnagel in Aktion. Foto: Wikimedia Commons.

Zum Brüllen komisch sind auch ihre bunten Zeichnungen, und natürlich ihre Meinung über Deutschland, die zwischen Zustimmung und Ablehnung schwankt. Durch ihre steigende Popularität reist sie dort immer öfter in die entlegensten Winkel, obwohl sie Lesungen eigentlich gar nicht mag. So schreibt sie jedenfalls. Denn auch in ihren realsatirischen, sicher stark autobiographischen Aufzeichnungen, verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion.

Der ganz besondere, poetische Humor aber zeigt sich, wenn Sargnagel die Skurrilitäten der anderen Menschen beschreibt, oder sie sich innerlich vorstellt, wenn es nur auf den ersten Blick um sie selbst geht:

„Mein Fernseher hat eine Störung. Ich glaube, die alte Nachbarin hat sich wieder in Alufolie eingewickelt und tanzt hinter der Wand.“

Einige (depperte) Stimmen mögen vielleicht fragen: Ist das jetzt Literatur?

Die knappen, bis ins Mark treffenden Sätze, schaffen jedenfalls surrealere Szenerien, als es jede ausufernde Phantasiegeschichte hinbekommt.

„Die Welt ist ein kotiges Ungeheuer“, erklärte Nietzsche im „Zarathustra“:

Sargnagel betrachtet ihre stinkenden Ausscheidungen mit messerscharfen Schriftstellerinnenaugen. Wer sich zu fein ist ihr dabei zu folgen, verpasst was.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abenteurerin der Sprachen. Kathy Zarnegin. Chaya.

Kathy Zarnegin. Chaya.

In Iran lebt Chayas Vater in zwei Welten. Er ist Oberhaupt zweier Familien, Ernährer von zwei Frauen und zahlreicher Kinder. Für die junge Protagonistin des gleichnamigen Romans der Autorin Kathy Zarnegin ist das „Zuhause“ aus diesem Grund nichts einzigartiges, sondern austauschbar. Vielleicht ist es diese frühe Erfahrung von Heimatlosigkeit, die das aufgeweckte Mädchen von fernen Ländern, von Italien, also EUROPA, träumen lässt. Zeitgleich zur Reisesehnsucht, entwickelt sich bei ihr bereits in der Grundschule der Wunsch, mit Wörtern umzugehen, Sprache auf Papier festzuhalten.

Diskussionen über die ontologische Beschaffenheit unterschiedlicher Sprachen finden auch Einzug in den Familienalltag. Unter Anleitung der alleinstehenden Tante Farah, wird Abstand genommen von der nationalistischen Meinung der Mutter, dass das Persische wohl die schönste Sprache sei. So antwortet sie dieser bestimmt:

„Ich bin ja mit dir einverstanden, was den Reichtum der persischen Sprache und Literatur betrifft. Aber Persisch ist nicht die einzige Sprache auf der Welt. Jede Sprache hat ihre Seele. Jede Sprache kreiert eine eigene Seele, und wenn sich die Kulturen unterscheiden, dann auch deshalb, weil die Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen. Jede Sprache bringt eigene geistig-seelische Zustände hervor.“

Um andere „Seelenzustände“ erreichen zu können, muss man Sprachen lernen. Als 14-Jährige wird Chaya in die Schweiz geschickt und möchte von nun an in der Fremde der Beantwortung der Frage nachgehen, was das Leben sei. Zunächst verliert sie, gleichbedeutend zum Verlust der Muttersprache, ihre Kindheit. Sie wird sich nicht so schnell wieder auf leichte, selbstverständliche Weise ausdrücken:

„Weg war die Kindheit und mit ihr die Sprache, die man Muttersprache nennt und an die man erst denkt, wenn man sie nicht mehr sprechen kann. Man realisiert es nicht gleich zu Beginn, sondern erst im Nachhinein. Sowie man sich auch bei den Symptomen einer Krankheit nicht für krank hält.“

Mit dem „Stock“ in der Hand, der fremden Sprache auf der Zunge, erkundet die Protagonistin ihre Umgebung. Es zeigt sich hierbei, dass gerade der Verlust der vermeintlich festen (sprachlichen) Identität, die Protagonistin einen befreiten Lebensentwurf ergreifen lässt. Sie studiert Philosophie, eröffnet eine Gedichtagentur, und das erstaunlichste von allem: sie schreibt Gedichte auf Deutsch. Das geht nur, wenn man die „Milchundhonigsprache“ radikal aufgibt.

Für viele ist Chaya trotz ihrer Integrationsbereitschaft in der Schweiz die Exotin, und es macht Spass zu lesen, wie reflektiert sie mit den Klischees umgeht, die ihr tagtäglich begegnen. In manchen Momenten legt die Autorin sie ihr selber in den Mund, und deckt dadurch die Banalität der festgesetzten Bilder über fremde Kulturen verstärkt auf.

Ihre naiven Traumvorstellungen von Europa werden schnell getrübt, als ihr die negativen Folgen der kapitalistischen Wirtschaftsform auffallen:

„In Europa genügte es nicht, einfach nur da zu sein. In Europa arbeitete man. Erst die Arbeit definierte die Menschen, machte sie sichtbar und zugänglich für die anderen.“

Im Orient ist die „Verfügbarkeit von Zeit“ eine Selbstverständlichkeit. Symbole für diese Lebenseinstellung, sind die Pistazien oder Sonnenblumenkerne in den Hosentaschen der Männer. Trotz aller gesellschaftspolitischen Probleme in Iran, wünscht man sich nach Lektüre dieser Textpassage, einer besonders eindrücklichen, an einen anderen Ort, vielleicht Teheran, in ein Kaffee, in dem Tee in einem Samowar zubereitet wird, und ohne Zeitdruck Pistazien geknackt werden. Geistig begleitet das Knabberzeug die Protagonistin im hektischen Alltag in der Schweiz, gibt ihr die Muße, sich zwischendurch zurückgezogenen Dingen, wie dem Gedichteschreiben zu widmen.

Zur Sprachthematik gesellt sich ein weiteres Thema: Die Liebe. Wie könnte es anders sein, denkt man sich. Eine schöne, junge Frau aus dem „Orient“, Dichterin, Sprachenlehrerin, ist Mitte der 70er Jahre in der Schweiz eine wahre Exotin, und wird gerade im Künstlermilieu von Männern verehrt. Womit Chaya nicht rechnet, sind die Ungerechtigkeiten, die sich selbst in einem scheinbar emanzipierten Paradies zwischen den Geschlechtern abspielen. Die Stimme der Tante Farah im Ohr, die sie davor gewarnt hatte, dass man als Frau in Iran erst als „Prinzessin“ und später nach der Hochzeit „wie Viehfutter“ behandelt werde, kommentiert Chaya das Verhalten ihres Geliebten in einem Brief folgendermaßen:

„Lieber David, die Literatur, die du so gerne und oft zitierst, hat in der Rolle der liebenden Frau lauter liebende Idealmamis produziert. Allesamt Mütter. Ob die sich nun aufopfern, sich umbringen oder aus Liebe ein Verbrechen begehen (…). Was meinst du dazu, David? Gibt es keine Frau in der Liebe für euch? Ist eure Liebe nur die zur Mutter und die Frau muss ‚außerhalb‘ erfunden werden?“

Chaya fühlt sich, als reine Projektionsfläche, nicht gesehen von den anderen. Auch weil der eurozentristische Blick der Bioschweizer zu unflexibel ist, um sie genau in der Sprache wahrzunehmen, in der sie angenommen werden möchte. Immer wieder wird ihr vorgeworfen, sie sei unauthentisch, wenn sie ihre orientalischen Wurzeln abstreife. Dabei erkennt die junge Abenteurerin durch ihre Erfahrungen etwas, das Jahre später erst u.a. in den Geisteswissenschaften Thema wird:

dass das Fremde Teil des Eigenen ist und umgekehrt; sich Lebensgeschichten unterschiedlicher Menschen miteinander verzahnen, und man „nicht mehr sagen kann, um wessen Geschichte es sich handelt.“

Die Protagonistin richtet sich in einer Sprachenvielfalt ein, die Schmerz und Freiheit zugleich bedeutet. Der ambivalente Verlust der dominanten „Mutterzunge„, ein Bild, das ich der gleichfalls transkulturell geprägten Autorin Emine Sevgi Özdamar entnehme, wird von Kathy Zarnegin als Möglichkeit beschrieben, in mehreren Sprachen zu leben:

„In einer Geistersprache, die einst meine Muttersprache war, in meiner neuen, haltlosen Sprache, die auf Krücken ging, und in einer, die dazwischen lag und die niemand verstand, weil sie keine Worte hatte, sondern nur aus Stimmungen und Schwingungen bestand.“

„Chaya“ ist ein Roman, der in das Raster „deutsche Literatur von AutorInnen mit transkulturellem Hintergrund“ passt. Wer die Literaturlandschaft genauer betrachtet, stellt allerdings fest, dass „deutsche Literatur“ längst transkulturell ist. Nicht nur auf poetologischer Ebene ist der Text deswegen ein Gewinn, sondern auch zur Vergegenwärtigung einer bereichernden Tatsache.

 

 

 

Auch dichtende Amazonen beißen. Connie Palmen. Du sagst es.

Connie Palmen. Du sagst es.

Kann das funktionieren: zwei vom Dichten besessene Individuen, deren Liebe füreinander so groß ist, dass sie meinen, miteinander leben zu müssen? Stellt sich nicht automatisch ein Konkurrenz- und Eifersuchtsverhältnis ein, das die Beziehung vergiften muss? Man denke an das Schriftstellerpaar Ingeborg Bachmann und Max Frisch, das auch versucht hatte, die Leidenschaft füreinander von der Schreibsucht zu trennen, und zusammenzog, um zusammen leben und arbeiten zu können. Das Experiment endete tragisch, weil sie sich gegenseitig die Luft zum Atmen genommen haben, ein Alltag im permanenten Ausnahmezustand nicht funktionierte.

Er habe sie umgebracht, sie in den Selbstmord getrieben – so der Tenor vieler Zeitzeugen und Biographen zur unglücklichen Beziehung zwischen dem berühmten Dichterpaar Sylvia Plath und Ted Hughes. Hughes schwieg bis zu seinem Tod 1998 zu den Vorwürfen, und die niederländische Autorin Connie Palmen nutzt sein Schweigen, um ihm eine Stimme zu geben, die in einer Eindringlichkeit und psychologischen Schärfe die Dinge aus seiner Sicht beschreibt, dass man nach der Lektüre überzeugt davon ist, es müsse WIRKLICH so gewesen sein.

Dramatisch war bereits ihr erstes Aufeinandertreffen, in welchem sich Plath und Hughes gegenseitig, also vollkommen ebenbürtig, eroberten:

„Wir erbeuteten einander, keine vier Monate später habe ich sie geheiratet. Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beißt, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft.“

In „Du sagst es“ schweben Todesstimmung und Selbstzerstörung zwischen fast jeder Zeile. Plath wird zunächst als Amazone Penthesileia beschrieben, die ihren Geliebten fast vor Liebe totbeißt. Sie möchte ihn mit Haut und Haaren besitzen, und entwickelt daraus destruktive Verlustängste, die sich in Panikattacken und Eifersuchtsszenarien ausdrücken. Zu lieben bedeutet, sich auf einen gefährlichen Cocktail aus Glück, Schmerz und Wahn einzulassen, und Opfer und Täter zugleich zu sein.

Ted Hughes ist in der Beziehung derjenige, der Erfolg mit seinem Schreiben hat, sich trotz kräftezehrender Liebe zu einer fragilen Persönlichkeit, dichterisch entfaltet. Sylvia Plath hingegen entwickelt sich zu einem „Gefäß des Zorns“, wie sie von ihrem Umfeld, auch engen Freunden, gehässig genannt wird. Zu einer frustrierten Furie, die sich aufgrund des fehlenden Resumées in der Öffentlichkeit, erfolgversprechendere Projekte sucht, wie die der Mutterschaft. Aber auch dort findet sie keine Ausgeglichenheit, schwankt zwischen Extremen aus Manie und Depression.

Liebevoll-verzweifelt kümmert sich Hughes um seine psychisch kranke, dichtende Ehefrau, fängt sie immer wieder auf, wenn sie nachts durch Alpträume gequält, keine Ruhe mehr findet.

Es ist ein einfühlsamer Ehemann der da zu uns spricht, ein dichtender Mensch, kein egoistischer Mann, der allerdings irgendwann an den Punkt gelangt, an dem er das Gefängnis Ehe nicht mehr erträgt, und ausbricht.

Plath entwickelt sich zunehmend zur Märtyrerin. Sie wird von der starken, kraftstrotzenden und gefährlichen Amazone, zur leidenden Madonna, die keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr sieht, weil die Welt ihr feindlich gegenübersteht. Dabei gibt ihr der Ehebruch ihres Gatten zunächst die Kraft, jeden Tag ein Gedicht zu verfassen. Auch für sie scheinen sich die offenen Gefängnistüren gut auf die Kreativität auszuwirken.

Doch die Liebe zweier Dichter endet tragisch. Der weibliche Part findet den Tod, der männliche versucht den Verlust durch Liebschaften zu verdrängen, im Wissen darum, dass auch ein Teil von ihm mit dem Verschwinden der Geliebten gestorben ist. So bemerkt Hughes am Ende seiner selbstreflexiven Erzählung weise:

„Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten.“

Der Autorin Connie Palmen gelingt es überzeugend, sich in die männliche Perspektive des Hughes hineinzuversetzen, und verzaubert den Text mit einer Sprache, deren Poesie die dramatische Handlung wirkungsvoll unterstreicht.

Lust ohne Zauber. Nora Bossong. Rotlicht.

Nora Bossong. Rotlicht.

Es ist schon einige Wochen her, seitdem ich Nora Bossongs Essays aus dem Sexgewerbe gelesen habe. Sie wirkten so stark nach, dass es mir zunächst schwerfiel, über sie zu schreiben. Vielleicht lag das an der Intensität, mit der die LeserInnen eintauchen in eine Welt, die in ihrer brutalen Trostlosigkeit nah und fern zugleich, eine Faszination ausstrahlt, der man sich im selben Moment abgestoßen entziehen möchte.

Nora Bossong macht sich in „Rotlicht“ auf den Weg, die geheimnisvollen Eindrücke ihrer Kindheit zu enträtseln, und öffnet die für die Heranwachsende damals noch verschlossenen „rotlackierten Türen“, deren Räume dahinter Befriedigung und Lust versprechen.

Doch auch im Erwachsenenalter muss die Autorin feststellen, dass es gerade für eine Frau nicht leicht ist, in die „Domäne zeitloser Männlichkeit“ vorzudringen. Denn „man wäre ein Fehler im System, eine Art Machttransvestit“. Deswegen sucht sich die Autorin männliche Begleitpersonen aus, die nicht nur Schutzfunktion besitzen, sondern gleichzeitig interessante Beobachtungsobjekte und Reflexionspartner über das Erfahrene darstellen.

Die Erkenntnisse, die aus den Besuchen der unterschiedlichsten Einrichtungen des Sexgewerbes resultieren, sind deswegen so interessant, weil Bossong das verstörende das sie sieht, strukturell durchleuchtet, und nichts auf der reinen Gefühlsebene bleibt. Dadurch wird „Rotlicht“ zu einer Gesellschaftsstudie, die aktueller nicht sein könnte. Soziologisch-philosophisch dringt sie mit ihren Begleitern vor in die „verwaltete Lust“, lässt sich berühren, verstören, wütend machen, um immer wieder zu erkennen, dass es um die männliche und niemals um die weibliche Lust geht. Bossong differenziert dabei begrifflich, indem sie das Gefühl der Begierde vom reinen Lustgewinn trennt. Die Begierde ist emotional komplexer, weil sie eigene Phantasien miteinbezieht in das Liebesspiel, durch die das Liebesobjekt eine Art Subjektstatus erhält. Bei den Geschäften mit der Lust allerdings zeigt sich, dass es lediglich um ein schnelles, lustvolles und effizientes „Abspritzen“ geht.

Bossongs erste geöffnete Tür führt in eine Table-Dance-Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo sie ernüchtert feststellt:

„Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist eine Reeperbahn ohne Folklore, eine heruntergekommene Vergnügungsmeile, auf der zumindest ich mir auf den ersten Blick Vergnügen nicht vorstellen kann.“

Ihre Suche danach, in der inszenierten Künstlichkeit etwas über Lust zu erfahren, aber vor allem auch darüber, was sie aus den Menschen macht, bleibt auf ihrer ersten Station erfolglos. Wie Fremdkörper betrachten sie und ihr Begleiter die traurigen Shows an der Stange, daran mehr oder weniger gutaussehendes Fleisch, das trotz akrobatischer Bemühungen oft in der Auslage liegenbleibt, weil der Kunde (noch) weniger bezahlen möchte als gefordert.

Deutlich wird schon im ersten Essay, dass es Bossong nicht alleine darum geht, einen Einblick in das aktuelle Sexbusiness zu erhalten, sondern sie den persönlichen Anspruch hat, die eigene, weibliche Sexualität, besser kennenzulernen.

In einem Kapitel über Tantramassagen wird dieser Anspruch besonders deutlich. Dort probiert die Autorin aus wie es ist „eine Fremde für Intimität zu bezahlen“. Plötzlich ist sie nicht mehr nur reine Beobachterin einer Szene, die außerhalb von ihr passiert, sondern sie bewegt sich unter Einsatz ihres eigenen Körpers in ein System hinein, um tiefer begreifen zu können, was reizvoll daran sein kann, weibliche Sexualität aus dem Bereich des Privaten herauszuholen. Sie buchstabiert ihre persönlichen Erfahrungen dabei nicht geschwätzig aus, sondern beobachtet stattdessen sensibel genau, was sie phänomenologisch, also auf der Bewusstseinsebene, mit ihr anstellen.

Das Stichwort „weibliche Sexualität“ bleibt in allen Essays vorherrschend und oft bekommt man den Eindruck, dass sie ohne Rückbezüglichkeit zur Lust des Mannes gar nicht existiert, weil sie keine Chance hat sich zu entfalten. Die Frau empfindet Lust, wenn überhaupt, als stöhnendes Objekt für den Mann. Die Venus-Messe in Berlin ist ein Beispiel dafür:

„Die uralten Hierarchien aber sind auch hier beibehalten:

Allein Frauen spreizen in den Messehallen in endloser Lohnarbeit die Beine, und unzählige Männer starren  dazwischen. Die größtmögliche Emanzipation auf der Venus-Messe scheint dann zu herrschen, wenn auch Pärchen auf Frauen starren.“

Bossongs Streit mit ihrem Begleiter darüber, ob die Nachfrage das Angebot, oder das Angebot die Nachfrage (Bossong) diktiert, verdeutlicht, wie sich vom Geld dominierte Geschlechterstereotype immer wieder unhinterfragt selbst bestätigen. Ein Teufelskreis, in dem die weibliche Lust ein Hirngespinst idealistischer Feministinnen bleibt.

Gespräche sind es, die Bossongs Exkursionen intellektuell unterfüttern. Sie spricht zum Beispiel mit dem legendären Sexkinoproduzenten Stöckli, einem erfolgreichen Schweizer Unternehmer, der allerdings auch kein wirkliches Interesse daran hat, sich um die weibliche Lust zu kümmern. Wozu auch? Solange, wie bereits angedeutet, das Geschäft läuft, kann das „Rätsel Frau“ ruhig, zumindest für die Männerwelt, verschlüsselt bleiben. Vielleicht ist es auch besser so, weil sie bei ihrer Enträtselung möglicherweise nicht mehr willenlos jeden Regieanweisungen Folge leisten, denn:

„Es ist ein Zeichen gut funktionierender Herrschaft, wenn Hörigkeit und Unterwerfung sich vom Befolgen äußerer Befehle und Kontrollen zu eigenen inneren Wünschen wandeln, wenn sie verinnerlicht werden.“

Frauen erlernen sexuelle Lust, und finden durch die Wiederholungen des Erlernten oft keine Möglichkeit, das ganz eigene ihrer Begierde, getrennt von den Vorstellungen des anderen, zu entdecken. Die eigene Phantasie wird überlagert von stereotypen Bildern, die Bossong auch während des Besuchs eines heruntergekommenen Sexkinos bestätigt sieht. Es ist ein trauriges Dasein für den Menschen, wenn er seine gewohnte Identität nur zwischen bereits eingefleckten Kinopolstern ablegen kann. Wo bleibt das Spielerische in der Sexualität zwischen den PartnerInnen, geht es nicht auch darum, „das Gegenüber nicht nur körperlich greifen, sondern uns durch den anderen ergreifen lassen“ zu können?

In allen Einrichtungen, die Bossong betritt, und auch in den Gesprächen mit Prostituierten, wird deutlich, dass das Sexgewerbe gerade davon lebt, dass man dort gefühllos und mechanisch seine Triebe befriedigen kann. Liebende und anerkennende Gefühle leben die Partner zu Hause in der Ehe aus, wie Bossong von Kunden zumindest berichtet wird.

So finanziert sich das Sexgewerbe durch die strikte Trennung zwischen Sex und Liebe, weil insbesondere das männliche Geschlecht diese Trennung hinzubekommen vermag.

Weibliche Begierde (!) scheint da etwas komplexer zu sein, vielleicht weil sie offen sein möchte für das zauberhafte, geheimnisvolle im Anderen. Also für das, was Erotik ausmacht. Sonst würde wohl ein breites Angebot entsprechender Callboys genutzt werden. Den Frauen (und natürlich auch zahlreichen Männern), ist unterschwellig bewusster,  dass

„jeder einzelne Kauf immer auch Entzauberung bedeutet – und wir allein bleiben mit der trostlosen Macht, über etwas oder jemanden zu herrschen.“

 

 

 

Politik braucht Utopie. Jakob Augstein/Nikolaus Blome. Links oder rechts?

Augstein/Blome. Links oder rechts?

Wenn man sie zusammen sieht, wirken sie fast wie Brüder, die sich eigentlich richtig gut verstehen. Brüder, die gerne miteinander streiten, und dies tun, da sie wissen, dass es inhaltlich konstruktiv wird, gerade weil sie sich gegenseitig schätzen, trotz politisch konträrer Ansichten. Mit dem Sozialphilosoph Axel Honneth könnte man sagen, Anerkennung als wechselseitiges, grundlegendes Prinzip für eine gelingende Kommunikation ist vorhanden, woran häufig schon viele Talkshowrunden zu Beginn der Debatte scheitern. Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag, und Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der BILD, haben allerdings noch eine andere Sache gemein, die einem freundschaftlich aufgebauten Politbattle den nötigen drive gibt: Sie halten sich beide jeweils für eloquenter und argumentativ versierter, ja, einfach schlauer als den Gegenüber. So wird „Reformator“ Augstein am Anfang des Buches zitiert:

„Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, dann mache ich aus Blome einen echten Herzenslinken. Das wird ein Coming-out!“.

„Pädagoge“ Blome zu seinem Kontrahenten:

„Man muss das Ganze als Erziehungsprojekt verstehen. Am Ende kann auch ein linker Träumer wie Augstein in die politische Realität ausgewildert werden. Es wird aber noch dauern, fürchte ich.“

Optimistisch sind sie also beide, nicht nur, was den Gesinnungswandel des anderen betrifft. Hoffen lässt auch der Untertitel des Buches, der ankündigt, „Antworten auf die Fragen der Deutschen“ zu geben. Ein universeller Anspruch, der eigentlich scheitern muss, weil er größenwahnsinnig ist; aber auch wohltuend idealistisch, anpackend und erfrischend. Folgende große Fragen stehen zur Diskussion:

Macht, Geld, Moral, Heimat, und, etwas kryptisch:

Wir, Die.

Wer Augstein und Blome von ihren öffentlichen Auftritten her kennt, der wird bei einigen Themen zum Beispiel zur Frage „Wieviel Anstand haben die Bosse?“ (Geld) inhaltlich wenig Überraschungen erleben. Blome vertritt klassisch wirtschaftsnahe Positionen, lobt die Soziale Marktwirtschaft und argumentiert pro Agenda 2010. Gleichzeitig bemängelt er aber auch das unmoralische Handeln der Manager bei Bonuszahlungen. Augsteins Konter: Die Bonuszahlungen seien kein Fehler im System, sondern das System in welchem solche Ungerechtigkeiten möglich seien, sei selbst der Fehler.

An diesen beiden Statements fällt bereits auf, was die Debatten wie einen roten Faden durchzieht. Blome räumt in vielen Punkten Probleme, Mängel ein. Sei das jetzt innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft, oder konkret das Verhalten der Presse in Deutschland. Grundsätzlich ist aber alles schon gut so, wie es ist. Da hält Augstein konsequent dagegen und zeichnet ein viel pessimistischeres Bild von Deutschland und der Welt. Zugespitzt könnte man sagen: Hier diskutieren Merkel gegen Schulz.

Aber das stimmt so nicht ganz. Denn beide irritieren immer wieder auch durch Aussagen, die man ihnen nicht so ohne weiteres zugetraut hätte, weil sie aus der Reihe der vertrauten, angestammten politischen Position tanzen. Zum Beispiel fällt auf, wie stark Augstein in manchen Punkten Helmut Kohl und seine Politik lobt, etwa in der Frage „Dürfen die Deutschen Europa führen?“ (Macht). In solchen Momenten verschwimmen die gezogenen Grenzen zwischen dem linken und dem rechten Lager, und es wird deutlich, dass es den beiden um die Sache geht, darum, nicht unbedingt auf Teufel komm raus eine „Richtung“ zu vertreten, sondern sich auch durch die Argumente des anderen beeinflussen zu lassen, um den eigenen Standpunkt zu überdenken. Ja, es geht hier bei allem Showgetue um Erkenntnisgewinn auf beiden Seiten, gepaart mit dem Wunsch, diesen an ein Publikum zu vermitteln, das nicht unbedingt jeden Tag Zeitung liest. Augsteins Zitatesammlung aus Literatur und Philosophie würzen die Positionen zusätzlich mit anschaulichem Sprachmaterial („Das Sein bestimmt eben das Bewusstsein“). Andersherum kann Blome plötzlich links einschwenken, etwa wenn er betont, dass er sich eine „Rot-Rot-Grüne“ Regierung wünsche. Er macht das sicher ein stückweit, um zu provozieren, die Show anzustacheln, Augstein in Sicherheit zu wiegen. Aber doch auch, weil er wirklich denkt, dass Polarisierung im Bundestag der Politik gut täte.

B: „Wissen Sie was, ich wünsche mir Rot-Rot-Grün. (…) ich verstehe nicht, warum es SPD, Grüne und Linkspartei nicht wenigstens versuchen. Das sind doch Profis, und sie wissen, dass sie alle Differenzen in einem ganz normalen Koalitionsvertrag klären oder einfrieren könnten.“

Darauf ein ungläubiger Augstein:

A: „Eine linke Alternative zur Unterhaltung gelangweilter Konservativer?“

Es sind diese Überraschungsmomente, in denen es den Journalisten gelingt, tiefer in die Debatte vordringen. Augstein muss auf Blomes Provokation klare Kante zeigen, und er tut dies, indem er antwortet, dass weder SPD noch Grüne als linke Parteien bezeichnet werden können. Seine Ausführungen enden mit dem wunderschönen Satz: Politik braucht Utopie. Absolut.

Ungewohnt schüchtern wird die Debatte in der Frage eingeleitet: „Was sollen Frauen wollen?“ (Moral):

A: „Wir wollen über Frauen und Familie reden – als Feministen unter sich, oder wie?“

B: „Warum sollen wir nicht über eine der größten Umwälzungen in der Gesellschaft der letzten 50 Jahre genauso gut sprechen können wie jede oder jeder andere? Wenn sich das Rollenbild von Frauen und Töchtern ändert, macht das etwas mit den Männern und Vätern. Sie haben doch auch eine Tochter.“

A: „Ja. Ich wollte nur eine salvatorische Klausel anbringen. Wenn Männer über Frauen sprechen, bin ich immer skeptisch(…)“

Augstein ist sich also über seine eigene Rolle bewusst, wenn er über Frauen spricht. Dementsprechend vorsichtig äußert er sich über deren mögliche Wünsche und macht seinen argumentativen Punkt hinter dem Stichwort Doppelbelastung (Kind und Karriere). Blome sieht das Problem – klassisch konservativ – eher darin, dass die Frau heutzutage eine soziale Ächtung erfährt, wenn sie sich ausschließlich um Kind und Familie kümmern möchte. Dies sei ein „vormodernes Frauenbild“, kontert Augstein.

Beide werfen sich spielerisch die Bälle zu, bemühen sich, die Frage befriedigend zu klären und dennoch bleibt eine gewisse Unbefriedigung nach der Lektüre dieses großen und wichtigen Streitthemas, weil die angesprochenen Probleme merkwürdig abstrakt bleiben, obwohl sie doch so konkret sind. Vielleicht weil es gerade Blome schwerfällt, sich wirklich in die Situation der Frauen hineinzuversetzen, und es der Diskussion an Ernsthaftigkeit fehlt.

Überhaupt sind die stärksten Streitgespräche diejenigen, die eine Balance zwischen Unterhaltungs- und Informationsanspruch herstellen, die oft in den Bereichen funktioniert, in die beide Journalisten auch emotional involviert sind. Die Debatte „Lügt die Lügenpresse?“ (Moral) wäre ein herausragendes Beispiel.

Einige Themen werden leider oft nur kurz angerissen und nicht richtig ausgeführt.  Das liegt vor allem an der Fülle des Stoffes – immerhin geht es um die Beantwortung DER Fragen der Deutschen – einem Megaprojekt, zu dem Veröffentlichungen  wie „Links oder rechts?“ von Augstein und Blome einen wichtigen Beitrag leisten.

Augstein und Blome auf Phoenix im Gespräch.

 

 

 

 

 

Die Kraft der Melancholie. Milena Michiko Flasar. Ich nannte ihn Krawatte.

Milena Michiko Flasar. Ich nannte ihn Krawatte.

Zwei Menschen sitzen auf einer Parkbank. Zunächst hatten sie sich nur neugierig beäugt. Der eine, junge Mann, in sicherem Abstand, dem älteren gegenüber. Monatelang hat er sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern nicht mehr verlassen, lebt als Hikikomori, also als eine Person, die sich der Gesellschaft, dem Leistungsdruck, und dem Zwang, sich festen Normen anpassen zu müssen, verweigert. Er weiß nicht, warum er eigentlich überhaupt auf dieser Bank sitzt. Ängstlich, verzagt und fremd am Platz. Mit dem Eintreffen des älteren Firmenangestellten, dessen Funktion er an seiner Kleidung, einem Anzug erkennt, erfüllt ihn jedoch plötzlich Mitgefühl und ein seltsames Interesse an diesem fremden Mann, der eigentlich längst an seinem Arbeitsplatz sein müsste:

Er hatte ein Stück Brot bei sich. Umständlich wickelte er es aus dem Papier, zerriss es in immer kleinere Hälften, formte Kügelchen daraus und streute sie vor die gurrenden Tauben. Für euch, hörte ich ihn murmeln. Und als er fertig war: Ksch-ksch. Weiße Federn wirbelten auf ihn herab. Eine war auf seinem Kopf gelandet. Sie verfing sich in seinem zurückgekämmten Haar und gab ihm etwas Verspieltes. Wäre er in T-Shirt und kurzen Hosen dagesessen, man hätte ihn für ein Kind halten können. Sogar die Langeweile, in die er kurz danach verfiel, war die eines Kindes. Er witschte unruhig hin und her. Bohrte die Fersen in den Boden. Blähte die Wangen auf. Ließ die Luft langsam entweichen.

Die Melancholie, die der Hikikomori bei dem älteren Mann zu erkennen glaubt, ist der Gemütszustand, durch den er sich mit ihm verbunden fühlt, und der dazu führt, dass sie ins Gespräch kommen miteinander. Sie treffen sich nach dieser Schlüsselszene jeden Tag auf der Parkbank, bei Regenwetter in einer Jazzkneipe, und öffnen sich dem anderen ohne große Scheu. Kein typischer Smalltalk zerstört die eigentliche Begegnung, sondern jeder erzählt seine Geschichte. Beide umkreisen dabei die Gründe, warum sie außerhalb der Gesellschaft stehen. Sie tasten sich vor wie Blinde, ermunternd angeführt durch die andere, interessierte Person.

Sie hören sich einander zu, und horchen den Erfahrungen, ohne durch feste Bilder über den anderen vorgeprägt zu sein. Der jugendliche Ich-Erzähler erkennt in diesem Ereignis, dass er zwar immer noch in seinem isolierten „Gehäuse“ feststeckt, „sein Blick und die Anerkennung“, die ihm daraus „entgegengeleuchtet“, aber den „Raum“ um ihn herum erhellt. Man muss sich gar nicht jahrelang kennen, um sich dem anderen öffnen zu können. Oft reicht ein Gefühl der Verbundenheit, der Eindruck, vom anderen erkannt zu werden, um sich zeigen zu können, sich aufgehoben zu fühlen im anderen.

Erzählt wird hier die Geschichte zweier Menschen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen. Ein Firmenangestellter, der nicht mehr in der Firma ist, ein Schüler, der seit über einem Jahr nicht mehr in die Schule geht. Sie haben sich eingekapselt, und sind doch fähig, die richtigen Worte zu finden für ihre Melancholie, die ihren Rückzug aus der Welt zwingend gemacht hat. Es sind Worte und Sätze, die einem beim Lesen immer wieder die Tränen in die Augen treiben, weil sie den Dingen auf den Grund gehen. Einen Grund, der schmerzt, da er aus der engen Verbindung des Lebens mit der Liebe und dem Tod besteht.

Scheinbar kann dabei normalerweise nur der Alltag zu einer Art Zuflucht gegen diese schwer ertragbare Lebenserkenntnis werden. Nur indem wir uns einwickeln lassen in routinierte Tagesabläufe, uns fügen in die Verhaltensweisen, die man von uns im Arbeits- und Familienalltag erwartet, –  nur dann können wir vergessen, dass das Leben im Grunde sinnlos, weil vergänglich ist. Aber gerade die Flucht in die Alltäglichkeit des „man“, der Allgemeinheit, um mit Heidegger zu sprechen, ist der eigentliche Tod. Der Tod der Möglichkeiten, einen unerwarteten, authentischen Weg einzuschlagen.

Die beiden Aussteiger auf der Bank sind vor der (lebendigen) Mumifizierung aufgewacht, und entziehen sich dem Alltag und seinen Anforderungen. Gleichzeitig finden sie im Gespräch miteinander wieder eine Zugehörigkeit, die sie auf neue Weise an die gefürchtete, alte Gesellschaft anknüpfen lässt. Im Gefühl, versagt zu haben, erkennen sie die Mechanismen, die zu diesem Gefühl geführt haben, und können sie entmachten. Zum Beispiel bemerken sie, dass sie beide durch patriarchale Strukturen an ihrem eigenen Lebensweg gehindert werden, weil die Erwartungen der Gesellschaft immer noch patriarchal-dominierte sind. Der Ich-Erzähler wünscht sich nichts sehnlicher, als einen guten Vater, was bedeutet, einen „gegenwärtigen“ Vater zu haben. Einen Menschen, der im Erwachsenwerden nicht verlernt hat, manchmal die Dinge durch die Augen eines Kindes zu betrachten. Einen Erzieher, der mit keinem von außen aufgezwungenen Anspruch den Sohn versucht, nach seinen Vorstellungen, den Vorstellungen der Gesellschaft, zu formen, sondern herauszuhört, was er selbst (sein) möchte.

Flasars Ich nannte ihn Krawatte ist ein Text, der im Beschreiben besonderer Menschen, immer wieder die Frage umkreist, warum wir dem „normalen“, den gewohnten Verhaltensweisen einen Vorrang gegenüber dem „anderen“, dem scheinbaren aus-der-Reihe-tanzen geben. Beide Charaktere sind wohltuende Störungen des Systems, die ein Guckloch durch den abgeschlossenen Alltagskäfig bohren, um die Möglichkeit zu geben, auszubrechen.

Ein Guckloch alleine genügt jedoch nicht, um den Mut aufzubringen, sein eigenes Leben anzupacken. Auch der eigene, von Geburt an normierte Blick auf die anderen muss sich gleichzeitig ändern. Er muss in die Tiefe der fremden Psyche gehen, um wahrhaftig zu erkennen. Das heißt: nur wer hinter die Fassade des Gegenübers blickt, weiß wirklich, wie es um dessen Seelenzustand steht. Manchmal kann diese Fassade ein schallendes, irritierendes Gelächter sein:

Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub.

Genau hinzuhören, und dabei nicht schon an der einladenden Oberfläche des Gesagten abzurutschen – das ist eine Botschaft der unzähligen Weisheiten, die in diesem Roman stecken.

Sprachgymnastinnen ohne Balance. Shumona Sinha. Erschlagt die Armen.

Shumona Shina. Erschlagt die Armen!

Shumona Sinha. Erschlagt die Armen!

In ihrem 2015 bei der Edition Nautilus erschienen Skandalroman „Erschlagt die Armen!“, erhalten die LeserInnen Einblick in ein abgeschlossenes System; das der Migrationsbehörde Paris. Dort wird hinter verschlossenen Türen darüber entschieden, wer einen Asylstatus erhält, und wer nicht. Die Protagonistin, eine Dolmetscherin, ist diejenige von der erwartet wird, dass sie die Leidensgeschichten der Flüchtlinge verständlich für den sogenannten „Entscheider“ übersetzt. Zusätzlich zur Übersetzungsarbeit soll sie diesen „fremden Männern“, die alle Hilfe von ihr fordern, Empathie und Verständnis entgegenbringen.

Zunächst irritiert der fast menschenverachtende Ton, die unbarmherzige Weise, auf die die Erzählerin von den „ungeliebten Quallen“ berichtet, die „sich an fremde Ufer geworfen haben“. Zumal diese Sätze von einer Person stammen, die selber vor einigen Jahren in Frankreich „gestrandet“ ist, und sich eigentlich solidarisch verhalten müsste. Doch sie hat die immergleichen Erzählungen der Hilfesuchenden, fast ausschließlich männlichen „Quallen“, satt, weil sie ihr Lügengeschichten unterbreiten, die sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Ihr werden auswendiggelernte, fiktionale Lebensgeschichten erzählt, weil das „System Behörde“ nur denjenigen eine Chance auf Bleiberecht gewährt, die ihre Erfahrungen wie Schauspieler an ein Publikum verkaufen können.

Drei unterschiedliche „Sprachen“ treffen jeden Tag in den unwirtlichen Büroräumen aufeinander, und Aufgabe der Dolmetscherin ist es, von einer Sprache zur anderen zu springen, und sich von ihr „benutzen“ zu lassen, das Werkzeug dafür zu sein, dass die Unwahrheiten gehört werden können:

Der Entscheider sprach seine Sprache, die Sprache der verglasten Büros. Der Antragsteller sprach seine flehende Sprache, die Illegalen-Sprache, die Ghetto-Sprache. Und ich nahm seine Sätze, übersetzte und servierte sie heiß. Die Fremdsprache schmolz in meinem Mund, hinterließ ihr Aroma. Die Wörter meiner Muttersprache lagen mir beim Sprechen sperrig im Mund, lähmten meine Zunge, hallten in meinem Kopf nach, hämmerten in meinem Hirn wie falsche Töne eines verstimmten Klaviers. Sie waren eine klägliche, schwankende Hängebrücke zwischen den Antragstellern und mir.“

Das Verhältnis der Protagonistin zu ihrer Muttersprache ist kein gutes. Die Sprache ihrer Geburt fühlt sich falsch an, und hindert sie fast daran, überhaupt Worte von sich geben zu können. Die Fremdsprache wiederum, also das Französische, entwickelt sich interessanterweise zu einem individuellen Geschmack, den sie nicht wieder verlieren möchte. Es ist der Geschmack, der sie nach Paris gelockt hat, und mit dem sie auch von ihren Mitmenschen in Verbindung gebracht werden möchte.

Durch ihre ambivalente Zwischenposition in der Behörde spitzt sich die Sprachenkrise zu und wird zu einer Identitätskrise. Eines Tages schlägt die Ich-Erzählerin einem Migranten in der U-Bahn eine Weinflasche über den Kopf, weil er sie verbal provoziert hat. Plötzlich ist sie selber das rätselhafte Tier in der Zirkusmanege, muss Auskunft über etwas geben, das sich mit Worten nicht wirklich beschreiben lässt. Protokollhaft versucht ein Ermittler im Gespräch mit der Protagonistin zu rekonstruieren, wie es zu dem Gewaltausbruch kommen konnte. Wie Mosaikteile reihen sich mögliche Gründe für den Gewaltausbruch im Verlauf der Geschichte aneinander. Und es ist nicht nur die Sprachenzerrissenheit, das Wandeln zwischen den Sprachkulturen, die sie zu der drastischen Maßnahme greifen lässt. Es ist gerade auch er unterschwellige Hass der geflüchteten Männer, dem die Dolmetscherin als Frau verstärkt ausgesetzt ist, der ihr Inneres mit der Zeit in eine wütende Chaoslandschaft verwandelt:

Und dann erdreistete sich diese Frau, sie, die Männer, auszufragen. In der guten alten Zeit, vor diesen unvorhergesehenen Ereignissen auf den Meeren und in den Büros, als Männer noch Reis anbauten und Gewürze verkauften, ohne bei der Heimkehr tausend Papiere vorzeigen zu müssen, hätten sie einer Frau, die mit erhobenem Kopf und lauter Stimme mit ihnen redete, die in ihren Geheimnissen herumschnüffelte und sie angeblich falscher, widersprüchlicher Aussagen überführte, eine Ohrfeige verpasst.“

Die Erzählerin fühlt sich verfolgt von den Worten, die aus den Mündern der Bittsteller strömen, wird nachts von ihnen eingeholt. So stürzt die Sprachgymnastin vom Trapez, weil ihr das Gleichgewicht nach und nach abhanden kommt. Das Gleichgewicht, das überlebensnotwenig ist, um zwischen den Sprachwelten zu balancieren.

Subtil aber gut erkennbar schwelt im Roman Kritik am „System Europa“, in denen die Flüchtlinge als „Sklaven des neuen Jahrtausends“ mißbraucht werden, das Resultat einer Politik, mit dem die Festung Europa, ein „Europa auf Morphium“, ihre Inhumanität immer wieder aufs neue bestätigt. Denn Schuld an den unhaltbaren Zuständen auf der Behörde sind nicht die Flüchtlinge. Allerdings zeigt die Autorin an keiner Stelle des Romans mit moralisierendem Zeigefinger auf all die menschlichen Tragödien und Ungerechtigkeiten. Vielmehr eröffnet sich ein wütender Textteppich, auf dem sich Lüge und Wahrheit ein Gefecht liefern, das gerade auch durch die eindrückliche Sprache, die ungewöhnlichen Metaphern, eine literarische Kraft besitzt, die verstört.

Auch wenn die Protagonistin an ihrer bilingualen Sprachenexistenz zu verzweifeln droht, weil sie die Muttersprache gerne abstreifen würde wie ein lästig gewordenes Kleidungsstück – auf poetologischer Ebene entstehen neue, ungewohnte Bilder, die durch eine permanente gedankliche Übersetzungsarbeit im Kopf gebildet werden, und eine besondere, originelle Qualität haben.

Die algerisch-französische Autorin und Trägerin des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Assia Djebar, hat zu ihrem Verhältnis, zu ihrer Zwei-Sprachen-Existenz, die ihr Leben formte, einmal gesagt, dass das Arabische, also die Muttersprache, den emotionalen Part in ihrem Leben übernommen habe. Die Sprache der Unterdrücker, das Französische, sei ihre Schriftsprache gewesen.

Vielleicht ging es Shumona Sinha beim Schreiben ähnlich. Möglicherweise hat ihr die Muttersprache die nötige wütende Phantasie für diesen Text gegeben, in denen Richter und ihre Beisitzer bei der Anhörung eines Migranten als „so sensibel wie Nashörner“ beschrieben werden können. Das Französische wird dabei zum Schreibwerkzeug, zu der Sprache, die die Worte aufs Papier bringen und sie nicht weiter unruhig im Körper umherschwirren lassen.

Das Verhörprotokoll endet mit dem nur scheinbar versöhnlich klingenden Satz:

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen“.

Bleibt die Frage, wo das für eine Weltenwandlerin, wie die Erzählerin eine ist, genau sein soll. Im Dazwischen der Sprachen, im permanenten Transit oder eben gerade in der Unverortbarkeit der eigenen (sprachlichen) Existenz?

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