Monats-Archiv:Januar, 2019

Das Böse ausräuchern. Glorreiche Ketzereien. Lisa McInerney.

McInerney. Glorreiche Ketzereien.

Am Anfang des Romans Glorreiche Ketzereien, der irischen Autorin Lisa McInerney, steht eine alte, (noch) unwissende Frau. Im Affekt erschlägt Maureen, vom Leben hart gebeutelt, einen Einbrecher in ihrem Haus mit einer Devotionalie und löst damit ein Schneeballsystem verhängnisvoller Ereignisse aus.

Ihren Sohn Jimmy, den sie als uneheliches Kind nicht selbst hat großziehen dürfen und mit dem sie erst seit kurzem in Kontakt steht, beauftragt sie mit der Beseitigung der Leiche.  Dem Schwerverbrecher und uneingeschränkten Herrscher über die krummen Geschäfte in der Kleinstadt Cork City, gelingt es zwar, den toten Körper verschwinden zu lassen, nicht aber die Schuldgefühle seiner Mutter.

Hier wird ein Motiv eingeführt, das den Roman fortan durchzieht: Der Sündenfall, insbesondere derjenige der weiblichen Figuren. Im Gegensatz zu den männlichen werden sie von den Moralvorstellungen der katholischen Kirche regelrecht verfolgt, bis sie begreifen, dass sich die Kirche ihre Sünder schafft, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.

Diese Erkenntnis, ausgesprochen von Maureen, erinnert an den kürzlich angelaufenen, beeindruckenden Dokumentarfilm #Female Pleasure, in dem eine Novizin einer Oberin ihre Vergewaltigung durch einen vorgesetzten Geistlichen schildert und diese nicht etwa den Täter anzeigt, um den Skandal öffentlich zu machen, sondern der Novizin die Sünde großmütig „vergibt“.

Die Kirche als moralische Instanz schwebt über der Handlung wie ein Damoklesschwert, denn sie ist es, die das Unheil bringt. Anstatt den Säufern, prügelnden Vätern und gefallenen Mädchen Halt zu geben, droht sie mit Verdammnis, wenn die Schäfchen nicht Buße tun.

Sündige Engel, denen niemand beisteht, sind prädestiniert dafür, immer weitere Fehler zu machen, zum Beispiel die falschen Fragen an die falschen Leute zu richten. Menschliche Fragen, die dazu führen, dass an einem schnell vertuschten Verbrechen plötzlich mehr Schicksale hängen, als denjenigen lieb ist, die es verursacht haben.

Maureen realisiert allerdings recht bald, dass nicht nur die katholische Kirche verantwortlich ist für zerbrochene Lebensentwürfe, sondern die Frauen untereinander dazu beitragen, unglücklich zu werden. Nach Maureen, der in der Story mehr und mehr Erleuchteten, existieren verschiedene Kategorien von „Frau“ gegen die es zu rebellieren gilt, anstatt sie untereinander immer wieder selbst zu bestätigen:

Das („Kategorien“) sind die Mütter. Die Biester. Die Ehefrauen. Die Freundinnen. Die Huren. Frauen haben nichts gegen eine solche Einteilung, solange sie nur zur richtigen Gruppe gezählt werden. Und alle sehen auf die Huren herab.

Nach dieser Erkenntnis begreift zumindest eine Figur, wie sich das Böse ausräuchern lässt, ohne dabei Unschuldige zu verletzen. Ein Leben für ein Leben, so lautet Maureens einleuchtende Kalkulation, die eine Möglichkeit ist, aus dem Teufelskreis herauszukommen, der durch Schwarz-Weiß-Malereien entsteht. Nicht zuletzt aus dem eigenen.

Der vielschichtige, meisterinnenhaft komponierte Roman erzeugt nicht nur durch den Plott eine soghafte Wirkung, sondern wirft gleichzeitig einen aktuellen Blick auf die irische Gesellschaft, die sich seit den Kindheitserinnerungen des Bestsellerautors Frank McCourt (Die Asche meiner Mutter) positiv verändert haben müsste. Themen wie (soziale) Armut, Drogen und Gewalt in der Familie, denen Staat und Katholizismus machtlos gegenüberstehen, erzählen allerdings von einem krisengeschüttelten Land, dessen Probleme Europa egal zu sein scheinen.

Der Raum, in dem sich Einzelschicksale poetisch zu einem großen, zusammenhängenden Ganzen vermischen, ist Cork City. Eine schlafende, unparteiische Kleinstadt, die keine Notiz nimmt vom alltäglichen Wahn, weil sie als bloße Hülle funktioniert, in dem das Atmen, Pulsieren, Schlucken, Schwitzen, die Qualen und Wonnen von hunderttausend kleinen Leben stattfindet.

Mein Blick zurück. Erinnerungen an den Autor Wilhelm Genazino.

Wilhelm Genazino. Das Licht brennt ein Loch in den Tag.

Ich erinnere mich, wie ich mit Anfang 20 ein schmales Bändchen mit dem rätselhaften Titel: Das Licht brennt ein Loch in den Tag geschenkt bekam. In ihm beschrieb der Autor Wilhelm Genazino, den ich aufgrund seines Namens erst für einen Italiener hielt, einen Ich-Erzähler, Herrn W., der sich wünscht, seine Erlebnisse mündlich und in Briefen seinen Freunden mitteilen zu dürfen. Er hat Sorge, dem Verlust des Gedächtnisses sonst nicht entgehen zu können und hofft, die anderen würden ihm irgendwann dabei helfen, die eigenen biographischen Gedächtnislücken zu schließen. Der Text faszinierte mich, ohne dass ich damals hätte sagen können, was daran genau.

War es der männliche Blick des Protagonisten auf seine Umgebung, die Tatsache, dass ich so schonungslos genau durch die Bewusstseinsbrille einer Figur schauen durfte, um in ihren nicht enden wollenden Selbstreflexionen abzutauchen?

Nur ein paar Jahre später stand mir der Autor als Kunde in der Karl-Marx-Buchhandlung, in Frankfurt-Bockenheim, gegenüber. Seine sonst weiche Körpergestalt hatte etwas Quadratisches und die leise Stimme mit dem Mannheimer Singsang darin, passte nicht zu ihr.

Von Anfang an bekam ich den beunruhigenden Eindruck nicht los, von seinen wachen, schelmischen Augen beobachtet zu werden. Dass er mich, die Angestellte, betrachtete, um vielleicht doch einmal eine Protagonistin anstelle eines Protagonisten auszuwählen, eine weibliche Arbeitnehmerin, die er in den Unzumutbarkeiten der eigenen Existenz schlafwandeln ließ. Romane erschienen in regelmäßigen Abständen von ihm und ich war immer erleichtert, wenn die Überprüfung der Verlagsvorschauen bestätigte, dass er sich doch wieder für einen Mann „mittleren Alters“ entschieden hatte. Gemischte Gefühle überfielen mich dennoch immer wieder, wenn er plötzlich mit einem seiner Bestellzettel an die Ladentheke trat, ihn mir in die Hand drückte und ich nie ganz einschätzen konnte, was er als nächstes sagen würde, was er wirklich dachte und vor allem, was er sah, wenn er mich anlächelte.

Um mein Unbehangen ihm gegenüber loszuwerden, denn ich mochte ihn sehr, schätzte seine Romane, begann ich, zurückzublicken, Eindrücke über ihn durch zufällige Begegnungen mit ihm zu sammeln. Denn der immer wieder als Flaneur bezeichnete Büchner-Preisträger spazierte nicht nur gerne durch die Gegend. Ich entdeckte ihn zum Beispiel oft donnerstags auf dem Wochenmarkt an der Bockenheimer Warte, wie er genüsslich und in seiner unverkennbar langsamen Ruhe Kartoffelpuffer aß. Dabei beobachtete er wiederum die Spatzen, die in seiner Umgebung auf kleine, aber fettige Happen von seinem Teller hofften.

Auch erinnere ich mich, wie ich ihm dort immer wieder zufällig an der U-Bahn-Station begegnete. Was er hier wohl tat, er, der Fußgänger? Manchmal sprachen wir ein paar Worte miteinander. Dass er die Mäuse in den Schächten für seinen nächsten Roman inspiziert hatte – das erzählte er mir allerdings nie.

Mein ungutes Gefühl, seinem Schriftstellerblick ausgeliefert zu sein, verbesserte sich durch die Gewissheit, dass auch ich ihn betrachten konnte, ich seinem Blick nicht mehr ungeschützt ausgeliefert war. Wirklich änderte daran aber insbesondere eine Begegnung:

Als Stammkunde der Karl-Marx-Buchhandlung gab Wilhelm Genazino dort oft Buchpremieren, noch bevor er im Literaturhaus Frankfurt aus seiner Neuerscheinung las. An einem dieser Leseabende sagte er, als er mir die Hand zum Gruß schüttelte nicht etwa „Guten Abend“, sondern „Sie sind schön“. Der Satz kam ihm so spontan beiläufig über die Lippen, als hätte er gerade den Anfang eines neuen Romans ausgesprochen, die ersten paar Worte. Als hätte er erfahren wollen, wie sie aus seinem Mund heraus in diesem Moment klängen und als würde es ihm um die Frage gehen, ob sie für den richtigen, typischen Genazino-Sound überhaupt taugten. Erleichtert durch diese Erkenntnis hatte ich nie wieder Sorge, in seinen Texten sichtbar verarbeitet zu werden, weil mir bewusst wurde, dass er in erster Linie die Sprache beobachtete und die Objekte oder Subjekte sich ihrer Ästhetik anpassen mussten.

In einem unbemerkten Moment steckte ich intuitiv wie zur Bestätigung meiner Eindrücke einen Bestellzettel von ihm in meinen eigenen Notizblock, auf dem er in fein säuberlicher Schrift Autor, Titel, Verlag und Erscheinungsjahr seiner Buchbestellung notiert hatte, den ich seitdem hüte wie einen Schatz.

Am Mittwoch, den 12. Dezember 2018, meinte ich noch den Autor an der Konstablerwache gesehen zu haben. Ich kniff ungläubig die Augen zusammen, denn ich hatte ihn stets in Bockenheim angetroffen und das gleissende Licht, das den dichten Nebel in diesem Moment für kurze Momente durchdrang, trübte meinen Blick. Zwei Tage später las ich von seinem Tod. Er konnte es nicht gewesen sein. Leider.

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