Auch dichtende Amazonen beißen. Connie Palmen. Du sagst es.

Connie Palmen. Du sagst es.

Kann das funktionieren: zwei vom Dichten besessene Individuen, deren Liebe füreinander so groß ist, dass sie meinen, miteinander leben zu müssen? Stellt sich nicht automatisch ein Konkurrenz- und Eifersuchtsverhältnis ein, das die Beziehung vergiften muss? Man denke an das Schriftstellerpaar Ingeborg Bachmann und Max Frisch, das auch versucht hatte, die Leidenschaft füreinander von der Schreibsucht zu trennen, und zusammenzog, um zusammen leben und arbeiten zu können. Das Experiment endete tragisch, weil sie sich gegenseitig die Luft zum Atmen genommen haben, ein Alltag im permanenten Ausnahmezustand nicht funktionierte.

Er habe sie umgebracht, sie in den Selbstmord getrieben – so der Tenor vieler Zeitzeugen und Biographen zur unglücklichen Beziehung zwischen dem berühmten Dichterpaar Sylvia Plath und Ted Hughes. Hughes schwieg bis zu seinem Tod 1998 zu den Vorwürfen, und die niederländische Autorin Connie Palmen nutzt sein Schweigen, um ihm eine Stimme zu geben, die in einer Eindringlichkeit und psychologischen Schärfe die Dinge aus seiner Sicht beschreibt, dass man nach der Lektüre überzeugt davon ist, es müsse WIRKLICH so gewesen sein.

Dramatisch war bereits ihr erstes Aufeinandertreffen, in welchem sich Plath und Hughes gegenseitig, also vollkommen ebenbürtig, eroberten:

„Wir erbeuteten einander, keine vier Monate später habe ich sie geheiratet. Ich hätte wissen müssen, dass eine Frau, die beißt, statt zu küssen, den, den sie liebt, auch bekämpft.“

In „Du sagst es“ schweben Todesstimmung und Selbstzerstörung zwischen fast jeder Zeile. Plath wird zunächst als Amazone Penthesileia beschrieben, die ihren Geliebten fast vor Liebe totbeißt. Sie möchte ihn mit Haut und Haaren besitzen, und entwickelt daraus destruktive Verlustängste, die sich in Panikattacken und Eifersuchtsszenarien ausdrücken. Zu lieben bedeutet, sich auf einen gefährlichen Cocktail aus Glück, Schmerz und Wahn einzulassen, und Opfer und Täter zugleich zu sein.

Ted Hughes ist in der Beziehung derjenige, der Erfolg mit seinem Schreiben hat, sich trotz kräftezehrender Liebe zu einer fragilen Persönlichkeit, dichterisch entfaltet. Sylvia Plath hingegen entwickelt sich zu einem „Gefäß des Zorns“, wie sie von ihrem Umfeld, auch engen Freunden, gehässig genannt wird. Zu einer frustrierten Furie, die sich aufgrund des fehlenden Resumées in der Öffentlichkeit, erfolgversprechendere Projekte sucht, wie die der Mutterschaft. Aber auch dort findet sie keine Ausgeglichenheit, schwankt zwischen Extremen aus Manie und Depression.

Liebevoll-verzweifelt kümmert sich Hughes um seine psychisch kranke, dichtende Ehefrau, fängt sie immer wieder auf, wenn sie nachts durch Alpträume gequält, keine Ruhe mehr findet.

Es ist ein einfühlsamer Ehemann der da zu uns spricht, ein dichtender Mensch, kein egoistischer Mann, der allerdings irgendwann an den Punkt gelangt, an dem er das Gefängnis Ehe nicht mehr erträgt, und ausbricht.

Plath entwickelt sich zunehmend zur Märtyrerin. Sie wird von der starken, kraftstrotzenden und gefährlichen Amazone, zur leidenden Madonna, die keinen anderen Ausweg als den Selbstmord mehr sieht, weil die Welt ihr feindlich gegenübersteht. Dabei gibt ihr der Ehebruch ihres Gatten zunächst die Kraft, jeden Tag ein Gedicht zu verfassen. Auch für sie scheinen sich die offenen Gefängnistüren gut auf die Kreativität auszuwirken.

Doch die Liebe zweier Dichter endet tragisch. Der weibliche Part findet den Tod, der männliche versucht den Verlust durch Liebschaften zu verdrängen, im Wissen darum, dass auch ein Teil von ihm mit dem Verschwinden der Geliebten gestorben ist. So bemerkt Hughes am Ende seiner selbstreflexiven Erzählung weise:

„Wer Selbstmord begeht, will immer zwei töten.“

Der Autorin Connie Palmen gelingt es überzeugend, sich in die männliche Perspektive des Hughes hineinzuversetzen, und verzaubert den Text mit einer Sprache, deren Poesie die dramatische Handlung wirkungsvoll unterstreicht.

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