Lust ohne Zauber. Nora Bossong. Rotlicht.

Nora Bossong. Rotlicht.

Es ist schon einige Wochen her, seitdem ich Nora Bossongs Essays aus dem Sexgewerbe gelesen habe. Sie wirkten so stark nach, dass es mir zunächst schwerfiel, über sie zu schreiben. Vielleicht lag das an der Intensität, mit der die LeserInnen eintauchen in eine Welt, die in ihrer brutalen Trostlosigkeit nah und fern zugleich, eine Faszination ausstrahlt, der man sich im selben Moment abgestoßen entziehen möchte.

Nora Bossong macht sich in „Rotlicht“ auf den Weg, die geheimnisvollen Eindrücke ihrer Kindheit zu enträtseln, und öffnet die für die Heranwachsende damals noch verschlossenen „rotlackierten Türen“, deren Räume dahinter Befriedigung und Lust versprechen.

Doch auch im Erwachsenenalter muss die Autorin feststellen, dass es gerade für eine Frau nicht leicht ist, in die „Domäne zeitloser Männlichkeit“ vorzudringen. Denn „man wäre ein Fehler im System, eine Art Machttransvestit“. Deswegen sucht sich die Autorin männliche Begleitpersonen aus, die nicht nur Schutzfunktion besitzen, sondern gleichzeitig interessante Beobachtungsobjekte und Reflexionspartner über das Erfahrene darstellen.

Die Erkenntnisse, die aus den Besuchen der unterschiedlichsten Einrichtungen des Sexgewerbes resultieren, sind deswegen so interessant, weil Bossong das verstörende das sie sieht, strukturell durchleuchtet, und nichts auf der reinen Gefühlsebene bleibt. Dadurch wird „Rotlicht“ zu einer Gesellschaftsstudie, die aktueller nicht sein könnte. Soziologisch-philosophisch dringt sie mit ihren Begleitern vor in die „verwaltete Lust“, lässt sich berühren, verstören, wütend machen, um immer wieder zu erkennen, dass es um die männliche und niemals um die weibliche Lust geht. Bossong differenziert dabei begrifflich, indem sie das Gefühl der Begierde vom reinen Lustgewinn trennt. Die Begierde ist emotional komplexer, weil sie eigene Phantasien miteinbezieht in das Liebesspiel, durch die das Liebesobjekt eine Art Subjektstatus erhält. Bei den Geschäften mit der Lust allerdings zeigt sich, dass es lediglich um ein schnelles, lustvolles und effizientes „Abspritzen“ geht.

Bossongs erste geöffnete Tür führt in eine Table-Dance-Bar im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo sie ernüchtert feststellt:

„Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist eine Reeperbahn ohne Folklore, eine heruntergekommene Vergnügungsmeile, auf der zumindest ich mir auf den ersten Blick Vergnügen nicht vorstellen kann.“

Ihre Suche danach, in der inszenierten Künstlichkeit etwas über Lust zu erfahren, aber vor allem auch darüber, was sie aus den Menschen macht, bleibt auf ihrer ersten Station erfolglos. Wie Fremdkörper betrachten sie und ihr Begleiter die traurigen Shows an der Stange, daran mehr oder weniger gutaussehendes Fleisch, das trotz akrobatischer Bemühungen oft in der Auslage liegenbleibt, weil der Kunde (noch) weniger bezahlen möchte als gefordert.

Deutlich wird schon im ersten Essay, dass es Bossong nicht alleine darum geht, einen Einblick in das aktuelle Sexbusiness zu erhalten, sondern sie den persönlichen Anspruch hat, die eigene, weibliche Sexualität, besser kennenzulernen.

In einem Kapitel über Tantramassagen wird dieser Anspruch besonders deutlich. Dort probiert die Autorin aus wie es ist „eine Fremde für Intimität zu bezahlen“. Plötzlich ist sie nicht mehr nur reine Beobachterin einer Szene, die außerhalb von ihr passiert, sondern sie bewegt sich unter Einsatz ihres eigenen Körpers in ein System hinein, um tiefer begreifen zu können, was reizvoll daran sein kann, weibliche Sexualität aus dem Bereich des Privaten herauszuholen. Sie buchstabiert ihre persönlichen Erfahrungen dabei nicht geschwätzig aus, sondern beobachtet stattdessen sensibel genau, was sie phänomenologisch, also auf der Bewusstseinsebene, mit ihr anstellen.

Das Stichwort „weibliche Sexualität“ bleibt in allen Essays vorherrschend und oft bekommt man den Eindruck, dass sie ohne Rückbezüglichkeit zur Lust des Mannes gar nicht existiert, weil sie keine Chance hat sich zu entfalten. Die Frau empfindet Lust, wenn überhaupt, als stöhnendes Objekt für den Mann. Die Venus-Messe in Berlin ist ein Beispiel dafür:

„Die uralten Hierarchien aber sind auch hier beibehalten:

Allein Frauen spreizen in den Messehallen in endloser Lohnarbeit die Beine, und unzählige Männer starren  dazwischen. Die größtmögliche Emanzipation auf der Venus-Messe scheint dann zu herrschen, wenn auch Pärchen auf Frauen starren.“

Bossongs Streit mit ihrem Begleiter darüber, ob die Nachfrage das Angebot, oder das Angebot die Nachfrage (Bossong) diktiert, verdeutlicht, wie sich vom Geld dominierte Geschlechterstereotype immer wieder unhinterfragt selbst bestätigen. Ein Teufelskreis, in dem die weibliche Lust ein Hirngespinst idealistischer Feministinnen bleibt.

Gespräche sind es, die Bossongs Exkursionen intellektuell unterfüttern. Sie spricht zum Beispiel mit dem legendären Sexkinoproduzenten Stöckli, einem erfolgreichen Schweizer Unternehmer, der allerdings auch kein wirkliches Interesse daran hat, sich um die weibliche Lust zu kümmern. Wozu auch? Solange, wie bereits angedeutet, das Geschäft läuft, kann das „Rätsel Frau“ ruhig, zumindest für die Männerwelt, verschlüsselt bleiben. Vielleicht ist es auch besser so, weil sie bei ihrer Enträtselung möglicherweise nicht mehr willenlos jeden Regieanweisungen Folge leisten, denn:

„Es ist ein Zeichen gut funktionierender Herrschaft, wenn Hörigkeit und Unterwerfung sich vom Befolgen äußerer Befehle und Kontrollen zu eigenen inneren Wünschen wandeln, wenn sie verinnerlicht werden.“

Frauen erlernen sexuelle Lust, und finden durch die Wiederholungen des Erlernten oft keine Möglichkeit, das ganz eigene ihrer Begierde, getrennt von den Vorstellungen des anderen, zu entdecken. Die eigene Phantasie wird überlagert von stereotypen Bildern, die Bossong auch während des Besuchs eines heruntergekommenen Sexkinos bestätigt sieht. Es ist ein trauriges Dasein für den Menschen, wenn er seine gewohnte Identität nur zwischen bereits eingefleckten Kinopolstern ablegen kann. Wo bleibt das Spielerische in der Sexualität zwischen den PartnerInnen, geht es nicht auch darum, „das Gegenüber nicht nur körperlich greifen, sondern uns durch den anderen ergreifen lassen“ zu können?

In allen Einrichtungen, die Bossong betritt, und auch in den Gesprächen mit Prostituierten, wird deutlich, dass das Sexgewerbe gerade davon lebt, dass man dort gefühllos und mechanisch seine Triebe befriedigen kann. Liebende und anerkennende Gefühle leben die Partner zu Hause in der Ehe aus, wie Bossong von Kunden zumindest berichtet wird.

So finanziert sich das Sexgewerbe durch die strikte Trennung zwischen Sex und Liebe, weil insbesondere das männliche Geschlecht diese Trennung hinzubekommen vermag.

Weibliche Begierde (!) scheint da etwas komplexer zu sein, vielleicht weil sie offen sein möchte für das zauberhafte, geheimnisvolle im Anderen. Also für das, was Erotik ausmacht. Sonst würde wohl ein breites Angebot entsprechender Callboys genutzt werden. Den Frauen (und natürlich auch zahlreichen Männern), ist unterschwellig bewusster,  dass

„jeder einzelne Kauf immer auch Entzauberung bedeutet – und wir allein bleiben mit der trostlosen Macht, über etwas oder jemanden zu herrschen.“

 

 

 

Politik braucht Utopie. Jakob Augstein/Nikolaus Blome. Links oder rechts?

Augstein/Blome. Links oder rechts?

Wenn man sie zusammen sieht, wirken sie fast wie Brüder, die sich eigentlich richtig gut verstehen. Brüder, die gerne miteinander streiten, und dies tun, da sie wissen, dass es inhaltlich konstruktiv wird, gerade weil sie sich gegenseitig schätzen, trotz politisch konträrer Ansichten. Mit dem Sozialphilosoph Axel Honneth könnte man sagen, Anerkennung als wechselseitiges, grundlegendes Prinzip für eine gelingende Kommunikation ist vorhanden, woran häufig schon viele Talkshowrunden zu Beginn der Debatte scheitern. Jakob Augstein, Herausgeber der Wochenzeitung Der Freitag, und Nikolaus Blome, stellvertretender Chefredakteur der BILD, haben allerdings noch eine andere Sache gemein, die einem freundschaftlich aufgebauten Politbattle den nötigen drive gibt: Sie halten sich beide jeweils für eloquenter und argumentativ versierter, ja, einfach schlauer als den Gegenüber. So wird „Reformator“ Augstein am Anfang des Buches zitiert:

„Ich brauche nur noch ein bisschen Zeit, dann mache ich aus Blome einen echten Herzenslinken. Das wird ein Coming-out!“.

„Pädagoge“ Blome zu seinem Kontrahenten:

„Man muss das Ganze als Erziehungsprojekt verstehen. Am Ende kann auch ein linker Träumer wie Augstein in die politische Realität ausgewildert werden. Es wird aber noch dauern, fürchte ich.“

Optimistisch sind sie also beide, nicht nur, was den Gesinnungswandel des anderen betrifft. Hoffen lässt auch der Untertitel des Buches, der ankündigt, „Antworten auf die Fragen der Deutschen“ zu geben. Ein universeller Anspruch, der eigentlich scheitern muss, weil er größenwahnsinnig ist; aber auch wohltuend idealistisch, anpackend und erfrischend. Folgende große Fragen stehen zur Diskussion:

Macht, Geld, Moral, Heimat, und, etwas kryptisch:

Wir, Die.

Wer Augstein und Blome von ihren öffentlichen Auftritten her kennt, der wird bei einigen Themen zum Beispiel zur Frage „Wieviel Anstand haben die Bosse?“ (Geld) inhaltlich wenig Überraschungen erleben. Blome vertritt klassisch wirtschaftsnahe Positionen, lobt die Soziale Marktwirtschaft und argumentiert pro Agenda 2010. Gleichzeitig bemängelt er aber auch das unmoralische Handeln der Manager bei Bonuszahlungen. Augsteins Konter: Die Bonuszahlungen seien kein Fehler im System, sondern das System in welchem solche Ungerechtigkeiten möglich seien, sei selbst der Fehler.

An diesen beiden Statements fällt bereits auf, was die Debatten wie einen roten Faden durchzieht. Blome räumt in vielen Punkten Probleme, Mängel ein. Sei das jetzt innerhalb der Sozialen Marktwirtschaft, oder konkret das Verhalten der Presse in Deutschland. Grundsätzlich ist aber alles schon gut so, wie es ist. Da hält Augstein konsequent dagegen und zeichnet ein viel pessimistischeres Bild von Deutschland und der Welt. Zugespitzt könnte man sagen: Hier diskutieren Merkel gegen Schulz.

Aber das stimmt so nicht ganz. Denn beide irritieren immer wieder auch durch Aussagen, die man ihnen nicht so ohne weiteres zugetraut hätte, weil sie aus der Reihe der vertrauten, angestammten politischen Position tanzen. Zum Beispiel fällt auf, wie stark Augstein in manchen Punkten Helmut Kohl und seine Politik lobt, etwa in der Frage „Dürfen die Deutschen Europa führen?“ (Macht). In solchen Momenten verschwimmen die gezogenen Grenzen zwischen dem linken und dem rechten Lager, und es wird deutlich, dass es den beiden um die Sache geht, darum, nicht unbedingt auf Teufel komm raus eine „Richtung“ zu vertreten, sondern sich auch durch die Argumente des anderen beeinflussen zu lassen, um den eigenen Standpunkt zu überdenken. Ja, es geht hier bei allem Showgetue um Erkenntnisgewinn auf beiden Seiten, gepaart mit dem Wunsch, diesen an ein Publikum zu vermitteln, das nicht unbedingt jeden Tag Zeitung liest. Augsteins Zitatesammlung aus Literatur und Philosophie würzen die Positionen zusätzlich mit anschaulichem Sprachmaterial („Das Sein bestimmt eben das Bewusstsein“). Andersherum kann Blome plötzlich links einschwenken, etwa wenn er betont, dass er sich eine „Rot-Rot-Grüne“ Regierung wünsche. Er macht das sicher ein stückweit, um zu provozieren, die Show anzustacheln, Augstein in Sicherheit zu wiegen. Aber doch auch, weil er wirklich denkt, dass Polarisierung im Bundestag der Politik gut täte.

B: „Wissen Sie was, ich wünsche mir Rot-Rot-Grün. (…) ich verstehe nicht, warum es SPD, Grüne und Linkspartei nicht wenigstens versuchen. Das sind doch Profis, und sie wissen, dass sie alle Differenzen in einem ganz normalen Koalitionsvertrag klären oder einfrieren könnten.“

Darauf ein ungläubiger Augstein:

A: „Eine linke Alternative zur Unterhaltung gelangweilter Konservativer?“

Es sind diese Überraschungsmomente, in denen es den Journalisten gelingt, tiefer in die Debatte vordringen. Augstein muss auf Blomes Provokation klare Kante zeigen, und er tut dies, indem er antwortet, dass weder SPD noch Grüne als linke Parteien bezeichnet werden können. Seine Ausführungen enden mit dem wunderschönen Satz: Politik braucht Utopie. Absolut.

Ungewohnt schüchtern wird die Debatte in der Frage eingeleitet: „Was sollen Frauen wollen?“ (Moral):

A: „Wir wollen über Frauen und Familie reden – als Feministen unter sich, oder wie?“

B: „Warum sollen wir nicht über eine der größten Umwälzungen in der Gesellschaft der letzten 50 Jahre genauso gut sprechen können wie jede oder jeder andere? Wenn sich das Rollenbild von Frauen und Töchtern ändert, macht das etwas mit den Männern und Vätern. Sie haben doch auch eine Tochter.“

A: „Ja. Ich wollte nur eine salvatorische Klausel anbringen. Wenn Männer über Frauen sprechen, bin ich immer skeptisch(…)“

Augstein ist sich also über seine eigene Rolle bewusst, wenn er über Frauen spricht. Dementsprechend vorsichtig äußert er sich über deren mögliche Wünsche und macht seinen argumentativen Punkt hinter dem Stichwort Doppelbelastung (Kind und Karriere). Blome sieht das Problem – klassisch konservativ – eher darin, dass die Frau heutzutage eine soziale Ächtung erfährt, wenn sie sich ausschließlich um Kind und Familie kümmern möchte. Dies sei ein „vormodernes Frauenbild“, kontert Augstein.

Beide werfen sich spielerisch die Bälle zu, bemühen sich, die Frage befriedigend zu klären und dennoch bleibt eine gewisse Unbefriedigung nach der Lektüre dieses großen und wichtigen Streitthemas, weil die angesprochenen Probleme merkwürdig abstrakt bleiben, obwohl sie doch so konkret sind. Vielleicht weil es gerade Blome schwerfällt, sich wirklich in die Situation der Frauen hineinzuversetzen, und es der Diskussion an Ernsthaftigkeit fehlt.

Überhaupt sind die stärksten Streitgespräche diejenigen, die eine Balance zwischen Unterhaltungs- und Informationsanspruch herstellen, die oft in den Bereichen funktioniert, in die beide Journalisten auch emotional involviert sind. Die Debatte „Lügt die Lügenpresse?“ (Moral) wäre ein herausragendes Beispiel.

Einige Themen werden leider oft nur kurz angerissen und nicht richtig ausgeführt.  Das liegt vor allem an der Fülle des Stoffes – immerhin geht es um die Beantwortung DER Fragen der Deutschen – einem Megaprojekt, zu dem Veröffentlichungen  wie „Links oder rechts?“ von Augstein und Blome einen wichtigen Beitrag leisten.

Augstein und Blome auf Phoenix im Gespräch.

 

 

 

 

 

Die Kraft der Melancholie. Milena Michiko Flasar. Ich nannte ihn Krawatte.

Milena Michiko Flasar. Ich nannte ihn Krawatte.

Zwei Menschen sitzen auf einer Parkbank. Zunächst hatten sie sich nur neugierig beäugt. Der eine, junge Mann, in sicherem Abstand, dem älteren gegenüber. Monatelang hat er sein Zimmer in der Wohnung seiner Eltern nicht mehr verlassen, lebt als Hikikomori, also als eine Person, die sich der Gesellschaft, dem Leistungsdruck, und dem Zwang, sich festen Normen anpassen zu müssen, verweigert. Er weiß nicht, warum er eigentlich überhaupt auf dieser Bank sitzt. Ängstlich, verzagt und fremd am Platz. Mit dem Eintreffen des älteren Firmenangestellten, dessen Funktion er an seiner Kleidung, einem Anzug erkennt, erfüllt ihn jedoch plötzlich Mitgefühl und ein seltsames Interesse an diesem fremden Mann, der eigentlich längst an seinem Arbeitsplatz sein müsste:

Er hatte ein Stück Brot bei sich. Umständlich wickelte er es aus dem Papier, zerriss es in immer kleinere Hälften, formte Kügelchen daraus und streute sie vor die gurrenden Tauben. Für euch, hörte ich ihn murmeln. Und als er fertig war: Ksch-ksch. Weiße Federn wirbelten auf ihn herab. Eine war auf seinem Kopf gelandet. Sie verfing sich in seinem zurückgekämmten Haar und gab ihm etwas Verspieltes. Wäre er in T-Shirt und kurzen Hosen dagesessen, man hätte ihn für ein Kind halten können. Sogar die Langeweile, in die er kurz danach verfiel, war die eines Kindes. Er witschte unruhig hin und her. Bohrte die Fersen in den Boden. Blähte die Wangen auf. Ließ die Luft langsam entweichen.

Die Melancholie, die der Hikikomori bei dem älteren Mann zu erkennen glaubt, ist der Gemütszustand, durch den er sich mit ihm verbunden fühlt, und der dazu führt, dass sie ins Gespräch kommen miteinander. Sie treffen sich nach dieser Schlüsselszene jeden Tag auf der Parkbank, bei Regenwetter in einer Jazzkneipe, und öffnen sich dem anderen ohne große Scheu. Kein typischer Smalltalk zerstört die eigentliche Begegnung, sondern jeder erzählt seine Geschichte. Beide umkreisen dabei die Gründe, warum sie außerhalb der Gesellschaft stehen. Sie tasten sich vor wie Blinde, ermunternd angeführt durch die andere, interessierte Person.

Sie hören sich einander zu, und horchen den Erfahrungen, ohne durch feste Bilder über den anderen vorgeprägt zu sein. Der jugendliche Ich-Erzähler erkennt in diesem Ereignis, dass er zwar immer noch in seinem isolierten „Gehäuse“ feststeckt, „sein Blick und die Anerkennung“, die ihm daraus „entgegengeleuchtet“, aber den „Raum“ um ihn herum erhellt. Man muss sich gar nicht jahrelang kennen, um sich dem anderen öffnen zu können. Oft reicht ein Gefühl der Verbundenheit, der Eindruck, vom anderen erkannt zu werden, um sich zeigen zu können, sich aufgehoben zu fühlen im anderen.

Erzählt wird hier die Geschichte zweier Menschen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen. Ein Firmenangestellter, der nicht mehr in der Firma ist, ein Schüler, der seit über einem Jahr nicht mehr in die Schule geht. Sie haben sich eingekapselt, und sind doch fähig, die richtigen Worte zu finden für ihre Melancholie, die ihren Rückzug aus der Welt zwingend gemacht hat. Es sind Worte und Sätze, die einem beim Lesen immer wieder die Tränen in die Augen treiben, weil sie den Dingen auf den Grund gehen. Einen Grund, der schmerzt, da er aus der engen Verbindung des Lebens mit der Liebe und dem Tod besteht.

Scheinbar kann dabei normalerweise nur der Alltag zu einer Art Zuflucht gegen diese schwer ertragbare Lebenserkenntnis werden. Nur indem wir uns einwickeln lassen in routinierte Tagesabläufe, uns fügen in die Verhaltensweisen, die man von uns im Arbeits- und Familienalltag erwartet, –  nur dann können wir vergessen, dass das Leben im Grunde sinnlos, weil vergänglich ist. Aber gerade die Flucht in die Alltäglichkeit des „man“, der Allgemeinheit, um mit Heidegger zu sprechen, ist der eigentliche Tod. Der Tod der Möglichkeiten, einen unerwarteten, authentischen Weg einzuschlagen.

Die beiden Aussteiger auf der Bank sind vor der (lebendigen) Mumifizierung aufgewacht, und entziehen sich dem Alltag und seinen Anforderungen. Gleichzeitig finden sie im Gespräch miteinander wieder eine Zugehörigkeit, die sie auf neue Weise an die gefürchtete, alte Gesellschaft anknüpfen lässt. Im Gefühl, versagt zu haben, erkennen sie die Mechanismen, die zu diesem Gefühl geführt haben, und können sie entmachten. Zum Beispiel bemerken sie, dass sie beide durch patriarchale Strukturen an ihrem eigenen Lebensweg gehindert werden, weil die Erwartungen der Gesellschaft immer noch patriarchal-dominierte sind. Der Ich-Erzähler wünscht sich nichts sehnlicher, als einen guten Vater, was bedeutet, einen „gegenwärtigen“ Vater zu haben. Einen Menschen, der im Erwachsenwerden nicht verlernt hat, manchmal die Dinge durch die Augen eines Kindes zu betrachten. Einen Erzieher, der mit keinem von außen aufgezwungenen Anspruch den Sohn versucht, nach seinen Vorstellungen, den Vorstellungen der Gesellschaft, zu formen, sondern herauszuhört, was er selbst (sein) möchte.

Flasars Ich nannte ihn Krawatte ist ein Text, der im Beschreiben besonderer Menschen, immer wieder die Frage umkreist, warum wir dem „normalen“, den gewohnten Verhaltensweisen einen Vorrang gegenüber dem „anderen“, dem scheinbaren aus-der-Reihe-tanzen geben. Beide Charaktere sind wohltuende Störungen des Systems, die ein Guckloch durch den abgeschlossenen Alltagskäfig bohren, um die Möglichkeit zu geben, auszubrechen.

Ein Guckloch alleine genügt jedoch nicht, um den Mut aufzubringen, sein eigenes Leben anzupacken. Auch der eigene, von Geburt an normierte Blick auf die anderen muss sich gleichzeitig ändern. Er muss in die Tiefe der fremden Psyche gehen, um wahrhaftig zu erkennen. Das heißt: nur wer hinter die Fassade des Gegenübers blickt, weiß wirklich, wie es um dessen Seelenzustand steht. Manchmal kann diese Fassade ein schallendes, irritierendes Gelächter sein:

Wer in einem Lachen nichts anderes als ein Lachen hört, der ist taub.

Genau hinzuhören, und dabei nicht schon an der einladenden Oberfläche des Gesagten abzurutschen – das ist eine Botschaft der unzähligen Weisheiten, die in diesem Roman stecken.

Sprachgymnastinnen ohne Balance. Shumona Sinha. Erschlagt die Armen.

Shumona Shina. Erschlagt die Armen!

Shumona Sinha. Erschlagt die Armen!

In ihrem 2015 bei der Edition Nautilus erschienen Skandalroman „Erschlagt die Armen!“, erhalten die LeserInnen Einblick in ein abgeschlossenes System; das der Migrationsbehörde Paris. Dort wird hinter verschlossenen Türen darüber entschieden, wer einen Asylstatus erhält, und wer nicht. Die Protagonistin, eine Dolmetscherin, ist diejenige von der erwartet wird, dass sie die Leidensgeschichten der Flüchtlinge verständlich für den sogenannten „Entscheider“ übersetzt. Zusätzlich zur Übersetzungsarbeit soll sie diesen „fremden Männern“, die alle Hilfe von ihr fordern, Empathie und Verständnis entgegenbringen.

Zunächst irritiert der fast menschenverachtende Ton, die unbarmherzige Weise, auf die die Erzählerin von den „ungeliebten Quallen“ berichtet, die „sich an fremde Ufer geworfen haben“. Zumal diese Sätze von einer Person stammen, die selber vor einigen Jahren in Frankreich „gestrandet“ ist, und sich eigentlich solidarisch verhalten müsste. Doch sie hat die immergleichen Erzählungen der Hilfesuchenden, fast ausschließlich männlichen „Quallen“, satt, weil sie ihr Lügengeschichten unterbreiten, die sich inhaltlich kaum voneinander unterscheiden. Ihr werden auswendiggelernte, fiktionale Lebensgeschichten erzählt, weil das „System Behörde“ nur denjenigen eine Chance auf Bleiberecht gewährt, die ihre Erfahrungen wie Schauspieler an ein Publikum verkaufen können.

Drei unterschiedliche „Sprachen“ treffen jeden Tag in den unwirtlichen Büroräumen aufeinander, und Aufgabe der Dolmetscherin ist es, von einer Sprache zur anderen zu springen, und sich von ihr „benutzen“ zu lassen, das Werkzeug dafür zu sein, dass die Unwahrheiten gehört werden können:

Der Entscheider sprach seine Sprache, die Sprache der verglasten Büros. Der Antragsteller sprach seine flehende Sprache, die Illegalen-Sprache, die Ghetto-Sprache. Und ich nahm seine Sätze, übersetzte und servierte sie heiß. Die Fremdsprache schmolz in meinem Mund, hinterließ ihr Aroma. Die Wörter meiner Muttersprache lagen mir beim Sprechen sperrig im Mund, lähmten meine Zunge, hallten in meinem Kopf nach, hämmerten in meinem Hirn wie falsche Töne eines verstimmten Klaviers. Sie waren eine klägliche, schwankende Hängebrücke zwischen den Antragstellern und mir.“

Das Verhältnis der Protagonistin zu ihrer Muttersprache ist kein gutes. Die Sprache ihrer Geburt fühlt sich falsch an, und hindert sie fast daran, überhaupt Worte von sich geben zu können. Die Fremdsprache wiederum, also das Französische, entwickelt sich interessanterweise zu einem individuellen Geschmack, den sie nicht wieder verlieren möchte. Es ist der Geschmack, der sie nach Paris gelockt hat, und mit dem sie auch von ihren Mitmenschen in Verbindung gebracht werden möchte.

Durch ihre ambivalente Zwischenposition in der Behörde spitzt sich die Sprachenkrise zu und wird zu einer Identitätskrise. Eines Tages schlägt die Ich-Erzählerin einem Migranten in der U-Bahn eine Weinflasche über den Kopf, weil er sie verbal provoziert hat. Plötzlich ist sie selber das rätselhafte Tier in der Zirkusmanege, muss Auskunft über etwas geben, das sich mit Worten nicht wirklich beschreiben lässt. Protokollhaft versucht ein Ermittler im Gespräch mit der Protagonistin zu rekonstruieren, wie es zu dem Gewaltausbruch kommen konnte. Wie Mosaikteile reihen sich mögliche Gründe für den Gewaltausbruch im Verlauf der Geschichte aneinander. Und es ist nicht nur die Sprachenzerrissenheit, das Wandeln zwischen den Sprachkulturen, die sie zu der drastischen Maßnahme greifen lässt. Es ist gerade auch er unterschwellige Hass der geflüchteten Männer, dem die Dolmetscherin als Frau verstärkt ausgesetzt ist, der ihr Inneres mit der Zeit in eine wütende Chaoslandschaft verwandelt:

Und dann erdreistete sich diese Frau, sie, die Männer, auszufragen. In der guten alten Zeit, vor diesen unvorhergesehenen Ereignissen auf den Meeren und in den Büros, als Männer noch Reis anbauten und Gewürze verkauften, ohne bei der Heimkehr tausend Papiere vorzeigen zu müssen, hätten sie einer Frau, die mit erhobenem Kopf und lauter Stimme mit ihnen redete, die in ihren Geheimnissen herumschnüffelte und sie angeblich falscher, widersprüchlicher Aussagen überführte, eine Ohrfeige verpasst.“

Die Erzählerin fühlt sich verfolgt von den Worten, die aus den Mündern der Bittsteller strömen, wird nachts von ihnen eingeholt. So stürzt die Sprachgymnastin vom Trapez, weil ihr das Gleichgewicht nach und nach abhanden kommt. Das Gleichgewicht, das überlebensnotwenig ist, um zwischen den Sprachwelten zu balancieren.

Subtil aber gut erkennbar schwelt im Roman Kritik am „System Europa“, in denen die Flüchtlinge als „Sklaven des neuen Jahrtausends“ mißbraucht werden, das Resultat einer Politik, mit dem die Festung Europa, ein „Europa auf Morphium“, ihre Inhumanität immer wieder aufs neue bestätigt. Denn Schuld an den unhaltbaren Zuständen auf der Behörde sind nicht die Flüchtlinge. Allerdings zeigt die Autorin an keiner Stelle des Romans mit moralisierendem Zeigefinger auf all die menschlichen Tragödien und Ungerechtigkeiten. Vielmehr eröffnet sich ein wütender Textteppich, auf dem sich Lüge und Wahrheit ein Gefecht liefern, das gerade auch durch die eindrückliche Sprache, die ungewöhnlichen Metaphern, eine literarische Kraft besitzt, die verstört.

Auch wenn die Protagonistin an ihrer bilingualen Sprachenexistenz zu verzweifeln droht, weil sie die Muttersprache gerne abstreifen würde wie ein lästig gewordenes Kleidungsstück – auf poetologischer Ebene entstehen neue, ungewohnte Bilder, die durch eine permanente gedankliche Übersetzungsarbeit im Kopf gebildet werden, und eine besondere, originelle Qualität haben.

Die algerisch-französische Autorin und Trägerin des Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Assia Djebar, hat zu ihrem Verhältnis, zu ihrer Zwei-Sprachen-Existenz, die ihr Leben formte, einmal gesagt, dass das Arabische, also die Muttersprache, den emotionalen Part in ihrem Leben übernommen habe. Die Sprache der Unterdrücker, das Französische, sei ihre Schriftsprache gewesen.

Vielleicht ging es Shumona Sinha beim Schreiben ähnlich. Möglicherweise hat ihr die Muttersprache die nötige wütende Phantasie für diesen Text gegeben, in denen Richter und ihre Beisitzer bei der Anhörung eines Migranten als „so sensibel wie Nashörner“ beschrieben werden können. Das Französische wird dabei zum Schreibwerkzeug, zu der Sprache, die die Worte aufs Papier bringen und sie nicht weiter unruhig im Körper umherschwirren lassen.

Das Verhörprotokoll endet mit dem nur scheinbar versöhnlich klingenden Satz:

Es ist Zeit, nach Hause zu gehen“.

Bleibt die Frage, wo das für eine Weltenwandlerin, wie die Erzählerin eine ist, genau sein soll. Im Dazwischen der Sprachen, im permanenten Transit oder eben gerade in der Unverortbarkeit der eigenen (sprachlichen) Existenz?

Emanzipiert einsam. Friederike Gösweiner. Traurige Freiheit.

Friederike Gösweiner. Traurige Freiheit.

Friederike Gösweiner. Traurige Freiheit.

Traurige Freiheit von Friederike Gösweiner (Droschl Verlag) hat soeben den Österreichischen Buchpreis in der Kategorie Shortlist Debüt bekommen. Es ist ein wichtiger Text, weil er ein Thema anspricht, das viel zu wenig im öffentlichen Diskurs wahrgenommen wird. Er geht um die Kinder der 80er, die „Generation Praktikum“, die doch eigentlich alles hat, die sich nun wirklich nicht beklagen kann.

Vordergründig ist es vielleicht so, dass auch AkademikerInnen über kurz oder lang eine gutbezahlte Arbeit finden, wenn sie sich nur richtig anstrengen. Dabei ist Vorsicht geboten. Die Arbeitslosenzahlen in Deutschland sinken laut Statistiken zwar fleißig, aber sie sprechen nicht davon, welche Jobs arbeitslose JournalistInnen zum Beispiel irgendwann aus der Not heraus annehmen. Hannah aus Traurige Freiheit, kurz vor dem vollendeten 30. Lebensjahr, sucht sich den für Frauen typischen Notnagelberuf aus. Sie wird Kellnerin in einem Kaffee. In die Stadt Berlin ist sie gezogen, weil ihr freiheitsverheißender Ruf, aber vor allem ein Volontariat bei einer Zeitung sie dorthin lockt. Sie muss sich dafür von ihrer großen Liebe, einem Arzt, trennen, weil dieser weniger emanzipiert ist als sie selbst. Jakob versteht nicht, warum seine Freundin sich nicht von ihm aushalten lassen will, sondern ihren eigenen beruflichen Weg gehen möchte.

Die permanente Erinnerung an den Exfreund macht die Freiheit zu einer traurigen Freiheit, oder vielmehr zu einer traurigen Einsamkeit. Mit Freiheit hat dieser Zustand nichts mehr zu tun. Es geht um die Einsamkeit als abgrundtiefe, bodenlose Emotion.

Dabei könnte sie auch kreative Kräfte wecken, oder wenigstens produktive Wut. Stattdessen versinkt die Protagonistin nach Beendigung des Volontariats und keinen Jobaussichten in Hoffnungslosigkeit und rationalisiert diesen Zustand um ihn damit gleichzeitig zu bagatellisieren – ein typisches Verhalten für AkademikerInnen:

„Vielleicht fühlten alle diese Aussichtslosigkeit, die sie fühlte. Vielleicht war dieses Gefühl normal. Vielleicht war das einfach das Erwachsenenleben, immer schon gewesen, und sie waren nur in keiner Weise darauf vorbereitet worden.“

Auf eine Sache wird man als Geisteswissenschaftlerin im Studium auf jeden Fall nicht vorbereitet. Auf die Tatsache, dass da draußen niemand exklusiv auf dich wartet, du nur Bewerbungen schreiben musst, und schon nehmen sie dich mit offenen Armen. Man muss schon laut werden, Aufmerksamkeit erregen, Vitamin B haben oder zumindest einen Shitstorm im Netz provozieren um sichtbar zu werden. Auch das erkennt Hannah irgendwann, als sie von einem öffentlich bekannten Journalisten im Kaffee angesprochen wird. Ihr ist es wichtig, diesem interessanten älteren Mann direkt zu zeigen, dass sie keine Kellnerin ist, sondern sich nur hinter diesem Beruf versteckt, sich an ihn klammert, weil ihr sonst keine Chance gegeben wird, sich zu zeigen:

„Ich habe Zeitgeschichte studiert, sagte Hannah, während sie an der Bar hantierte, und wunderte sich über sich selbst, dass sie es nötig fand, dem Mann sofort klarzumachen, dass sie nicht nur Kellnerin war, sondern Akademikerin.“

Der weitere Verlauf der Geschichte ist klar vorgezeichnet, weil ein Klischee bedient wird, in dem leider viel wahres steckt. Sie will den fremden, mächtigen Journalisten, Herrn Stein, inhaltlich von sich überzeugen –  er sucht eigentlich nur das eine. Vielleicht möchte er auch mehr, genießt ihre unterhaltsame und kluge Gesellschaft als Sahnehäubchen obendrauf. Letzlich kommt Hannah zusammen im Gespräch mit ihrer einzigen Freundin Miriam aber zu dem Schluss, dass „er sich für sie interessierte, als Frau, nicht oder zumindest nicht nur als Kollegin.“

Was sie bisher von Herrn Stein gehalten hat ist blauäugig gewesen und typisch für ihren Charakter, ihre Art, positiv über die Welt zu denken. Immer viel zu viel zu erhoffen, und letzlich passiv in eine Warteposition zu verfallen, die sie in eine abhängige Situation, vergleichbar mit der einer Gewächshauspflanze, bringt. Als bedürftiges „Pflänzchen“ braucht Hannah jemanden, der sie regelmäßig mit Wasser und Licht versorgt. Bleibt das aus, dann wird der Boden spröde, die Luft knapp und die Blätter welken.

Als Herr Stein zu seiner Familie in die Sommerferien fährt, beginnt für Hannah endgültig der Boden zu schwanken, weil ihr einziger energiegeladener Halt in der Großstadt sich als Luftschloss, als ein unwirkliches Gebilde noch nicht erwachsengewordener, schambehafteter Kleinmädchenträume entpuppt. Aufwachen, möchte man der Protagonistin zurufen, und sie heftig an den Schultern packen. Der ungebremste Fall in die Tiefe ist aber vorprogrammiert, und es ist eine Schwachstelle des Textes, dass gerade die surrealen Szenen weiterhin linear erzählt werden. Ein Bruch mit der Form hätte eine Vielstimmigkeit erzeugt, den gehäuften inhaltlichen Klischees (Berlin=Freiheit, Frau=Kellnerin, mächtiger Mann= mögliches Karrieresprungbrett) eine Tiefendimension verliehen, und die bekannten Motive damit semantisch infrage gestellt. Die Protagonistin wäre interessanter, weil charakterlich vielschichtiger geworden. Aber das ist Geschmacksache, und linear verlaufende Texte sind, man denke an Bodo Kirchhof der den Deutschen Buchpreis dieses Jahr gewonnen hat, in Mode, und ja auch irgendwie angenehm, weil gut verständlich.

Das 30ste Jahr. Unweigerlich muss man an die gleichnamige Erzählung von Ingeborg Bachmann denken, an dieses verflixte Jahr, und an die Stimme am Ende, die sagt: „Steh auf und geh, es ist dir kein Knochen gebrochen“. Bei Friederike Gösweiners Protagonistin kommt sie von innen heraus und drängt darauf, sich wieder in Bewegung zu setzen:

„Zeit zu gehen, dachte Hannah“.

Es ist eigentlich spannend nicht zu wissen, wohin.

Ein erzähltes Stück Leben. Christine Lavant. Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus.

Lavant. Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus.

Christine Lavant. Aufzeichungen aus dem Irrenhaus.

Wer schreibt, und das Geschriebene der Öffentlichkeit zeigt, setzt sich bewusst der Meinung des Publikums aus. Das mag der Autorin, dem Autoren, die nötige Anerkennung und den Mut geben, sich an weitere Texte zu setzen, sich weiter wie eine Spinne im eigenen Gewebe verlieren zu wollen, um für andere sichtbar zu werden. Die österreichische Autorin Christine Lavant ist in einer Zeit groß geworden, in der Frauen noch viel stärker als heute gesellschaftlichen Normen unterworfen waren. 1915 im Lavanttal (Kärnten) als Tochter eines Bergmanns geboren, kostete es sie viel Selbstüberwindung, ihr Pseudonym eines Tages hinter sich zu lassen, und ihre Texte als ihr „erzähltes Stück Leben“ vorzustellen. Als Frau geboren, stammt sie zusätzlich aus einem proletarischen Elternhaus. Schlechtere Voraussetzungen um mit den eigenen Schriften Fuß zu fassen, gab es fast nicht. Dazu irritierte die Autorin ihre Kritiker – die ausschließlich männlich waren – (Kritikerinnen gab es auch in den 50-er Jahren kaum), ihr autobiographischer Schreibansatz, der einen anderen, ungewohnten Blick auf gesellschaftliche Phänomene warf, als ihn die akademische Elite kannte und propagierte. Die Schriftstellerin Christa Wolf hat in ihren Werken, zum Beispiel in Kassandra, immer auch nach einer „weiblichen“ Art des Schreibens gefragt – sie hat sich auf die Suche begeben nach den unterdrückten Frauenstimmen der Jahrhunderte, die uns möglichweise von einem anderen, vielleicht besseren Leben erzählen. Lavant stellte das Schreiben von Prosa leider nach vernichtenden Kritiken ein, schrieb nur noch Gedichte, weil sie es nicht ertrug, missverstanden zu werden. Jetzt könnte man sagen, warum hat sie sich nicht ein dickeres Fell zugelegt, was ihr passiert ist, damit mussten und müssen sich männliche Schriftstellerkollegen auch immer wieder auseinandersetzen. That’s business.

Nehmen wir nun als Beispiel Heinrich von Kleist. Kleist wurde u.a. vom weniger modern denkenden Goethe drangsaliert, seine Penthesileia war für den anerkannten Dichter ein „no go“. Sicher ein Problem. Allerdings kritisiert hier ein Mann einen Mann –  vielleicht war Kleist auch zu sehr „Frau“ um von einem „männlichen“ Goethe verstanden zu werden – … Worauf ich mit meinem Exkurs aber hinausmöchte ist die Tatsache, dass Lavant als schreibende Frau ausschließlich von männlich-patriarchalen Strukturen kritisiert wurde, weil es gar keine anderen Strukturen gab.

Bezeichnenderweise sollte der nun vorgestellte Text zu Lebzeiten der Autorin dann auch nicht gedruckt werden, weil der Verleger einen „frommen Schluss“ verlangte. Jahre später wurden die Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus zum Glück wiederentdeckt und 2001 zum ersten Mal veröffentlicht. Lavant sieht und kommentiert Dinge auf ihre Weise und gewährt den Lesern einen Einblick in ein sonst abgeschlossenes System; das der Psychiatrie. Ihr gelingt es im Schreiben sowohl innerhalb als auch außerhalb der „Landes-Irrenanstalt“ zu stehen, weil sie über das, was sie sieht, reflektiert, und somit fast automatisch poetisch autofiktionalisiert. Sie nimmt eine Doppelrolle ein, ist einerseits die suizidale, um den eigenen Zustand kreisende Patientin, um andererseits ihre Umwelt schonungslos ins Visier zu nehmen. Sie lebt ihr „Innen“ intensiv, um gleichzeitig einen wachen Zugang zum „Außen“ zu bewahren:

„Eben hat Berta getanzt. Seltsam, dass es keiner der Schwestern, auch dem Nusserl nicht, einfiel mich diesmal wegzuschicken. Scheinbar tanzt sie selten, denn der ganze Saal nahm daran teil, sogar Schwester Minna hörte für einige Augenblicke auf, an ihrem Babyjäckchen zu stricken und lachte mit ihren runden schwarzen Augen überaus gutmütig und fast wohlgefällig vor sich hin.“

Hier ist sie reine Beobachterin einer der wenigen fast glücklichen Momente der Insassen. Ihr gelingt es durch genauen Blick und feiner Empathie, die Szene so erscheinen zu lassen, als sei sie alltäglich, als hätten die „psychisch Kranken“ Zugang zum normalen Leben der Bürger außerhalb ihres unfreiwillig gewählten Lebensumstands. Sekunden später kippt das Bild, zeigt das, was wirklich in den Räumen passiert. Beleuchtet die Dramen, die sich tagtäglich abspielen. Da wird unter unwürdigen Bedingungen einsam gestorben, werden aufmüpfige Frauen von masochistischen Betreuern lustvoll in Zwangsjacken gesteckt:

„Die Magere, die im zweiten Bett rechts von mir lag und ihre Zeit damit hinbrachte zu schreien oder nach den Spritzen wie eine Tote zu schlafen, ist am Morgen sterbend in den kleinen Raum vor den Klosetten gebracht worden, wo sie auf der niederen Bahre endlich allein starb.“

Die Erzählerin prangert die unmenschlichen Bedingungen an, unter denen die Anstaltsinsassen zu leiden haben und geht gleichzeitig mit sich selbst hart ins Gericht. So schämt sie sich ihrer Hoffnung, doch das Bett der „wie ein Stück Vieh“ Verstorbenen, zu bekommen.

Wer ständig in einem Klima des Hasses und der Angst lebt, resümiert sie, wird schnell ein Teil dieser asozialen Gruppe – nur um zu überleben.

Als sie Zeugin der sexuellen Belästigung einer Patientin durch Pfleger wird, zweifelt sie auch an der Existenz eines helfenden Gottes, oder sonst einer Lichtgestalt:

„Warum, wenn es Engel gibt, obliegt keinem davon die Aufgabe, Dinge die erst in der äußersten Hölle vorkommen dürften, hier auf Erden zu verhindern.“

Wie eine Prophezeiung liest sich diese Notiz in Hinblick auf die wenige Jahre später folgenden Euthanasiemorde. Im Nachwort der von Klaus Amann differenziert kommentierten Ausgabe aus dem Wallstein Verlag (2016), betont der Literaturwissenschaftler, dass gegen 15 Personen aus der Abteilung die den Schauplatz der Erzählung Lavants bildeten, 1946 Anklage erhoben wurde.

Vielleicht ist die Autorin nur knapp der Vernichtungsmaschinerie entkommen, möglicherweise, weil sie dem Oberarzt eine schlüssige, (erfundene) Erklärung für ihren Selbstmordversuch liefert.

Geschickt wählt sie den gesellschaftlich anerkanntesten Grund für ihr „irrationales“ Handeln, ein Klischee, das für sämtliche Frauenleiden herhalten muss, weil es schlüssig erscheint; dem Bild eines weichen, schutzbedürftigen Geschöpfs am besten entspricht. Es war:

Selbstmord aus unerfüllter Liebe.

Ohne nachvollziehbarem Grund wäre ihre Krankheit zu einem Mysterium geworden, und hätte nicht geheilt werden können –  die Arsenkur, spezialisiert auf gebrochene Herzen – hätte ihre Wirkung verfehlt. Lavant wird nach ein paar Wochen entlassen und ist um eine Erfahrung reicher, die ihr die Erkenntnis gibt:

„Nicht das Leben ist ja wichtig, nur das Erlebnis“.

Schauerliche Erlebnisse reihen sich in den Aufzeichnungen an kurze Glücksmomente, die alle zusammen von Lavant in Dichtung gefasst werden, weil sie sich von den spottenden Stimmen nicht bremsen lässt, die ihr suggerieren, dass eine Bergarbeiterstochter lieber die Finger von der hohen Schreibkunst lassen sollte:

„Sie will ja nur dichten, sagte da die spitze Stimme vom Fenster her. Alle lachten, warum hätte ich nicht auch lachen sollen?…Ja meine Teure sagte da der Kleine, diese Gewohnheiten wirst du dir freilich abgewöhnen müssen. Düchten mit Umlaut ü, gelt, wahrscheinlich kann sie nicht einmal ordentlich rechtschreiben, aber dichten will sie! Sehen Sie, Kollege, solche Geschichten kommen heraus, wenn jeder Bergarbeiter schon glaubt, seine Sprösslinge in Hauptschulen und so schicken zu müssen. Also mein Kind, das Düchten überlass du schön anderen Leuten…“

Zum Glück ist C. Lavant dem bösen, altväterlichen Rat des Herrn Primarius nicht gefolgt, und der Text fand seinen Weg in die richtigen Hände, um ihn letztlich doch noch zu einer Leserschaft sprechen zu lassen.

Worin auch immer „weibliches“ Schreiben besteht, sicher ist jedenfalls, dass Lavants Stimme den altbekannten und anerkannten Literaturkanon aufmischt, gerade weil ihr Zugang zu den Erfahrungen in der Welt „anders“, oder sagen wir, besonders, ist. Vielleicht hätte mir Christa Wolf zugestimmt.

 

Die Großstadt ist ein einsames Monster. Kate Tempest. Worauf du dich verlassen kannst.

Kate Tempst. Worauf du dich verlassen kannst.

Kate Tempest. Worauf du dich verlassen kannst.

Kate Tempest ist momentan zurecht eine der gefeierten Rapperinnen und Spoken Word Artistinnen Englands. Jetzt gibt sie in ihrem Romandebüt „Worauf du dich verlassen kannst“, den Stimmen einen Raum, denen bisher auf der Bühne zu wenig Platz eingeräumt werden konnte.

Im Fokus stehen die „kids“ der Wirtschaftskrise, die gewohnt sind, mehrere Jobs parallel zu haben; für die es normal ist, wie Eichhörnchen den „Nüssen“ tagtäglich hinterherzuhüpfen. Die Kraft dafür holen sie sich aus dem Selbstverständnis, dass sie für ihren Traum malochen. Für den Traum vom eigenen Leben. Von diesem zukünftigen, authentischen Leben sind sie fast alle überzeugt, wenn die erbarmungslos-schöne Stadt, konkret hier London, sie nicht vorher verschlingt. Denn ohne Drogen und Alkohol sind die Fratzen des Alltags schwer zu ertragen:

„Sie (kids) existieren in der Masse und fühlen sich als Teil des Ganzen. Sie mißtrauen allem außer Trends. Ihre Hoffnung besteht darin, abends rauszugehen und sich abzuschießen, die Gesichter entstellt von Alkohol und Drogen, die sich am Morgen grausam rächen (…). Sieh, durch feuchte Augen und blutige Finger, wie die Stadt zugrunde geht und wiederaufersteht.“

Da ist zum Beispiel die talentierte und gutaussehende Becky, die eigentlich eine Ausbildung zur Tänzerin abgeschlossen hat und in einem festen Tanzensemble arbeiten möchte. Da sie aber nur ab und zu für alberne Hintergrundtanzereien auf Musikvideos gebucht wird, kann sie sich finanziell nicht über Wasser halten. Deswegen jobbt sie in einem Kaffee und arbeitet zusätzlich zweimal die Woche als „Masseuse“.

Auf einer Party trifft sie die androgyne Harry, und fühlt sich direkt von ihr angezogen. Die zunächst wortlose Verbundenheit erzeugt ein Vertrauen, durch das sich die beiden, ohne zu wissen warum, ihre intimsten Vorstellungen von einem echten Leben erzählen. Vielleicht liegt es auch an der Mischung aus Koks und Alkohol, die ihre Redseligkeit fördert.

Es sind die verzweifelt-kompromisslosen, glasklar geschliffenen Sätze, die „Worauf du dich verlassen kannst“ zu einem Roman machen, den man nicht mehr einfach so abschüttelt :

„Alle sind auf der Suche nach ihrem persönlichen Quäntchen Sinn. Nach irgendeiner flüchtigen Vollkommenheit, die ihnen das Gefühl geben könnte, lebendig zu sein.“

Es ist nicht nur die Story, die sich mehr und mehr aufbaut und sich zu einer nahenden Katastrophe verdichtet, die beim Lesen fesselt. Vielmehr verfolgen einen die unverstellten Schilderungen der Stadt London als lebendig-pulsierendes Monster. Sie ist ein unruhiges, schlafloses Tier, das auch liebenswerte Seiten hat und dem man deswegen nicht einfach den Rücken zukehren kann, auch wenn es psychisch und physisch zerstörerisch wirkt. Der Satz „Menschen töten wieder für Götter. Uns tötet das Geld“, zeigt den roten Faden der Handlung auf  –  ein Text, den man phasenweise laut vor sich hinrappen möchte, damit er einen noch stärker in Trance versetzt.

Eine der weiteren Hauptfiguren ist die bereits erwähnte Harry. Sie verkauft Kokain an reiche Geschäftsleute, indem sie als extra gebuchter „Gast“ auf deren Feiern auftaucht. Ein eigentlich perfektes Geschäftsmodell, dessen riskantes Gesicht sie ausblendet, weil sie sich irgendwann in naher Zukunft für die Einnahmen einen Ort erschaffen möchte, an dem sich Menschen versammeln können, um sich zuhause zu fühlen, denn:

„Wir sind einsam. Wir sind alle so einsam in dieser Stadt. Wir brauchen Orte, wo wir hingehen können. Glaub ich.“

Becky und Harry – so unterschiedlich ihre Charaktere auch sind – vereint eine innere Stärke, die mit Blick auf ihre, in Rückblenden erzählte Vergangenheit, erstaunlich ist. Was nicht tötet, hat die zwei jungen Frauen abgehärtet, ohne sie gleichzeitig verbittern zu lassen. In ihren vielen (Schein-)leben, die ihnen der Kapitalismus zumutet, versuchen sie herauszufinden, wie sie wirklich sein wollen:

„Als hättest du zwei Leben. Aber welches ist das echte? Welches ist das, das du tatsächlich lebst?“

Zu dieser nicht leicht zu klärenden Frage tritt noch eine andere irritierende Beobachtung der Dealerin Harry hinzu. Sie wundert sich darüber, dass ja „angeblich Wirtschaftskrise“ sei, und sie aber noch nie „so viel Stoff vertickt“ habe. Irgendetwas läuft schief im Königreich, irgendjemand muss das Geld horten. Bei der jungen Londoner Generation ist es jedenfalls nicht.

Pete, die einzige männliche Hauptfigur, ist derjenige, der keine Träume mehr hat. Er existiert mehr schlecht als recht vom Jobcenter und antwortet auf den Vorwurf seiner Halbschwester Harry, dass er sich zu schade sei zu arbeiten, erschöpft:

„Ich halte es nicht für unter meiner Würde, ich kann nur einfach nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr für Mindestlohn und auf Abruf arbeiten. Ich arbeite zu jeder Tages- und Nachtzeit und kann trotzdem meine Miete nicht bezahlen und keinen Penny zurücklegen. Ich will einen Beruf wie jeder andere auch.“

Pete hat schon alle möglichen Jobs angenommen, nur um „Arbeit“ zu haben. Dabei besitzt er ein abgeschlossenes Studium, ist diplomierter Politologe.

Auch die Liebe wird von dem Einfluss der Wirtschaftskrise überschattet. Leider trägt Kate Tempest in einzelnen Passagen thematisch dazu etwas dick auf. Gleichzeitig hat es aber natürlich eine eigene Komik, die subversiv à la Judith Butler Geschlechterstereotype kritisiert, wenn man einer Frau Aussagen in den Mund legt, die normalerweise oft von Männern benutzt werden. Die permanente Reduzierung Beckys auf ihre körperlichen Qualitäten durch die verliebte Harry, wäre so ein Beispiel. Dort heißt es:

„Beckys Schönheit ist wie Durst in ihrem Mund.“

Tempest hat ihre Sprache in der Rapperszene entwickelt, die gerne kitschige, klischeebeladene Bilder bedient und in „Worauf du dich verlassen kannst“ den Leser in der ein- oder anderen Beschreibung vielleicht genervt die Augenbrauen hochziehen lässt. Wirklich störend bei der Lektüre ist aber das mangelhafte Lektorat der deutschen Übersetzung. Nicht selten fehlen ganze Worte, Satzzeichen und Buchstaben. Ein Freestyletext, vorgetragen auf der Bühne, interessiert sich nicht unbedingt für Grammatik und es fällt nicht weiter auf, wenn Buchstaben im Eifer des Sprachgefechts verschluckt werden. Bei verschriftlichter Literatur, die eine sorgfältige Behandlung verdient, tut es aber besonders weh wenn der poetische Lesefluss permanent unterbrochen wird.

„Worauf du dich verlassen kannst“ ist ein Großstadtroman und erinnert an Alfred Döblins Meisterwerk „Berlin Alexanderplatz“. Alle auftretenden Figuren zappeln wie Franz Biberkopf tagtäglich ums Überleben, geben sich  richtig Mühe, etwas daraus zu machen, und trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie über das wie zufällig gestellte Bein stolpern, um der Länge nach hinzuschlagen.

Die Protagonisten der Kate Tempest rappeln sich anders als „Franzeken“ zum Glück immer wieder unbeirrt auf, und halten an ihren Träumen fest, weil sie glauben, dass es sich lohnt. Nach jedem Sturz bildet sich ein dickerer Schorf auf den erlebten Wunden und damit auch die Voraussetzung sich gegen die Gesetze des geldgierigen Molochs Großstadt zu wehren – um einem einsamen Dasein andere, (utopische?) Lebensentwürfe entgegenzusetzen.

Kate Tempest - Rapperin und Autorin.

Kate Tempest – Rapperin und Autorin.

 

 

 

 

 

 

 

Abgründe in heller Farbe. Veza Canetti. Die gelbe Straße.

Veza Canetti. Die gelbe Straße.

Veza Canetti. Die gelbe Straße.

Elias Canetti ist ein bekannter Name der Weltliteratur. Veza Canetti kennen hingegen nur wenige. Vielleicht liegt das nicht zuletzt daran, dass sie ihren Mann zu Lebzeiten in seinem Schaffen aufopferungsvoll unterstützt hat, während er sich nicht viel für ihr Schreiben interessierte. Dabei glänzen ihre Texte von einer einmaligen, gesellschaftspsychologischen Schärfe und lesen sich trotz Tiefenwirkung fast wie nebenbei.

Der Roman „Die gelbe Straße“ spielt im Wien der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts und wurde erst 28 Jahre nach Veza Canettis Tod, 1990 im Fischer Verlag, veröffentlicht. In dem Text geht es um Einzelschicksale, Individuen, deren moralisches und unmoralisches Handeln im Mikrokosmos unter die Lupe genommen wird. Verhaltensweisen, die normalerweise gut versteckt wirken und nicht für jeden offen sichtbar sind:

„Es ist eine merkwürdige Straße, die Gelbe Straße. Es wohnen da Krüppel, Mondsüchtige, Verrückte, Verzweifelte und Satte. Dem gewöhnlichen Spaziergänger fallen sie nicht auf“.

Umso mehr wirken sie auf den auktorialen Erzähler. Er hat sie alle im Blick – die ausgebeuteten, im Beruf und in der Ehe unterworfenen Subjekte zum Beispiel. Im Kapitel mit dem Titel Der Kanal werden etwa arbeitssuchende Dienstmädchen beschrieben, die abhängig sind von einer geldgierigen Arbeitsstellenvermittlerin, die unerbittlich ihre „Mädchen“ versucht, in den richtigen Haushalt zu bringen, um eine ordentliche Provision kassieren zu können. Dass Männer Frauen physisch und seelisch ausbeuten, ist ein bekanntes Phänomen. Wie stark das Verhältnis, gerade auch das Konkurrenzverhältnis unter den Frauen ist, wird jedoch selten beleuchtet, und macht diesen Roman gerade aus emanzipatorisch-feministischer Sicht zu einem Erkenntnisjuwel. Wie auf dem Viehmarkt werden die hilflosen, fragilen Personen feil geboten, und oft bleibt ihnen nur der „rettende“ Sprung in den Kanal, oder die Version, so zu tun, als wollten sie springen, weil erst dann vom Staat Hilfe erwartet werden kann. Natürlich bringt ihnen diese Hilfe nur etwas, wenn sie beim Täuschungsmanöver nicht ertrinken:

„‚Die Kostfrau will mich auf die Straße setzen.‘

‚Geh ins Obdachlosenheim.‘

‚Auf der Polizeidirektion ist ein Heim für Hausgehilfinnen (…)‘

‚Ja, aber nur wenn sie Selbstmord begangen haben. Wenn eine von euch heutzutage ins Wasser springt, macht sie direkt ihr Glück. Herausgefischt wird sie und kommt zur Polizeidirektion. Dort kann sie leben, wie der Herrgott in Frankreich. Kost und Quartier, bis sie einen Posten hat. Sogar den Posten verschafft man ihr unentgeltlich. Die reinste Schmutzkonkurrenz, wir zahlen die Steuern und die Polizei vermittelt Posten.'“

Unter den unmoralischen Frauen im Roman steht eine besonders bösartige Person im Fokus der Betrachtung, die nur „die Runkel“ genannt wird. Ein Name, der an ein Gewächs erinnert, sich wie Unkraut überall durchsetzt und nicht zu vertreiben ist. Die Runkel, eine skrupellose und gerade deswegen erfolgreiche Geschäftsfrau, besitzt zwei florierende Geschäfte in der „Gelben Straße“. Einen Seifenladen und eine Trafik; im letztgenannten beschäftigt sie zeitweise eine gutaussehende junge Frau, der sie kündigt, weil sie es nicht erträgt, dass diese keine schwerwiegende körperliche Behinderung quält. Die Runkel selber ist abhängig von immer wieder wechselnden Angestellten, die sie im Kinderwagen durch die Gegend schieben. Ihr Selbsthass schadet letztlich dem guten Dienstmädchen Rosa, das anstelle von ihr in der Anfangspassage von Der Unhold im Straßenverkehr umkommt:

„Eines Tages, als die Runkel im Kinderwagen über die Straße geführt wurde, überkam sie eine solche Verzweiflung über ihr elendes Leben, daß sie nichts anderes wünschte, als ein schwerer Lastwagen, ein Viehwagen, eine tausend-Kilo-Walze oder eine einfache Straßenbahn möge über ihren fürchterlichen Körper fahren und ihn zermalmen.“

Persönliches Unglück kann bösartig machen – warum sich ihr Zorn gerade auf wehrlose Frauen richtet, lässt sich nur durch fehlendes Solidaritätsbewusstsein erklären. Das Schneewittchenprinzip („Spieglein, Spieglein, an der Wand, wer ist die schönste im Land“) klingt in den zu einem Roman zusammengefügten Erzählungen immer wieder an und zeigt, warum Emanzipation vom Mann so unglaublich schwierig ist, wenn der Neid auf das eigene Geschlecht die Frauen untereinander auseinandertreibt.

Die schöne, stets freundliche Angestellte in der Trafik weiß sich gegen zudringliche Verehrer zu wehren. Leider gibt sie durch ihren toughen Auftritt der Runkel eine Rechtfertigung, sie zu feuern. Weil der Verschmähte sich aus Rache für die Zurückweisung täglich bei ihr über die Angestellte beschwert:

„Der dicke Lederhändler im Sessel war auf dem Sprung. Eine Minute später hatte er eine Ohrfeige sitzen und rannte wütend hinaus.“

„‚Was die Leute sich erlauben möchten! Stürzt sich auf mich und gibt mir einen Kuß'“.

„Und sie zeigte auf ihre weiche Wange, als wäre dort eine Krätze, ein Schandfleck, nicht mit Weihwasser reinzuwaschen.“

Auch wenn alle Kunden im Laden ihr erklären, dass sie sich für sie bei der Runkel einsetzen werden, machen es nur die wenigsten. Versprechungen werden nicht eingehalten, es heißt, sich im Leben alleine durchzubeißen. Die körperliche Schönheit steht ihr dabei im Weg, deutet darauf hin, dass sie aus konservativer Sicht gesehen, ausschließlich für die Ehe gemacht ist.

Auch den schon beschriebenen, von Männern unabhängigen Dienstmädchen ergeht es nicht gut, wenn sie ganz ansehnlich sind. So muss „Emma“ an ihrem neuen Arbeitsplatz feststellen, dass sie zur „Kitty“ wird, und dem „Kater“ des Hauses sexuell zur Verfügung zu stehen hat. Rettung, auch durch die Hausherrin, ist nicht in Sicht:

„Die Emma sah auf das Lächeln der Frau Vaß und auf die pfiffig stechenden Augen des Herrn vor ihr, es lag so viel Überlegenheit in den Blicken der beiden, daß die Emma auf dem Sessel sitzen blieb, wie festgebannt, obwohl sie gerne davongelaufen wäre.“

In dem Abschnitt mit dem Titel Der Oger wird die Scheinheiligkeit sämtlicher beschriebener Individuen am eindrücklichsten erzählt. Kurz nach der Hochzeit bemerkt die Ehefrau, welch doppeltgesichtigem Mann sie sich da anvertraut hat. Nach außen freundlich und großzügig, zeigt der Unhold (Herr Iger) im privaten, familiären Raum sein wahres Gesicht. Den Herrn, den er eben noch scheinbar herzlich mit Pralinen beschenkt hat, beschimpft er wenige Sekunden später vor den entsetzten Augen seiner Frau:

„‚Der Teufel soll ihn holen!'“ sagte jetzt Herr Igel und zog sein Lederkissen zurecht. Bald atmete er tief und aufdringlich. Die junge Frau ihm gegenüber sah ihn erschrocken an. Sie saß ganz starr.'“

Die Gewaltspirale hört nicht auf sich zu drehen, aber es wäre kein Text von Veza Canetti, wenn es nicht auch hier für die unterdrückte Gattin ein selbstinitiiertes Schlupfloch gäbe.

Erfrischend berichtet der Erzähler von zutiefst (un)menschlichen Verhaltensweisen und beschreibt aber immer auch Auswege aus der Misere.

Alle Beziehungen zwischen den Menschen beleuchten in der „Gelben Straße“ letztlich ein universelles Thema:

es geht um den neidvollen Wunsch nach Macht über den Einzelnen, der Unterdrückungsmechanismen hervorbringt und demonstriert, wie bereits die „Kriege im Kleinen“, zwischen den Normalbürgern, den 2. Weltkrieg ankündigen. Die Bewohner entwickeln keinen Sinn für die Möglichkeit politischer Veränderung, kein Streben nach sozialer Gerechtigkeit. Vielmehr herrscht das Geld und somit die monomanische Gier danach. Individuelles Glück wird über das Gemeinwohl gestellt – gut durchs Leben kommt der, der zu tricksen weiß. So werden Themen, die über den persönlichen Erfahrungshorizont der Bewohner hinausgehen ausgeblendet, bis das nicht mehr möglich ist, weil der Krieg vor der Tür steht.

Zu den zahlreichen psychologischen Anspielungen und Beschreibungen im Roman ist ein Aspekt zu nennen, der bis heute Aktualität besitzt. Je brüchiger die Welt erscheint, umso stärker sucht jedes Individuum seinen Halt darin, umso verkrampfter klammert es sich fest an scheinbar festen Dingen. Zu versuchen, sich nach Jean-Paul Sartre im Spiegel des anderen zu sehen, wie es das folgende Zitat demonstriert, mag einen Rettungsanker bieten. Wer wiederum die anderen in sich erkennt, spürt zwar unendliche Schmerzen, aber schreibt als Reaktion darauf auch wunderschöne Texte. Veza Canetti ist der Beweis:

„“‚Du siehst nur dich in den andern wieder, Mutter.'“

„‚Das ist mein Halt, Diana.'“

„‚Ich sehe die andern in mir, das ist meine Qual.'“

„‚Und deine Kunst, Kind.'“

 

Blaue Drachen und weibliche Geeks. Unicorns don’t swim. (Antje Wagner Hrsg.)

Antje Wagner (Hg.). Unicorns don't swim. Erzählungen.

Antje Wagner (Hg.). Unicorns don’t swim. Erzählungen.

Letztens war ich auf einer Lesung der „Welt“- Kolumnistin und Buchautorin Ronja von Rönne. Der Ronja von Rönne, die vor einem Jahr einen shitstorm im Netz auslöste, weil sie schrieb, dass der Feminismus sie anekele. Während der Lesung aus ihrem Roman Wir kommen (Aufbau Verlag, 2016) und dem zwischendurch geführten Gespräch mit dem Moderator, wurde mir deutlich, warum Frau von Rönne persönlich keinen Feminismus braucht:

Sie ist der (personifizierte) Feminismus!

All seine historischen Vorreiterinnen, von Olympe de Gouges, über Simone de Beauvoir, zu, meinetwegen Alice Schwarzer, haben sich essenziell in ihrem Bewusstsein festgesetzt, und lassen sie so selbstbewusst agieren, dass der Zuschauer wirklich davon überzeugt wird, dass sich die Plackereien der Aktivistinnen bei ihr gelohnt haben. Also ist er mittlerweile überflüssig, der Feminismus.

Diejenigen, die allerdings eine andere Meinung vertreten, weil sie zum Beispiel weder weiss noch hetero sind, und aus keinem wohlhabenden Elternhaus stammen, gehen dann schnell im amüsanten Geplapper der Privilegierten unter. Aber gut. Müssen sie eben lauter sprechen, sich Gehör verschaffen. Außerdem:  wer hat schon Lust, sich etwa mit dem Leben einer ausgebeuteten Putzfrau zu beschäftigen, wenn es Erzählungen über Hippsterpartys gibt, die im immer gleichen Brei das eigene, eintönige Leben bestätigen und in ihrer Langeweile ungemein beruhigend wirken.

Ronja von Rönne vertextet die eine Wirklichkeit, und das macht sie überzeugend – keine Frage. Sie beschreibt eine künstliche, hohle Welt ohne Substanz, in der stromlinienförmig agiert, bzw. bloß noch seelenlos reagiert wird.

Aber gab es und kennen wir diese Wirklichkeit nicht schon zur Genüge? Aus interessantem Schreibstoff bestehen doch eigentlich die Momente, in denen Formen der (utopischen) Befreiung, wenn auch nur blitzlichtartig, aufscheinen.

Erfrischend alternative Wirklichkeiten werden uns in der Anthologie Unicorns don’t swim (AvivA Verlag, 2016) von der Herausgeberin und Mitautorin Antje Wagner vorgestellt. Im Vorwort bemerkt sie treffend, dass alle Kurztexte, teilweise sehr junger Autorinnen, wie etwa In Strömen von Sophie Micheel (Jahrgang 1991) oder Und wie heißt du? von Kim Katharina Salmon (Jahrgang 1999), ein sich überschneidendes Element haben:

„Unicorns don’t swim lässt uns in 22 Erzählungen auf ganz unterschiedliche Weisen über unsere eigenen Erwartungen stolpern, über Erwartungen an eine Geschlechterrolle und über Muster, die unseren Blick fest im Griff haben. Oftmals merken wir nur an einer Irritation, wie sehr wir mit diesem vorgeprägten Blick leben – und lesen. Dieses Moment der Irritation ist es, was die Erzählungen dieser Sammlung verbindet.“

Stark an den Geschichten dabei ist, dass keine Gegenbilder zu den Stereotypen erzählt werden, wir also keine Opfergeschichten vorgesetzt bekommen. Man ist als Leser/in vielmehr verwundert, wie schwer abzuschätzen ist, wie die Erzählung ausgeht. Obwohl einem bereits nach der Lektüre des Klappentextes bewusst ist, dass es (auch) um „queere“ Geschichten gehen wird, in denen heteronormative Lebensformen infrage gestellt werden, entsteht immer wieder neu ein Moment der Überraschung – worüber man sich gleichfalls selbst erneut wundert, weil man sich doch als „gegenderte“ und jederzeit eigenständig denkende Person empfindet.

Vielleicht sind es u. a. die literarischen Formen der Verfremdung, die diesen Effekt beim Lesen erzeugen, wie zum Beispiel in der Erzählung Feuer und Flamme von Antje Wagner. Darin geht es um zwei frischvermählte Frauen. Eine der beiden verwandelt sich kurz nach der Hochzeitsnacht in einen „Drachen“:

„Noch angenehm erschöpft von der vergangenen Nacht machte ich die Badezimmertür auf, starrte eine Weile verständnislos hinein, machte die Tür wieder zu, zählte bis zehn und öffnete sie wieder. In meinem Badezimmer stand ein Drache. Der Drache war blau, kämmte sich gerade seine drei wolligen, ebenfalls blauen Haare und drehte sich dann zu mir um. Er sah mich irgendwie – begeistert an.“

Wofür auch immer der Drache genau steht – zeigen lässt sich an dieser Passage gut, warum der Erzählband nicht nur für Jugendliche eine wahre, identitätsstiftende Erkenntnisfundgrube ist, sondern auch die so offenen und vorurteilslos-aufgeklärten Erwachsenen herausfordert.

Ein weiteres Highlight der Sammlung ist die Erzählung Metamorphose von Tania Witte:

„Eines Morgens vor eintausendsiebenhundertvierzig Tagen wachte Alina auf und hatte keine Mutter mehr. Kein klapperndes Geschirr hatte sie an diesem Sonntag geweckt, es hatte nicht nach Kaffee und Toastbrot gerochen und niemand hatte durch die Bettdecke in ihren großen Zeh gekniffen…“

Da verschwindet von einem Tag auf den anderen die Mutter, also eine typische Scheidungskindgeschichte. So der erste Eindruck. Nach und nach entsteht eine Ahnung davon, wohin die Reise geht, und man erwacht mit einem Schmunzeln. Ein Geheimnis, das in einer emanzipierten Gesellschaft kein Geheimnis sein dürfte, führt in Metamorphose zu einer Traumatisierung, die nachdenklich macht. Ohne Pathos oder moralische Belehrungen wird hier vom Ungewöhnlichen erzählt, mit dem Effekt, Tabus infrage zu stellen.

Dabei verliert sich keine der Erzählungen in moralisierenden Phrasen, gerade weil die Protagonistinnen rebellisch sind. Sie brauchen unser Mitleid nicht, da sie sich kämpferisch in ihrem eigenen, authentischen way of life vorstellen, um nicht am „widerlichen Einheitsbrei“ (Katrin Schrocke, Ira) unserer heutigen Gesellschaft zu ersticken.

Die jungen Frauen bewahren Haltung in einem familiären Umfeld, von dem sie nicht akzeptiert werden, weil sie keine schönen Kirschköniginnen sein wollen, sondern lieber Hanteln stemmen und die mindestens genauso ruhmreiche Rolle der Lebensretterin spielen (Katrin Schrocke, Kirschkönigin).

Die Titelerzählung Unicorns don’t swim (Sabine Funder) ist für weibliche Computer-Geeks eindrückliches Sprachrohr. Durchwachte Nächte auch in Schulwochen gehören für Programmiererinnen dazu, wenn Einhörner nicht schwimmen können und weites Springen über Flüsse erst erlernen müssen:

„Als sie die Kekskrümel abstrich, die sich über Nacht auf Brust und Bauch angesammelt hatten, unterdrückte sie ein Gähnen. Ein rascher Blick in den Spiegel versicherte ihr, dass von dem Glas Nutella, das sie während ihres nächtlichen Programmiermarathons verschlungen hatte, keine verräterischen Spuren mehr zu sehen waren. Die Mundwinkel waren blitzeblank. Siiri fuhr sich einmal durch die raspelkurzen, blau-schwarz getönten Haare und dann war sie auch schon aus der Tür verschwunden.“

Auch in dieser Geschichte kämpft eine junge Frau darum, von den anderen so akzeptiert zu werden, wie sie ist. Es ist ein Glück, dass sich ihr Freund Paul, der mit „hellgrün lackierten Fingernägeln“ Drachen für ein Computerspiel zeichnet, mit ihr zusammen in der Klasse sitzt, und sich solidarisch auf ihre Seite stellt.

Überhaupt spielt freundschaftliche Solidarität in fast allen Geschichten eine große Rolle. Egal ob man sich gegen die Berufserwartungen der Eltern stemmen muss, um seine eigene Identität entwickeln zu können (Antonie Parteil, Hellhelden), oder ob die Utopie geträumt wird, dass es irgendwann einen heimatlichen Ort gibt der, „zwischen entweder und oder“, bestehen darf (Corinna Waffender, Alles, was ich will). Immer ist da zumindest eine Bezugsperson, die die andere oder auch den anderen in seinem Entwurf unterstützt.

Die Journalistin und promovierte Philosophin Carolin Emcke thematisierte vor ein paar Jahren in ihrem autobiographisch gefärbten Buch Wie wir begehren das Schicksal eines Heranwachsenden, der an seiner Homosexualität zerbricht, weil er keinen Halt in einer Gruppe oder auch einem anderen Menschen findet. Aus diesem Grund entwickelt sich die gesellschaftliche Norm, hetero sein zu müssen, zu einer unüberwindbaren, selbstzerstörerischen Macht.

Die Texte der Anthologie hingegen begeben sich, wie bereits betont, nicht (mehr) auf eine mögliche Opferebene, sondern erzählen mit einer Selbstverständlichkeit von gesellschaftlich immer noch wenig etablierten Verhaltens- und Lebensweisen. Effekt ist hierbei, dass die innere, oft künstlich aufrecht erhaltene Grenze zwischen dem Eigenen und dem Fremden verschwimmt, ohne dass die Leser/innen es bewusst bemerken.

Wir bräuchten viel viel mehr solcher Stimmen – gerade auch für den Schulunterricht – um auf subersiv-spielerische Weise, früh anerzogene Erwartungen an Geschlechterrollen zu hinterfragen und Lebensentwürfe aus ihrem unfreien Korsett immer wieder reproduzierter Normen zu befreien.

Ronja von Rönne muss sich für diese anderen Erzählungen, diese anderen Geschichten von Frauen, nicht interessieren, weil sie der Feminismus nicht interessiert. Es ist nur schade, weil der Feminismus intelligente Frauen und Männer prinzipiell eigentlich braucht, damit alle Formen von Wirklichkeit zusammen das eine Ziel verfolgen können:

sich frei zu fühlen im eigenen Lebensentwurf, weil er der eigene sein darf.

 

 

 

In der Wildnis weise. Jocelyne Saucier. Ein Leben mehr.

Jocelyne Saucier. Ein Leben mehr.

Jocelyne Saucier. Ein Leben mehr.

Geschichten über starke Männer in der Wildnis, die sich auf die eine oder andere Art beweisen möchten, kennt man zur Genüge. Auch Leonardo di Caprio musste sich für den Oskar in „The Revenant“ vor kurzem ordentlich im Dreck und Blut suhlen, um endlich die begehrte Trophäe zu bekommen. Eine magische, archaische Anziehungskraft scheinen diese Helden auf ihre Rezipienten zu haben – von Odysseus bis heute wiederholen sich Erzählmuster, die sich ins kulturelle Gedächtnis einbrennen.

Aber was ist eigentlich mit den Heldinnen? Das sind oft die wartenden, klug-geduldigen Wesen am Spinnrad (Penelope). Diejenigen, die darauf hoffen, dass ihr Held sie unversehrt, nach all den abenteuerlichen Eskapaden in die starken Arme schließt. Irgendwie unbefriedigend – dachte sich vielleicht auch die kanadische Autorin Jocelyne Saucier, und siedelte ihren Roman zwar gleichfalls im Heldenreich an, aber in einem eher unpopulären. Helden sind hier die Menschen, die gerade niemandem mehr etwas beweisen müssen, und sich trauen, dazu zu stehen. Drei alte, wirklich alte, also über achtzigjährige Männer, sind in „Ein Leben mehr“ zunächst die Protagonisten. Sie haben sich in die Wildnis zurückgezogen, weil sie Angst haben, ihre Freiheit zu verlieren. Genauer formuliert es Tom, einer der „alten Helden“:

„Man ist frei, meine Schöne, wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt.“

ergänzend dazu Charlie, sein Freund in der Wildnis:

„Und wie man stirbt.“

Humorvoll vorgetragen werden diese Weisheiten einer Fotoreporterin, die Bilder von den Überlebenden der großen kanadischen Waldbrände Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts (Norden von Ontario) schießen möchte, und die Männerrunde eines Tages stört. Sie hat sich von den falschen Wegbeschreibungen des Aussteigerfreundes nicht beirren lassen, ist wie eine echte Jägerin ihren Instinkten gefolgt. Auch wenn die Greise von der Regierung längst für tot erklärt worden sind, für diese Frau sind sie durchaus sichtbar, und vor allem riechbar:

„Es war der Geruch von Waldmenschen, der Mief von Männern, die seit Jahren keiner Dusche oder Badewanne nahe gekommen waren. In ihren Hütten roch es nach ungewaschenen Körpern und ranzigem Fett, weil sie sich hauptsächlich von Wild ernährten, gebraten oder als Eintopf, ein Fleisch, dem man viel Fett beigeben muss, es roch nach dem Staub, der in dicken Schichten auf allem lag, was nicht regelmäßig bewegt wurde, und es roch nach trockenem Tabak.“

Mit dem Eintreffen der Fotographin, die die Held/innengeschichte auch erzählt, sie aufspürt, verändern sich die geschlechtlichen Konstellationen. Da ist plötzlich eine Frau, die sie nicht nur genau anschaut, sondern mit der Kamera ablichten möchte. Selbst als sie ihr erklären, dass der Überlebende, Ted, den sie sucht, vor kurzem verstorben ist, lässt sie sich nicht verscheuchen.

Ihre Leidenschaft sind die Gesichter alter Leute, sie kann nicht von ihnen ablassen, ist immer auf der Suche nach neuen Motiven:

„Sie liebte ihre brüchigen Stimmen, ihre verlebten Gesichter, die langsamen Bewegungen, ihr Zögern, wenn ihnen ein Wort nicht einfiel oder eine Erinnerung sich nicht greifen lassen wollte. Die Fotografin liebte es, wie die Alten auf dem Strom ihrer Gedanken dahintrieben und manchmal mitten im Satz einschliefen.“

Aber wahrscheinlich wäre sie nicht so häufig im Camp aufgetaucht, wenn nicht plötzlich eine weitere, auch sehr alte Frau dort eingetroffen wäre. Eine „Wahnsinnige“, die in Wirklichkeit einfach nur „eine allzu große Traurigkeit“ in sich trägt. Eine Traurigkeit, die der Gesellschaft das Recht gibt, sie ihr Leben lang in die Psychatrie zu sperren, weil sie nicht der Norm entspricht.

An diesem seltsamen  „Geschöpf der Lüfte“ entspinnt sich der eigentliche, existenziell tiefgehende Strang der Geschichte; daran wie äußere Gesetze verhindern können, dass sich der Mensch in seiner andersartigen Einzigartigkeit zeigt. Genau diesen Raum bekommt die alte Dame, die eine „apokalyptische Schönheit“ in sich trägt, und deren Blick auf die Dinge nie normal, d.h. oberflächlich ist, bei den Männern in der Wildnis eingeräumt. Sie schützen und bewahren ihren zerbrechlichen Schein und bekommen dafür mehr zurück, als sie sich jemals hätten erträumen können.

Aber auch das Leben in der Wildnis verliert seinen Reiz, wenn man irgendwann alleine mit ihr kämpft. Gerade die Winter in den kanadischen Wäldern sind hart, und die Kräfte der starken Männer nehmen stetig ab, weil der altbekannte „Freund“ Tod zwar noch geduldig wartet, aber präsent ist, und sein Recht über kurz oder lang einfordern wird:

„Am Ufer steht eine Gestalt und sieht ihnen nach. Der Tod hat alle Zeit der Welt. Sollen sie ruhig hoffen, ihm zu entkommen. Er wird sie schon noch kriegen.“

Manche Dinge müssen an die Öffentlichkeit, besondere Geheimnisse zum Beispiel, weil sie sonst nicht wirken können. Deswegen ist die Fotoreporterin die eigentliche Heldin, indem sie der Nachwelt etwas überliefert, wovon nachfolgende Generationen neue Kräfte tanken können. Sie fügt mit Hilfe der alten Frau mit dem besonderen Blick, Puzzle für Puzzle eines Rätsels zusammen, das die kanadischen Wälder sonst begraben hätten:

Die Geschichte einer unsterblichen Liebe in Bildern.

Für die Leser/innen bleibt nach der Lektüre dieses, auch sprachlich beeindruckenden Romans, vielleicht die Bestätigung für einen zeitweilig auftauchenden Wunsch, der von einem Mann auf einer Bank im High Park geäußert wird:

„Er wünsche sich fort, weit fort, er wolle mit all dem nichts mehr zu tun haben, wolle sich einfach irgendwo verkriechen, wolle nichts mehr erklären müssen. Er sei erschöpft. Von der Arbeit, der Verantwortung, den Erwartungen. All das erklärte er der Fotografin matt, während sie ein Stück Brot aus der Tasche zog und die Tauben fütterte. Ich würde am liebsten verschwinden, sagte er, unsichtbar sein, für niemanden mehr existieren.“

Die leeren Hütten am See im Wald werden sich also auch in der Gegenwart wieder mit Held/innen füllen. Bleibt zu hoffen, dass auch über ihre Existenz weiter berichtet wird, damit die Möglichkeit, anders zu leben als andere, immer wieder aufscheint. Am liebsten natürlich dann doch zu zweit, damit man nicht wie der Held im Film „Into the Wild“ einsam im Schnee erfriert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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