Monats-Archiv:November, 2014

Auf Youtube gegen die Macht der Verdrängung. Vanessa F. Fogel. Hertzmann’s Coffee.

Nur wer über sich und seine Zeit schreibt, schreibt über alle Menschen und alle Zeiten

Fogel. Hertzmann's Coffee. Quelle: Verlag weissbooks.w

Vanessa F. Fogel. Hertzmann’s Coffee
Quelle: Verlag Weissbooks.w

Das Zitat von George Bernard Shaw taucht im Roman Hertzmann’s Coffee von Vanessa F. Fogel, erschienen 2014 im Frankfurter Weissbooks Verlag, nicht ohne Grund gleich zweimal auf. Es stellt einen direkten Bezug zwischen der individuellen Erfahrung eines Menschen und dem kollektiven Gedächtnis der Menschheitsgeschichte her und weist mitten ins Herz der Story.

Der sympathische Protagonist Yankele Hertzmann muss diesen Zusammenhang erst noch schmerzhaft begreifen. Meinte er doch tatsächlich bis vor kurzem, als glücklicher Mann sterben zu dürfen, ohne sich vorher intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt zu haben:

„Bis vor ein paar Wochen glaubte ich, ich würde als glücklicher Mann sterben. Ich bin bei ausgezeichneter Gesundheit, abgesehen von meinen Zähnen und meiner zuweilen eingeschränkten Sicht. Aber das kommt auf alle alten Menschen zu.“

Seine hervorragende körperliche Verfassung schreibt er dem Kaffee zu, dem er als Begründer einer großen Kaffeefirma sein Leben gewidmet hat. Er ist in Form:

„Weil ich mindestens acht Tassen Kaffee am Tag trinke. Und jeder weiß, dass Kaffeetrinker gute Chancen haben, jene zu überleben, die keinen Kaffee trinken.“

Vielleicht liegt es aber auch ganz einfach am Glauben an sein großes Lebenswerk, dass sich Yankele mit 85 Jahren noch so rüstig fühlt. Denn es ist nicht der Kaffee, der ihm nach dem großen Familienstreit auf der Geburtstagsfeier von sich und seiner Frau Dora den Lebensmut zurückgibt. Enttäuscht kann er nicht begreifen, warum sich seine innig geliebte Familie, seine vier umhegten und vielleicht etwas zu sehr verwöhnten Kinder, um das Firmenerbe streiten.

Die Liebe zwischen den Eheleuten wird dabei eindrücklich von der Autorin als ein genauso absolutes Gefühl beschrieben, wie der Hass unter den Geschwistern. Eine lebenspendende Emotion wird einem Gefühl mit Vernichtungsintention entgegensetzt und wirft die Frage auf, wie es dazu kommen kann, dass aus den Körpern zweier sich liebender Menschen eine hasserfüllte zweite Generation entstehen kann.

Nach der mißglückten Geburtstagsfeier plagen das Familienoberhaupt Alpträume, in denen sich verdrängte Erinnerungen unaufhaltsam ihre Existenzberechtigung zurückerobern. Die Angst vor dem Tod, der durch die Metapher der falschen Zähne immer wieder angedeutet wird, ergreift Besitz von seinem Bewusstsein. Er spürt intuitiv (er ist im Gegensatz zu seiner rational handelnden Frau der intuitive Entscheider!), dass ihn nur die eigene Konfrontation mit der Vergangenheit vor dem baldigen Ableben bewahren wird. Er muss seinen Kindern erklären, warum (Geschwister)liebe gerade in der heutigen Zeit von Bedeutung ist. In einer Zeit, in der die Gräuel des Holocausts unter einer dicken Geldschicht des Vergessens begraben liegen. Jeder wieder nur noch an sein eigenes Fortkommen denkt, Egoismus das Ideal Mitmenschlichkeit ersetzt. Und seine Zöglinge reihen sich leider mit ein, da auch sie Kinder ihrer Zeit sind.

Nur in der dritten Generation gibt es einen, der ihm charakterlich ähnlich ist:

sein nerdiger Enkel Marc aus Berlin. Der Außenseiter ist ein hoffnungsloser Nostalgiker, weil er als leidenschaftlicher Puzzler nicht den ganzen Tag wie alle anderen Gleichaltrigen vor der Spielkonsole hängt. Stück für Stück setzt er  stattdessen individuell zugeschnittene Pappeteilchen mit viel Geduld zusammen.

Bis zuletzt ein einziges, großes Bild entsteht.

Aber Puzzlebilder müssen nicht der Wirklichkeit entsprechen. Wo nicht rechtzeitig geflickt wird, entstehen Lücken im Beziehungsgewebe, die niemals wieder gestopft werden können. Denn:

„Das Leben ist nicht wie ein Puzzle. Man kann die Teile nicht einfach wieder zusammen setzen, wenn man sie auseinander gerissen hat. So wie verdorbene Kaffeebohnen, die in der Hitze und im Licht gelegen haben, niemals mehr gute Bohnen werden.“

Doch wie sollen die Kinder überhaupt begreifen, warum für den alten Vater die Kaffeefirma auch einen ideellen Wert hat und ein Verkauf keine Option ist. Ihr Fortleben in der nächsten Generation etwas viel Tieferes symbolisiert als reine Geschäftigkeit:

Sie ist (s)ein Zeichen für das eigene Überleben nach dem Massenmord an den Juden.

Sicher ist: ohne die Aufarbeitung der Vergangenheit wird die Gegenwart zur Hölle.

So überwindet sich der Ich-Erzähler und entschließt sich über sein Leben vor laufender Kamera zu berichten, um seine Erzählungen den eigenen Kindern und der Öffentlichkeit preis zu geben:

„Die Vergangenheit schmeckte wie der allererste Schluck Kaffee. Nicht gut. Und doch, man kann nicht anders und will mehr davon.“

Der Kaffeejunkee wird zum Erzählsüchtigen, spielt mit den Blicken der Kamera, denen er sich Nacht für Nacht aussetzt. Er ist jetzt unverhülltes Subjekt, das sich nicht mehr hinter einer Wand der Verdrängung versteckt, sondern auf die Bühne der modernen Medienwelt tritt und sie im positiven Sinne für sich nutzt.

Den Schwur, den er sich vor vielen Jahren zusammen mit seiner Frau Dora geleistet hat, niemals über das Erfahrene zu berichten, weil sie keine Opfer mehr sein wollten, verliert seine Bedeutung. Weil Yankele plötzlich merkt, dass ihn gerade das Erzählen aus dem Opferstatus befreit.

Die Philosophin Carolin Emcke hat sich in dem von mir bereits besprochenen Essay „Weil es sagbar ist“ für die mögliche Sagbarkeit des eigentlich Unsagbaren eingesetzt. Mit „Hertzmann’s Coffee“ liegt uns nun eine Geschichte vor, in der insbesondere die zwischenmenschlichen Verwüstungen sichtbar werden, die traumatisierende Ereignisse unter den Überlebenden anrichten können. Wenn sie denn totgeschwiegen werden.

Vanessa F. Fogels spannend komponierter Roman ist nur in Teilen eine Geschichte über den Holocaust. Er ist im tieferen Sinne ein Plädoyer für die Notwendigkeit des Erzählens. Der individuelle Redebeitrag ihres Protagonisten ist dabei eines der vielen Puzzlestücke, die nachfolgenden Generationen die Gegenwart durch die Vergangenheit begreifbar machen könnte, wenn sie sich auf die Erzählung einließen.

Damit sich Fehler in der Zukunft nicht wiederholen und das eigene Leben am Ende aussieht wie eine Ruine, durch die der Wind pfeift.

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