Sexuelle Selbstermächtigung? Svenja Flaßpöhler. Die potente Frau.

Zwei Jahre ist es her, dass die #metoo-Debatte im Zuge des Weinstein-Skandals hohe Wellen, vor allem in den sozialen Netzwerken, schlug. #Metoo erfuhr daraufhin zahlreiche intellektuelle Verarbeitungs- und Interpretationsversuche von Autorinnen und Autoren, die mich entweder wegen ihrer Substanzlosigkeit ratlos zurückließen (Jagoda Marinic, Sheroes), oder wütend machten (Svenja Flaßpöhler, Die potente Frau). Auf die Autorin Marinic möchte ich nicht weiter eingehen, weil ihr einziger Punkt derjenige ist, dass sie die #metoo Debatte als positiv bewertet und in sehr naivem und wenig reflektierten Duktus zum Dialog, auch mit den Männern, aufruft. Immerhin lädt sie in ihrer knappen Abhandlung dazu ein, offen über Geschlechterrollen und Macht zu sprechen.

Flaßpöhler bezeichnet die Debatte als Rückschritt. In ihrem Vorwort zu Die potente Frau plädiert sie dafür, dass die moderne Frau von heute doch endlich aus ihrer Opferrolle heraustreten solle, um als das zu erscheinen, was sie sei. Die potente Frau ist eine Möglichkeit. Warum ergreifen wir sie nicht? Flaßpöhlers Grundannahme ist, dass heutzutage nicht mehr in jedem Chefsessel ein Harvey Weinstein sitzt, womit sie sicher milieuspezifisch recht hat. Doch selbst wenn sich zumindest in der Filmbranche etwas geändert hat, wie sieht es in weniger privilegierten Milieus aus, wie zum Beispiel in der Reinigungsbranche? Die Philosophin blendet in ihrem Text gesellschaftliche Gruppen und damit die hart arbeitenden Frauen aus, die außerhalb ihrer akademisch-elitären gedanklichen Reichweite liegen. In Fleischmarkt setzt die Feministin Laurie Penny berechtigterweise ganz andere Akzente. Einen Großteil der Drecksarbeit auf der Welt verrichten immer noch Frauen. Sie arbeiten ohne Bezahlung (Hausarbeit), oder völlig unterbezahlt, zum Beispiel für einen Reinigungsdienst. Auch Penny spricht von der Möglichkeit, der Macht der Frau, sich gegen diese Missstände in der Theorie (!) zu wehren. Sie nennt dies das Recht auf Verweigerung, das jedoch dadurch in der Praxis selten ausgeübt wird, weil seine Möglichkeit gesellschaftlich geleugnet wird und zwar ganz konkret dadurch, dass diesen Frauen ihr Lohn, also das, was sie zu anerkannten Menschen macht, vorenthalten wird. Letztlich fehlt den Frauen das Selbstbewusstsein ihre Rechte einzufordern, weil sie im Kapitalismus wie Sklavinnen gehalten werden.

Flaßpöhler argumentiert phänomenologisch, hat nicht den wirtschaftlich marginalisierten (äußeren) Körper der Frau im Blick, auf dem gesellschaftlich bedingte Kämpfe ausgetragen werden, sondern die sogenannte Leiblichkeit, das subjektive Empfinden durch Erfahrungen. Mit dem Philosophen Thomas Nagel stellt sie fest, dass sich Männer als Männer empfinden und Frauen als Frauen. Fremdpsychisch ist es weder für den Mann noch für die Frau möglich, das innere Empfinden des anderen nachzufühlen und zwar genau so, wie es tatsächlich ist. Soweit so gut.  Flaßpöhler schlussfolgert allerdings daraus, dass diese geschlechtsspezifischen eigenen Erfahrungen der Frau, zum Beispiel das Wissen um die Möglichkeit, ein Kind zu gebären, ihr letztlich, wenn sie nur will, das Vermögen gibt, sich gegenüber der Männer zu behaupten.

Es stimmt natürlich, dass genau diese Macht („mater semper certa est“) bereits vor Jahrhunderten bei den Männern eine panische Angst ausgelöst hat und zu paternalistischen Reaktionen führte. Problematisch ist aber hier, dass sie die Selbstermächtigung der Frau einzig und allein über ihre geschlechtliche Potenz beschreibt. Diese innerlich versteckte, ganz eigene Kraft, die kein Mann besitzt, gibt der Frau nach Flaßpöhler die Freiheit, sich in einer bedrängenden Situation zur Wehr zu setzen:

Wenn ich mich belästigt fühle, dann bin ich – in der Regel – der Situation keineswegs ausgeliefert. Ich kann kontern oder auf charmante Weise zum Ausdruck bringen, dass ich kein Interesse habe. Ich kann es ablehnen, ein Bewerbungsgespräch im Hotelzimmer zu führen. Ich kann, wie man so schön sagt, einen Mann vor den Kopf stoßen, indem ich seinem Willen nicht entspreche.

Hier bekommt man den Eindruck, Frau Flaßpöhler betrachte vor allem sich selbst. Als Phänomenologin müsste sie aber immer auch den erkennenden Blick auf die Welt und ihre Erscheinungen darin richten. Sicher sind es gutgemeinte Sätze, die eine positive Erzählung über die Zukunft der Frauen einläuten sollen. Flaßpöhler möchte, dass wir uns abwenden von den Opfererzählungen der Vergangenheit, denn nur dann wird die Frau dem Mann ebenbürtig und kann Angst in Lust verwandeln.

Doch ist sexuelle Selbstermächtigung wirklich die neue Weiblichkeit der Frau, die propagiert werden sollte?

Selbstermächtigung funktioniert doch vor allem über die – ich nenne das jetzt Potenz des Geistes – , darüber, dass ich als Kind die Möglichkeit erfahren habe, genug Bildung zu erhalten, um mich a.) verbal und zur Not auch mit Kampftechniken zu verteidigen und b.) mir deswegen gegebenenfalls einen anderen Job suchen zu können, wenn nämlich meine „charmante“ Verweigerung, mit dem Chef der Reinigungsfirma zu schlafen dazu führt, dass ich meinen Job verliere. Die ganz subjektive Empfindung meiner Gebärmutter führt hier keineswegs zu einer empowernden Handlung, sondern vielmehr zu einem tiefen Schwächeempfinden. Besitzt nicht der Verstand letztlich die stärkere Kraft? Und besteht nicht die Urangst vieler Männer bis heute darin, geistig von Frauen überholt zu werden? Ich für meinen Teil würde lieber über meinen vor Kraft sprühenden Geist wahrgenommen werden und diesen als kluge Waffe benutzen, als über meine sexuelle Potenz. Oft scheitere ich aber an der sozialen Wirklichkeit.

So schillernd wie grau. Katja Oskamp. Marzahn Mon Amour.

Füße erzählen Geschichten. Dabei sprechen Form, Abgenutztheit, Ästhetik erst einmal für sich. Aber auch ihre BesitzerInnen nutzen die Zeit gerne für einen Plausch mit derjenigen Person, die ihnen Gutes tut. Ob dieser Gedanke implizit Anreiz für die Autorin war, nach erfolgloser Verlagssuche für ihre Bücher, eine Ausbildung als Fußpflegerin zu absolvieren, oder doch die eigene midlife-crisis? Auf der Suche nach neuen Erfahrungen, um diese literarisch zu verarbeiten, sind alle guten Autorinnen und es ist ein kaum zu beschreibender Gewinn für die Literaturwelt, dass sich Katja Oskamp ausgerechnet in einem Fußpflegesalon im tiefsten Osten Berlins eingerichtet hat. Die tastenden, sensibel-fühlenden Hände dabei wohltuend auf den Füßen der Kundinnen und Kunden, die Ohren weit offen.

Es sind vor allem „reparaturbedürtige“ Kunden, die die Autorin bedient. Herr Paulke etwa, der bei „Autotrans“, einer der größten Speditionen der DDR, gearbeitet hat.  Menschliche, berührende Momente entstehen, in denen der Kunde mehr ist, als ein Stück Fleisch, das schnellstmöglich und zeitlich effizient bearbeitet werden muss. Oskamp nimmt sich viel Zeit für ihre Begegnungen:

Ich cremte ihm an jenem Septembertag vorsichtig die Füße ein, zog die Handschuhe aus und Herr Paulke Socken und Schuhe an. Er stemmte sich aus dem Fußpflegestuhl. Ich hielt ihm beide Hände hin. Er legte seine hinein. Warme, schlaffe Haut. So angefasst standen wir einander gegenüber, blickten uns an. Es war schön. Es gefiel uns. Es diente auch, aber nicht nur zur Stabilisierung von Herrn Paulkes Kreislauf.

Grotesk-komische Szenen liefert die 65-jährige Frau Blumeier, eine frisch verliebte Rollstuhlfahrerin, der beim Sex mit ihrem Partner „dit Bette eingekracht“ ist. Schon kichernd kommt sie ins Fußpflegeinstitut, um dann irgendwann mit typisch Berliner Schnauze zu erzählen.

Ein Klischee über Marzahn, dass es hier nur so von ehemaligen SED-Funktionären und DDR-Bonzen wimmele, wird durch Herrn Pietsch bestätigt. Er ist „waschechter Parteifunktionär“. Ein einsamer Mensch, den sein autoritäres, machtsüchtiges Verhalten die Zuneigung seiner Frau und Kinder gekostet hat. Er ist auf der Suche nach einer Sexualpartnerin, hat dabei aber wenig Erfolg und versucht es bei seiner Fußpflegerin, weil sie eine „äroudische“ Ausstrahlung hat. Mit einem Piccolo und den Worten „Gute Arbeit, Genossin“ verabschiedet er sich jedesmal, trotz aussichtsloser Anmache denn: Er hat (immer noch) alles unter Kontrolle.

Der Zustand der Füße erzählt viel über das Leben derjenigen, die sie tagtäglich benutzen. Die Marzahner Füße der Kundinnen und Kunden, meist ältere, berichten von harter Arbeit. Ehemalige Krankenschwestern, wie Gerlinde Bonkat, ein „Flüchtling“ aus Ostpeußen, sind dabei. Erst war sie Sekretärin, dann arbeitete sie in einem Kinderheim. Nach der Wende nimmt sie für fünf Jahre bis zur Rente eine Stelle in Berlin Steglitz an, wird als Ostdeutsche diskriminiert. Einmal Flüchtling, immer Flüchtling. Erst zum Renteneintritt liest der Chef ihren beeindruckenden Lebenslauf. Sein Kommentar:

Sie sind ja überqualifiziert!

Das tut nicht weh, antwortet Frau Bonkat und verabschiedet sich.

Doch wieso gibt sich der Mensch überhaupt so viel Mühe mit seinem Äußeren? Zum wohltuenden Effekt einer Fußmassage, gesellt sich jedenfalls immer auch die Ästhetik. Füße, Zehennägel, sind aber doch die meiste Zeit in Schuhen versteckt. Trotzdem dekoriert Oskamps Kollegin Flocke diese mit einer Leidenschaft, die die Autorin sich folgendermaßen erklärt und es sind Sätze wie diese, die dem Buch poetische Tiefe geben:

Vielleicht konzentriert sich manchmal die Schönheit dieser Welt auf einem einzigen Fingernagel.

Die Geschichten, die schlaglichtartig unterschiedlichste Menschen im Alter zwischen 50 und 90 beleuchten, kann man sich gut auf der Leinwand vorstellen. Ein Paul Auster („Smoke“) im Fußpflegesalon wäre das dann. Sie suggerieren, dass der Mensch doch eigentlich nicht viel im Leben braucht, um zufrieden zu sein, es reichen : Zuwendung, Wärme, Gespräche und: alle sechs Wochen eine gute Fußpflege.

Marzahn mon amour ist eine ganz besondere Liebeserklärung, denn er räumt mit Vorurteilen gegenüber einem Stadtteil Berlins auf, dessen Charme sich jenen offenbart, die genau hinschauen und gut zuhören können, die hinter den Betonschichten nach vergrabenen (Lebens-)erinnerungen forschen, sich nicht durch farblose Oberflächen abschrecken lassen.

Die Erzählungen der BewohnerInnen, die sich dem aufmerksamen Ohr offenbaren, sind so schillernd, wie das Mauerwerk der Plattenbausiedlungen grau ist.

Anschreiben gegen den Verrat. Annie Ernaux. Der Platz.

Ein rätselhafter Satz von Jean Genet befindet sich auf der ersten Buchseite von Der Platz, der Autorin Annie Ernaux:

Ich wage eine Erklärung: Schreiben ist der letzte Ausweg, wenn man einen Verrat begangen hat.

Erst nach und nach lässt er sich in Bezug zum beschriebenen Geschehen setzen, das in der Rahmenhandlung die Emanzipationsgeschichte der Protagonistin aus der Arbeiterschicht heraus in die Akademikerklasse erzählt. Genauer betrachtet, geht es um den Verrat am Vater, für den sie sich als junge Frau vor ihren gebildeten Freundinnen schämt, weil er einen Dialekt spricht, der ihn als unterprivilegierten Menschen entlarvt. Ein Verrat an ihrer Herkunft, eine Entfremdung von ihren Eltern, die wollten, dass sie es einmal besser haben würde und sie deswegen in der Schule lernen ließen, anstatt ihr früh eine Lehrstelle zu besorgen, wie es andere taten im Ort.

Aber die junge Frau merkt: je mehr sie sich an Bildung aneignet, umso fremder wird sie den Eltern, insbesondere dem Vater, weil sie eine andere Sprache sprechen. So wird sie zu ihrem eigenen Wohle dazu erzogen, nicht mehr „dort“ dazuzugehören, ist bald überzeugt davon, dass „seine Wörter und Gedanken auf den roten Samtsofas“ der Schulfreundinnen nichts mehr wert sind. Dies führt zu Konflikten im Alltag, in denen der Vater der Tochter verbal unterlegen ist:

„Beim Essen brach wegen jeder Kleinigkeit Streit aus. Ich glaubte immer Recht zu haben, weil er nicht diskutieren konnte. Ich kommentierte, wie er aß oder sprach.“

Nun, Jahre später, ist er tot, liegt aufgebahrt in seinem Bett. Sein Kampf ist zu Ende. Denn zeitlebens war er darum bemüht, in eine anerkanntere Gesellschaftsschicht aufzusteigen, hat sich krumm gearbeitet, um kein einfacher Arbeiter mehr zu sein. Seiner Tochter ermöglicht er die Bildung, die er selbst nicht hatte – obwohl sich sein Kind mit jedem neu erworbenen Wissen mehr und mehr von ihm entfernt.

Sie selbst beschreibt ihren Bewusstseinszustand als ambivalenten, in die alte Welt gehört sie nicht mehr, betrachtet sie mit den Augen einer verbeamteten Lehrerin. In der neuen, akademischen Welt meint sie trotzdem in manchen Momenten immer noch, „da“ gar nicht hingehören zu dürfen. „Wut und Scham“ vermischen sich in ihr noch nach der Zeremonie der Verbeamtung, wie damals, als sie in einem Schulferienlager als Betreuerin Entscheidungsfreiheit schnuppern durfte und sie sich nach dem Eintreffen ihrer provinziellen Eltern plötzlich nicht mehr vorstellen kann, einmal auf die Universität gehen zu dürfen.

Die Scham des Vaters wiederum macht ihn einerseits zu einem Menschen voller Antrieb und der Überzeugung, durch Fleiß und Redlichkeit ein besseres, leichteres, bequemeres Leben führen zu können. Er eröffnet einen eigenen Krämerladen, wird Kleinunternehmer. Andererseits kann er seine Sprache und damit sein ganzes Auftreten, seine eigene Sozialisation nicht einfach ablegen. Auch mit dem besten Sonntagsanzug rutschen ihm Worte heraus, die in Akademikerkreisen unbekannt sind oder gar nicht erst ausgesprochen werden. Schon die überhöflichen Bemühungen seinerseits, Besucher zu empfangen und sich dabei von der besten Seite zu zeigen, entlarven ihn als Arbeiter, der versucht, den gesellschaftlichen Makel zu überspielen.

Mit ihrer besonderen Art autobiografisch zu schreiben, inspiriert Annie Ernaux Autoren wie den Soziologen Didier Eribon (Rückkehr nach Reimes) oder literarische Youngster wie Edouard Louis (Das Ende von Eddy), nicht zuletzt, weil beide – wie Annie Ernaux – über ihre Herkunft aus dem Arbeitermilieu schreiben. In Deutschland wenig beachtet, wurde sie dem Publikum allerdings erst 2017 mit Die Jahre bekannt, nachdem sich die bereits genannten Autoren in ihren autobiografischen Bestsellern auf die Autorin bezogen. Das im März 2019 bei Suhrkamp erschienene schmale Bändchen Der Platz, ist bereits 1984 in Frankreich gedruckt und mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet worden.

Wie umgehen mit dem gefühlten Verrat? Weil Vater und Tochter keine gemeinsame Sprache miteinander haben, gibt es für die Tochter nur einen Ausweg. Sie muss über das Leben schreiben, das sie zurückgelassen hat, nicht zuletzt, weil sie das besonders gut kann, da sie beide „Sprachen“ kennt. Nachdem der Vater aufgebahrt vor ihr liegt, weiß sie, dass sie irgendwann den Versuch unternehmen wird, die hilflose Leere mit Worten zu füllen, um den Verrat an den eigenen Eltern besser verstehen zu können, das Leiden an ihm auszuhalten.

Das gelingt der Autorin in einer ungemein berührenden Sprache, obwohl ihr Ton ein sachlicher ist. Kurze, eindrückliche Sätze, von denen keiner überflüssig ist, machen die Gefühlsleben derjenigen Menschen intensiv nachvollziehbar, von denen man selten wirklich etwas erfährt, weil es dafür Autorinnen wie Annie Ernaux braucht und sie systembedingt immer noch selten zu finden sind.

 

(K)ein Merkmal unter vielen. Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Dilek Güngör. Ich bin Özlem.

Ich bin Özlem. So heißt der neue Roman von Dilek Güngör und behauptet mit diesem doch klaren Statement etwas, was völlig unklar ist. Die Ich-Erzählerin weiß nämlich überhaupt nicht, wer sie ist, sondern nur, dass sie in der Wahrnehmung ihrer deutschen FreundInnen und Bekannten etwas ganz Bestimmtes sein soll. Die Türkin, die gut kocht zum Beispiel, denn Özlem kann das, weil ihre Mutter es ihr beigebracht hat. Özlem kocht auch gerne, sie leidet nur darunter, dass ihre besonderen Fähigkeiten sie in den Augen der Anderen auch noch zu derjenigen machen, die weiß, wie die Linsensuppe gegessen werden sollte. „Isst man das so, ja?“, wird sie etwa von ihrer Freundin Eva gefragt, die das nur nett meint, aber Özlem damit nervt. Denn Özlem ist in Deutschland aufgewachsen und kennt die Türkei nur von Urlaubsbesuchen. Ihr Türkisch ist schlecht, Deutsch spricht sie hingegen perfekt, sie arbeitet in einer Lernschule für MigrantInnen.

Dennoch muss sie sich immer rechtfertigen für das, was sie tut. Zum Beispiel, warum sie ihrer Tochter den typisch deutschen Namen Emilia gegeben habe, und nicht etwa einen türkischen. Özlem gefiel der Name Emilia, ganz gleich, woher er kommt.

Der Roman ist voller solcher Konfliktfelder, von denen eine zutiefst gekränkte Ich-Erzählerin in eindrücklich-nüchternem Tonfall berichtet.

Dabei ist die eigene Befreiung aus den Zuschreibungen der Anderen noch schwieriger als zunächst angenommen, weil das Gefühl dieser Festlegung paradox ist. Sie ist verhasst und gleichzeitig verspricht sie Bodenhaftung in einer Welt, die über feste Zuschreibungen funktioniert.

Wer ständig immer auch-als-Türkin angesehen wird, macht sich automatisch immer wieder zur Türkin, weil es die beruhigende Sicherheit verspricht, genau definierbar zu sein. Wie eine Verkleidung stülpt sich Özlem deswegen ein Klischee über Türkinnen nach dem anderen über. Auf der Gartenparty von Johanna, einer (auch) akademischen Freundin Özlems, bringt sie selbstverständlich Börek mit:

Was bringt Özlem mit? Börek mit Spinat. Meine Mutter hat nie Börek mit Spinat gemacht. Niemand erwartet von mir, dass ich etwas Türkisches mitbringe, aber für mich ist das logisch, Türkin bringt türkisches Essen mit und alle wollen das Rezept. Dabei habe ich mir das aus einem Kochblog rausgeschrieben.

Özlem passt sich an, hat sich von kleinauf angepasst, versucht es allen recht zu machen, um nicht negativ aufzufallen. Denn schon als Kind musste sie Rassismuserfahrungen über sich ergehen lassen, im Schulbus war sie diejenige, über die gelacht wurde, weil sie als Türkin ja sicher Knoblauch esse und deswegen „stinke“. Doch der älter werdenden Özlem fällt es immer schwerer, in bestimmten Situationen den Mund zu halten, in denen Widerstand geleistet werden müsste.

Erste Anzeichen einer Revolte beginnen im Supermarkt, lange herbeigesehnt, weil man den Leidensdruck der Protagonistin mehr und mehr spürt, beim Lesen die Passivität ihrer bloßen Gedanken kaum mehr erträgt. Eine Kassiererin äußert einen Spruch über Ausländer, locker dahergesagt, von ihr natürlich „nicht so gemeint“. Özlem steht an der Nachbarkasse, die Tränen kann sie schon lange nicht mehr zurückhalten und als sie von der Kassiererin gefragt wird, warum sie weine, bricht es aus ihr heraus. Endlich. Sie beginnt zu diskutieren, sich zu wehren, obwohl sie selbst ja nicht gemeint war. Weil sie zu den guten, integrierten Ausländern gehört, die Bioprodukte kaufen und „mit einem Deutschen verheiratet“ sind.

Nach diesem Ausbruch kann Özlem nicht mehr zurück in ihr Schneckenhaus. Sie konfrontiert auch ihre biodeutschen Freunde mit deren scheinbar unschuldig herausgeplauderten Vorurteilen über Türken und Araber, hält derem dekadenten Gequatsche einer privilegierten Oberschicht den Spiegel vor. Besonders viel Unverständnis für ihre Kritik erntet sie dabei bezeichnenderweise von Ralf, dem Mann einer ihrer Freundinnen. Ein weißer deutscher Mann aus der Akademikerschicht klärt Özlem über ihr Fehlverhalten auf, ist der geile „Kerl, der die Wahrheit ans Licht bringt“.

Die eigentliche, tiefe Kränkung Özlems besteht aber darin, dass ihre Freundinnen nicht begreifen was es heißt, mit Diskriminierungserfahrungen aufzuwachsen. Denn sie halten sie, statt ihre Reaktion zu verstehen, für empfindlich, weil sie nicht wissen, was es bedeutet, immer wieder auf eine bestimmte Kultur oder aber auch „irgendwo dazwischen“ eingeordnet zu werden. Selbstreflexiv befragt Özlem hingegen sich selbst, sucht auf eine zermürbende Art Fehler bei sich, um zu dem Schluss zu kommen, dass die paternalistische Macht der Fragenden nur schwer durchbrochen werden kann:

Wäre es möglich, das Türkische an oder in mir oder wo immer es ist, zu behandeln wie ein Merkmal unter vielen, anstatt mein ganzes Wesen davon durchwachsen zu lassen? Wie denn, wenn immer alle fragen?

Man möchte Özlem zurufen, dass sie zumindest nicht alleine dasteht mit ihrer Kritik an der Gesellschaft, sich immer mehr zugleich oft auch feministische Stimmen mit mehrkulturellen Erfahrungen formieren, die sich in Romanen oder literarischen Essays zu Wort melden,  feste Identitäten prinzipiell infrage stellen und der „elenden Herkunft“ entkommen. Enis Maci und Ferda Ataman sind nur zwei davon.

Das Böse ausräuchern. Glorreiche Ketzereien. Lisa McInerney.

McInerney. Glorreiche Ketzereien.

Am Anfang des Romans Glorreiche Ketzereien, der irischen Autorin Lisa McInerney, steht eine alte, (noch) unwissende Frau. Im Affekt erschlägt Maureen, vom Leben hart gebeutelt, einen Einbrecher in ihrem Haus mit einer Devotionalie und löst damit ein Schneeballsystem verhängnisvoller Ereignisse aus.

Ihren Sohn Jimmy, den sie als uneheliches Kind nicht selbst hat großziehen dürfen und mit dem sie erst seit kurzem in Kontakt steht, beauftragt sie mit der Beseitigung der Leiche.  Dem Schwerverbrecher und uneingeschränkten Herrscher über die krummen Geschäfte in der Kleinstadt Cork City, gelingt es zwar, den toten Körper verschwinden zu lassen, nicht aber die Schuldgefühle seiner Mutter.

Hier wird ein Motiv eingeführt, das den Roman fortan durchzieht: Der Sündenfall, insbesondere derjenige der weiblichen Figuren. Im Gegensatz zu den männlichen werden sie von den Moralvorstellungen der katholischen Kirche regelrecht verfolgt, bis sie begreifen, dass sich die Kirche ihre Sünder schafft, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.

Diese Erkenntnis, ausgesprochen von Maureen, erinnert an den kürzlich angelaufenen, beeindruckenden Dokumentarfilm #Female Pleasure, in dem eine Novizin einer Oberin ihre Vergewaltigung durch einen vorgesetzten Geistlichen schildert und diese nicht etwa den Täter anzeigt, um den Skandal öffentlich zu machen, sondern der Novizin die Sünde großmütig „vergibt“.

Die Kirche als moralische Instanz schwebt über der Handlung wie ein Damoklesschwert, denn sie ist es, die das Unheil bringt. Anstatt den Säufern, prügelnden Vätern und gefallenen Mädchen Halt zu geben, droht sie mit Verdammnis, wenn die Schäfchen nicht Buße tun.

Sündige Engel, denen niemand beisteht, sind prädestiniert dafür, immer weitere Fehler zu machen, zum Beispiel die falschen Fragen an die falschen Leute zu richten. Menschliche Fragen, die dazu führen, dass an einem schnell vertuschten Verbrechen plötzlich mehr Schicksale hängen, als denjenigen lieb ist, die es verursacht haben.

Maureen realisiert allerdings recht bald, dass nicht nur die katholische Kirche verantwortlich ist für zerbrochene Lebensentwürfe, sondern die Frauen untereinander dazu beitragen, unglücklich zu werden. Nach Maureen, der in der Story mehr und mehr Erleuchteten, existieren verschiedene Kategorien von „Frau“ gegen die es zu rebellieren gilt, anstatt sie untereinander immer wieder selbst zu bestätigen:

Das („Kategorien“) sind die Mütter. Die Biester. Die Ehefrauen. Die Freundinnen. Die Huren. Frauen haben nichts gegen eine solche Einteilung, solange sie nur zur richtigen Gruppe gezählt werden. Und alle sehen auf die Huren herab.

Nach dieser Erkenntnis begreift zumindest eine Figur, wie sich das Böse ausräuchern lässt, ohne dabei Unschuldige zu verletzen. Ein Leben für ein Leben, so lautet Maureens einleuchtende Kalkulation, die eine Möglichkeit ist, aus dem Teufelskreis herauszukommen, der durch Schwarz-Weiß-Malereien entsteht. Nicht zuletzt aus dem eigenen.

Der vielschichtige, meisterinnenhaft komponierte Roman erzeugt nicht nur durch den Plott eine soghafte Wirkung, sondern wirft gleichzeitig einen aktuellen Blick auf die irische Gesellschaft, die sich seit den Kindheitserinnerungen des Bestsellerautors Frank McCourt (Die Asche meiner Mutter) positiv verändert haben müsste. Themen wie (soziale) Armut, Drogen und Gewalt in der Familie, denen Staat und Katholizismus machtlos gegenüberstehen, erzählen allerdings von einem krisengeschüttelten Land, dessen Probleme Europa egal zu sein scheinen.

Der Raum, in dem sich Einzelschicksale poetisch zu einem großen, zusammenhängenden Ganzen vermischen, ist Cork City. Eine schlafende, unparteiische Kleinstadt, die keine Notiz nimmt vom alltäglichen Wahn, weil sie als bloße Hülle funktioniert, in dem das Atmen, Pulsieren, Schlucken, Schwitzen, die Qualen und Wonnen von hunderttausend kleinen Leben stattfindet.

Mein Blick zurück. Erinnerungen an den Autor Wilhelm Genazino.

Wilhelm Genazino. Das Licht brennt ein Loch in den Tag.

Ich erinnere mich, wie ich mit Anfang 20 ein schmales Bändchen mit dem rätselhaften Titel: Das Licht brennt ein Loch in den Tag geschenkt bekam. In ihm beschrieb der Autor Wilhelm Genazino, den ich aufgrund seines Namens erst für einen Italiener hielt, einen Ich-Erzähler, Herrn W., der sich wünscht, seine Erlebnisse mündlich und in Briefen seinen Freunden mitteilen zu dürfen. Er hat Sorge, dem Verlust des Gedächtnisses sonst nicht entgehen zu können und hofft, die anderen würden ihm irgendwann dabei helfen, die eigenen biographischen Gedächtnislücken zu schließen. Der Text faszinierte mich, ohne dass ich damals hätte sagen können, was daran genau.

War es der männliche Blick des Protagonisten auf seine Umgebung, die Tatsache, dass ich so schonungslos genau durch die Bewusstseinsbrille einer Figur schauen durfte, um in ihren nicht enden wollenden Selbstreflexionen abzutauchen?

Nur ein paar Jahre später stand mir der Autor als Kunde in der Karl-Marx-Buchhandlung, in Frankfurt-Bockenheim, gegenüber. Seine sonst weiche Körpergestalt hatte etwas Quadratisches und die leise Stimme mit dem Mannheimer Singsang darin, passte nicht zu ihr.

Von Anfang an bekam ich den beunruhigenden Eindruck nicht los, von seinen wachen, schelmischen Augen beobachtet zu werden. Dass er mich, die Angestellte, betrachtete, um vielleicht doch einmal eine Protagonistin anstelle eines Protagonisten auszuwählen, eine weibliche Arbeitnehmerin, die er in den Unzumutbarkeiten der eigenen Existenz schlafwandeln ließ. Romane erschienen in regelmäßigen Abständen von ihm und ich war immer erleichtert, wenn die Überprüfung der Verlagsvorschauen bestätigte, dass er sich doch wieder für einen Mann „mittleren Alters“ entschieden hatte. Gemischte Gefühle überfielen mich dennoch immer wieder, wenn er plötzlich mit einem seiner Bestellzettel an die Ladentheke trat, ihn mir in die Hand drückte und ich nie ganz einschätzen konnte, was er als nächstes sagen würde, was er wirklich dachte und vor allem, was er sah, wenn er mich anlächelte.

Um mein Unbehangen ihm gegenüber loszuwerden, denn ich mochte ihn sehr, schätzte seine Romane, begann ich, zurückzublicken, Eindrücke über ihn durch zufällige Begegnungen mit ihm zu sammeln. Denn der immer wieder als Flaneur bezeichnete Büchner-Preisträger spazierte nicht nur gerne durch die Gegend. Ich entdeckte ihn zum Beispiel oft donnerstags auf dem Wochenmarkt an der Bockenheimer Warte, wie er genüsslich und in seiner unverkennbar langsamen Ruhe Kartoffelpuffer aß. Dabei beobachtete er wiederum die Spatzen, die in seiner Umgebung auf kleine, aber fettige Happen von seinem Teller hofften.

Auch erinnere ich mich, wie ich ihm dort immer wieder zufällig an der U-Bahn-Station begegnete. Was er hier wohl tat, er, der Fußgänger? Manchmal sprachen wir ein paar Worte miteinander. Dass er die Mäuse in den Schächten für seinen nächsten Roman inspiziert hatte – das erzählte er mir allerdings nie.

Mein ungutes Gefühl, seinem Schriftstellerblick ausgeliefert zu sein, verbesserte sich durch die Gewissheit, dass auch ich ihn betrachten konnte, ich seinem Blick nicht mehr ungeschützt ausgeliefert war. Wirklich änderte daran aber insbesondere eine Begegnung:

Als Stammkunde der Karl-Marx-Buchhandlung gab Wilhelm Genazino dort oft Buchpremieren, noch bevor er im Literaturhaus Frankfurt aus seiner Neuerscheinung las. An einem dieser Leseabende sagte er, als er mir die Hand zum Gruß schüttelte nicht etwa „Guten Abend“, sondern „Sie sind schön“. Der Satz kam ihm so spontan beiläufig über die Lippen, als hätte er gerade den Anfang eines neuen Romans ausgesprochen, die ersten paar Worte. Als hätte er erfahren wollen, wie sie aus seinem Mund heraus in diesem Moment klängen und als würde es ihm um die Frage gehen, ob sie für den richtigen, typischen Genazino-Sound überhaupt taugten. Erleichtert durch diese Erkenntnis hatte ich nie wieder Sorge, in seinen Texten sichtbar verarbeitet zu werden, weil mir bewusst wurde, dass er in erster Linie die Sprache beobachtete und die Objekte oder Subjekte sich ihrer Ästhetik anpassen mussten.

In einem unbemerkten Moment steckte ich intuitiv wie zur Bestätigung meiner Eindrücke einen Bestellzettel von ihm in meinen eigenen Notizblock, auf dem er in fein säuberlicher Schrift Autor, Titel, Verlag und Erscheinungsjahr seiner Buchbestellung notiert hatte, den ich seitdem hüte wie einen Schatz.

Am Mittwoch, den 12. Dezember 2018, meinte ich noch den Autor an der Konstablerwache gesehen zu haben. Ich kniff ungläubig die Augen zusammen, denn ich hatte ihn stets in Bockenheim angetroffen und das gleissende Licht, das den dichten Nebel in diesem Moment für kurze Momente durchdrang, trübte meinen Blick. Zwei Tage später las ich von seinem Tod. Er konnte es nicht gewesen sein. Leider.

Liebhaberinnen und Mütter. Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Anita Djafari/Jürgen Boos (Hrsg.)

Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Djafari, Boos (Hrsg.)

Literatur von Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt ist in Europa wenig bekannt und nur einzelne, wie zum Beispiel die Friedenspreisträgerin Assia Djebar, konnten sich bisher einen Namen machen. Dabei lohnt es sich, die Texte zu entdecken, auch aus einer manchmal ungewöhnlichen Sicht, über Themen wie Mutterschaft oder die Arbeit in prekären Verhältnissen, erzählt zu bekommen. Ungewöhnlich auch nur deswegen, weil sie selten zu Literatur verarbeitet werden, das Innenleben einer Putzhilfe wenig literarisches Interesse hierzulande findet. Dabei sind das weibliche Lebenswirklichkeiten, die auch im scheinbar so privilegierten Deutschland zuhauf vorkommen, jedoch keine Stimme erhalten und überwiegend unsichtbar bleiben.

Die ProtagonistInnen der Anthologie mit dem wunderbar poetischen Titel Vollmond hinter fahlgelben Wolken sind fast ausschließlich weiblich, Frauen die als Haushälterinnen, Liebhaberinnen, Ehegattinnen und Mütter einen individuellen Blick auf ihr eigenes Leben und ihre Umgebung werfen.

Individuen, die sich zum Beispiel ihren Ehemännern verweigern und sich stillschweigend in Pflanzen verwandeln, wie die Protagonistin in der Erzählung Die Früchte meiner Frau, der koreanischen Autorin Han Kang. Dabei führt die zunächst inhaltliche Konzentration auf das Innenleben der Ich-Erzählerin zu einer psychologisch genauso interessanten Beleuchtung des Ehemannes, der die langsame Pflanzwerdung seiner Frau nicht versteht, sich nur selbst seiner eigenen Einsamkeit immer stärker bewusst wird.

Einseitige Betrachtungen sind im Erzählband, den Anita Djafari und Jürgen Boos zum 30. Jubiläum des LiBeraturpreises zusammengestellt haben, zum Glück Mangelware.  Er ist auch deswegen ein Fest, weil die Texte mit gängigen Rollenklischees brechen, mit stereotypen Bildern über Männlichkeit etwa, wie in Jamaika Kincaids „Rolands Lied“. Da betrachtet eine Liebhaberin ihren aus beruflichen Gründen körperlich stark beanspruchten Liebhaber nach dem Geschlechtsakt mit einem schonungslos klaren und zugleich verliebten Blick, sinniert über folgenden, seltsamen Gegensatz:

Aber wie ist es möglich, dass ein Mann, der große Säcke voller Zucker oder Baumwollballen vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang auf dem Rücken tragen kann, innerhalb von fünf Minuten in einer Frau total erschöpft ist?

In Hanan von Dima Wannous betrügt eine Frau ihren Ehemann, nicht nur um finanzielle Vorteile aus den Beziehungen für ihre Ehe herauszuschlagen, nein, sie hat auch viel Spaß dabei. Was macht der gehörnte Ehemann? Er schmiegt sich „sanftmütig“ jede Nacht an den großen, starken Körper seiner Frau und „dankt Gott dafür, dass er ihm diese großartige und opferbereite Frau geschenkt“ hat.

Thematisch ganz unterschiedlich beleuchtet wird das Thema der Mutterschaft. In Wie eine gute Mutter von Ana Maria Shua verzweifelt eine Frau daran, eine gute Mutter sein zu wollen. Sie verzweifelt daran so sehr, dass sie Gefahr läuft von ihren widerspenstigen Kindern fahrlässig getötet zu werden, weil sie aufgrund ihrer Ansprüche einen Erziehungsfehler nach dem nächsten begeht, sich ihre Kinder in Bestien verwandeln. In dieser Erzählung wird, wie so oft in dem phantastischen Sammelband, beinahe beiläufig mit Stereotypen gebrochen, hier mit der Meinung, Mütter wüssten instinktiv, wie sie sich ihrem Nachwuchs gegenüber verhalten sollten. Diese Mutter weiß nichts, ist völlig überfordert mit der Situation, aber vor allem mit den Ansprüchen, die die Gesellschaft an sie als „gute Mutter“ stellt. Sie kann nur scheitern:

Tom schrie. Mama war in der Küche beim Teigkneten. Tom war vier Jahre alt, gesund und ziemlich groß für sein Alter. Er konnte sehr lange sehr laut schreien. Mama las dauernd Bücher über Kinderpflege und Erziehung. In diesen Büchern und auch in Romanen waren Mütter (die guten Mütter, die ihre Kinder wirklich lieben) imstande, die Gründe für das Schreien eines Kindes zu erkennen, sie brauchten nur ein wenig auf die Klangfarbe zu achten.

Oft ist es der gesellschaftliche Druck, der das Innenleben der Protagonistinnen aus dem Gleichgewicht bringt. Allerdings wissen sich die meisten zu wehren, suchen sich zum Beispiel Liebhaber, wie etwa Ana, in Das Cacomixtle von Liliana Blum, einer Erzählung, in der der Hausfrau und Mutter eine Rolle zugesprochen wird, die immer noch viel häufiger Männern angedichtet wird:

Was Ana mit Marcelo hatte, war reiner Sex. Sie hatten sich nie außerhalb des Motels gesehen. Sie waren nie gemeinsam essen gegangen oder ins Kino. Sie kannten kein einziges Mitglied ihrer jeweiligen Familien und würden niemals zusammen in den Supermarkt gehen.

Überhaupt werden Geschichten von Frauen erzählt, die aufbegehren, die lügen und betrügen, auch ohne auf die Gefühle der Männer zu achten. Umsonst sucht man nach zerbrechlichen Geschöpfen, die auf den rettenden Prinzen warten. Auch wer ganz unten ist, versucht, sich eine Luftblase zum Atmen zu erkämpfen.

Besonders eindrucksvoll wird das an den Texten sichtbar, in denen sich die von Geburt an zweifach marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen. Die junge Haushälterin Claude in Drei Frauen in Manhattan der Autorin Maryse Condé, ist nicht nur als Frau geboren, sondern kommt dazu aus armen Verhältnissen. Ihr Glück sucht sie weit weg, in New York. Wie stark der soziale Stand die eigene Biographie prägen kann, wie schwer es ist, sich aus den Fesseln sozialer Hierarchien zu befreien, wird in der Erzählung dadurch deutlich, dass die Reichen ihre Träume leben und die Armen durch ihre Träume zwar am Leben bleiben, aber niemals das erreichen, was sie erreichen könnten, wenn sie die finanziellen Mittel hätten. In Zwei Linien von Leticia Martin führt die Gewissheit, sich als Putzhilfe eine eigene Familie nicht leisten zu können, zu einer forcierten Abtreibung des Fötus auf dem Fußballfeld. Die Protagonistin läuft so lange dem Ball hinterher, bis ihr Körper völlig entkräftet „gutes Blut“ fließen lässt.

Traurig-berührende Geschichten wechseln sich mit kraftvoll-komischen ab, sodass zuletzt ein Mischgefühl zurückbleibt und der Eindruck, dass Frauen in Europa zwar immer noch privilegierter sein mögen, der Wunsch nach Freiheit und auch die Kraft, errungene Freiheiten zu erhalten,  in der außereuropäischen Literatur aber eine ungemein wohltuende Strahlkraft hat. Die Protagonistinnen verstehen es, sich männlich dominierte Räume anzueigenen, und wenn das nicht funktioniert, sich der fremden Macht zumindest zu entziehen, um sich zur Not eben in eine Pflanze zu verwandeln.

Das erinnert an Sartres radikalen Freiheitsbegriff. Es gibt immer eine Wahl der Möglichkeiten, auch wenn diese durch äußere und innere Zwänge eingeschränkt ist.

Das Leben als Wimmelbild. Karosh Taha. Beschreibung einer Krabbenwanderung.

Karosh Taha. Beschreibung einer Krabbenwanderung.

Erinnerungen können Neuanfänge manchmal unmöglich machen. Während die junge Protagonistin Sanaa in Karosh Tahas Debüt Beschreibung einer Krabbenwanderung die Flucht nach vorne antritt, den „Krabben“ der Vergangenheit davonläuft, verfällt die Mutter körperlich und seelisch, schwebt wie ein Geist durch die beengten Wohnzimmer der Hochaussiedlung in Deutschland. Den Irak haben sie schon seit einigen Jahren verlassen, anscheinend auf Wunsch des Vaters, um den sich unbestätigte Geschichten ranken, weil er selber kaum zu Wort kommt. Aber das braucht er auch nicht, denn die Stimme der Ich-Erzählerin ist beeindruckend genug. Die Stimme einer modernen, emanzipierten Frau, die ohne ihre Familie, die sie wie schwer abstreifbare Vergangenheitspäckchen auf ihrem Rücken trägt, längst angekommen wäre in dem Land, in dem sie frei sein möchte.

Die depressive Stimmung zu Hause, aber auch die Belagerungen der Wohnung durch ihre Tanten, den Sittenwächterinnen, treibt Sanaa zu extremen Handlungen. Sie raucht, liebt mehrere Männer und nutzt das Studium als Alibi, um länger ausbleiben zu dürfen. Ihren bösartigen Tanten mischt sie Marihuana in den Tabak, weil er sie mal in weise Dorfälteste, aber nie in gehässige Kurdinnen verwandelt. Sanaa hat ihre Strategien um sich zu wehren, da sie intelligent ist und einen Freiheitsdrang besitzt, der sie vorwärts treibt, auch wenn sie (noch) nicht weiß, wohin.

Aber auch auf der Straße lauern Gefahren. Da ist zum Beispiel der dicke „Volvomann“, der sie seit Tagen ungefragt verfolgt, und der in ihr ein nervöses Kopfkino verursacht, das die Lektürespannung erhöht. Wer ist dieser Mann, der nichts anderes zu tun hat, als Sanaa aufzulauern, zu beobachten, wie sie sich mit ihren unterschiedlichen Männern trifft, Döner isst, oder einfach nur ihren Onkel zur Moschee fährt? Bis zuletzt bleibt diese Frage unaufgelöst, schwebt wie ein bedrückender Schatten über den Alltags- und Milieubeschreibungen in der Migrantenhochhaussiedlung, in der die unterschiedlichsten Charaktere beschrieben werden. Ein bißchen erinnert das an Alaa Al-Aswanis Bestseller Der Jakubijân Bau, der in einem dicht besiedelten Haus in Kairo spielt.  Mit dem Unterschied, dass wir uns hier natürlich in Deutschland befinden, und es ein weiblicher (!) Blick ist, der betrachtet, ein schreibendes Bewusstsein in einem Frauenkörper. Ihre pubertierende Schwester Helin gerät dabei oft in ihr Sichtfeld:

Sie laufen zum Kiosk, und ich beobachte jede einzelne von Helins Bewegungen, die mal mit ihren Haaren spielt, die kichert, die ihre Freundin anstupst, die mich zu ignorieren versucht, die aussähe wie jedes beliebige Schulmädchen, wenn ich sie nicht kennen würde. Wenn ich nicht wüsste, dass sie mit sechs nur geheult hat, dass sie mit vierzehn einen Zirkel in die Wange gestoßen bekam, dass sie jede Nacht ihre Muschi reibt und ich mich frage, ob es ihr nicht langsam wehtut.

Helin fügt sich zum Ärger ihrer Schwester in das vom Patriarchat vorgegebene Bild, wie eine junge Frau zu sein und was sie anzustreben hat. Sie möchte die Schule abbrechen, eine Ausbildung als Kosmetikerin machen, um früh heiraten zu können. Letztlich leidet sie genauso unter der psychischen Erkrankung der Mutter wie ihre Schwester und sucht Halt in dem, was sie kennt, was ihr von den Erwachsenen immer schon vorgelebt wird.

Das Hochhaus steht aber nicht nur für Beengung und Depression. Der Mikrokosmos, mit all seinem Leben darin,  der sich jeden Tag aufs Neue vor der Protagonistin ausbreitet, bietet eine gesunde Ablenkung von den Gedanken an die kaputte Kleinfamilie, erinnert an das Werk einer Künstlerin, eines Künstlers, das es lohnt, näher zu betrachten:

Ich schaue auf das Hochhaus, das mit dreihundertachtundsechzig Augen zurückschaut. Die Anzahl der Augen entspricht nur zu einem Drittel der Wahrheit, trotzdem halte ich den Blicken stand, ziehe genüsslich an meiner Zigarette und erforsche das Hochhaus wie ein Wimmelbild: Auf den Balkonen hängt regungslos verwaschene Kleidung an den Wäscheständern, weil selbst der Wind das Viertel nicht besucht. Auf wenigen Balkonen stehen Blumentöpfe ohne richtige Blumen, nur mit Löwenzahn, der aus Versehen blüht.

In einem Wimmelbild gibt es viel Buntes zu entdecken und gleichzeitig besteht die Gefahr, sich darin zu verlieren, keinen Ort zum Verweilen zu finden, den man als seinen Platz wiedererkennt. Sanaas Mutter beginnt irgendwann, angeleitet von ihrer Tochter und einer Freundin, irakische Süsswaren zu backen, die sie aus ihrer Depression herausholen. Der verlorengeglaubte Backofenduft der Vergangenheit gibt ihr Halt in der Gegenwart. Das Eigene, das köstliche irakische Gebäck, wird Teil des Fremden und setzt bei der Mutter Asija sinnstiftende, bewusstseinsstärkende Kräfte frei.

So einfach geht das bei Sanaa nicht, die in ihrem Gefühlschaos schwer Entscheidungen fällen kann, was nur am Rande mit ihrer transkulturellen Herkunft zu tun hat.

Beschreibung einer Krabbenwanderung ist gerade deswegen auch ein hochaktuelles Jugendbuch für die heutige Generation, weil es das Lebensgefühl Heranwachsender authentisch und mit Spannung erzählt – egal welchen kulturellen Hintergrund sie besitzen.

 

Ein Ende im Nichts. Khaled Khalifa. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft.

Khaled Khalifa. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft.

Wann beginnt eine Revolution? In Khaled Khalifas neuem Roman Der Tod ist ein mühseliges Geschäft, der in Syrien spielt, lange vor dem sogenannten „Arabischen Frühling“ 2011. Da begehrt zum Beispiel eine Einzelne, eine junge Frau in einem bei Aleppo gelegenen Dorf, gegenüber der Familie auf. Weil Laila nicht mit einem Mann verheiratet werden möchte, den sie nicht liebt, zündet sie sich an ihrem Hochzeitstag an, wird aus Protest gegen die Unterdrückung zur lebenden Fackel. Ihr Bruder hatte sie aus Feigheit nicht retten können und verlässt den Ort seiner Kindheit, um sich Jahre später, im Greisenalter, den Oppositionsstreitkräften im Kampf gegen die Regierung anzuschließen. Die revolutionäre Handlung einer einzelnen Person, ihr demonstrierter, drastischer und trotzdem ungehörter Ruf nach Freiheit, ist immer wieder Motiv des Textes, in dem es um die Reise dreier Geschwister geht, die den letzten Wunsch des verstorbenen Vaters einlösen möchten. Er soll zurückgebracht werden an den Ort, den er einst verlassen hat, um im Grab seiner Schwester beerdigt zu werden. In einer Zeit, in der an jeder Straßenecke Checkpoints platziert sind, die oft völlig willkürlich Reisende festnehmen, foltern und töten, ist das ein fast unmögliches Unterfangen.

Die Geschwister Bulbul, Hussain und Fatima machen sich dennoch auf den Weg nach Anabîja, einem Ort, der im Jahr 2015 in der Hand der Opposition ist und die den Vater mit Ehren empfangen würden. Der Weg dorthin entwickelt sich jedoch zu einem grauenvollen, völlig absurden Trip.

„Welche Bedeutung hatte der Leichnam seines Vaters?“, fragt sich Bulbul bald nach dem Aufbruch, nachdem der Verstorbene an einem von Islamisten eingerichteten Checkpoint verhaftet wird. Die Bedeutung von Leben und Tod in einem Land, in dem der Tod überall auf der Straße sichtbar, allgegenwärtig ist, stellt sich immer wieder. Nur schleichend kommen die Geschwister voran und alle drei hängen ihren Erinnerungen nach. Ähnlich verfahren wie der Krieg in Syrien, sind die familiären Beziehungen untereinander. Zusammen auf gefährlicher Mission, gäbe es die Möglichkeit einer Aussprache, einer „Befriedung“, zumindest im familiären Bereich. Aber die Kommunikation untereinander ist genauso ein „mühseliges Geschäft“ wie der Transport des Leichnams durch ein Kriegsgebiet. Dabei haben die Geschwister eine eigene Geschichte, die manchmal nur angerissen, gerade beim Vater aber auch ausführlich erzählt wird. Es sind verlorene Lieben, ungelebte Liebesleben, die darin eine Rolle spielen und die von den sonst bedrückenden Schilderungen der Reise ablenken. Sie geben Einblick in ein verlorenes Reich ihrer Wünsche, denn:

„Ein langer Krieg trägt seine eigenen Winde mit sich, die über alles wehen und nichts belassen, wie es war. Er verändert die Seelen, die Gedanken, die Träume, er testet die Leidensfähigkeit.“

Dem Roman fehlt bis auf wenige Ausnahmen; eine ist oben zitiert, die Poesie. Vielleicht weil es für das absolute Grauen keine poetischen Bilder gibt, dem Autor es nicht möglich ist, einen Abstand zum Geschehen herzustellen, der diese erlösende Wirkung beim Lesen erzeugen könnte. So sind manche Schilderungen, gerade die des immer stärker verwesenden Leichnams im Auto, schwer zu ertragen. Der existenzielle Ekel, der durch die ständige Wiederholung der abstoßenden Schilderung entsteht, verfolgt aber ein Ziel: Die Sinnlosigkeit des eigenen Daseins im Krieg körperlich nachvollziehbar zu machen. Zunächst stöhnt man innerlich auf, weil man nicht versteht, warum der Verwesungszustand des toten Vaters in allen Stadien beschrieben werden muss. Nach und nach erreicht das Erzählverfahren aber eine Wirkung, die nur noch in der Theorie an Jean-Paul Sartres Ekel erinnert. Während bei Sartre die nackte, bloße Existenz harmlos ekelig, weil lebendig in ihrer pulsierenden Fülle erscheint, bleibt beim Bild des von den Maden zerfressenen Vaters nicht einmal die Illusion von der Rettung vor dem Nichts. An dem was da als (noch) materieller Haufen beschrieben wird, ist absolut nichts mehr, was an ein Lebewesen erinnert.

Die Protagonisten brechen die Horrorfahrt dennoch nicht ab, vielleicht um sich selbst und den Offizieren an den Checkpoints beweisen zu können, dass „Leben und Tod“ eben nicht nur „ein Packen offizieller Dokumente“ sind.

Wer „klassische“ arabische Autorinnen und Autoren wie Assia Djebar, Nagib Machfus oder Tahar Ben Jelloun kennt und aufgrund ihrer schillernden Metaphern liebt, der wird von Khalifas Roman enttäuscht sein. Khalifa beschreibt keine Sehnsuchtsorte, in denen Kindheitserinnerungen die Schrecken des Krieges relativieren könnten. Abbas Khider, deutscher Autor mit irakischen Wurzeln, kennt wie Khalifa eine Existenz im permanenten Ausnahmezustand und hat in seinem letzten Roman, Ohrfeige, das Leben in deutschen Flüchtlingsheimen beschrieben. Auch er macht das ziemlich real, erzählt plastisch und anschaulich von bitteren Erfahrungen. Khider nutzt dabei den Humor als Strategie, um menschenunwürdige Zustände für die LeserInnen leichter verdaubar zu machen.

Witze macht man oft über etwas, das (individuell) überstanden ist, über etwas, zu dem man einen Abstand entwickeln konnte. Der Krieg in Syrien dauert an, der Autor lebt weiterhin  mittendrin. Ein Grund, warum es beim Lesen zwar keine Befreihungslacher geben kann, aber dafür einen viel tiefer gehenden Erkenntnisgewinn.

Verramschte Leben beschreiben. Atem anhalten. Gerlind Reinshagen.

Gerlind Reinshagen. Atem anhalten.

Atem anhalten“ heißt der soeben erschienene Band gesammelter Gedichte der Autorin Gerlind Reinshagen. Er gerät ins Stocken, weil man vergisst, sich bei der Lektüre um Selbstverständlichkeiten wie die Sauerstoffzufuhr zu kümmern. Das liegt an der Gedankenfülle, an den facettenreichen, weitreichenden Themen, die sich von einer Kindheit im Krieg, über die Nachkriegszeit, bis ins digitale Zeitalter erstrecken.

In „Teufelsmützen“ etwa spielen sich die Kinder durch den Krieg, die „lausigen Zeiten“. Den Umgang mit dem Tod, dem unbegreiflichen Verschwinden geliebter Menschen, wird auf kindlich-naive Weise begegnet. Die Rolle der Schule wird dabei in „An die Schule“ mit einem Augenzwinkern als unzerstörbares, alles überdauerndes Korsett des Lebens beschrieben:

O du Unsterbliche/Blindschleiche/Im Watteverband/Endlos belegte Zunge/Du/Unterm Bleidach/Verkochst du die Zeit/Zu Sülze/Mahlst mein Herz/Mir zu Staub/Meine Liebe zu Kreide/Für meine Lieder/Ist nur noch/In der Latrine Platz/Für den Sprung aus dem Fenster/Bist du/Zu flach

Mit „Nachkrieg oder die Davongekommenen“ sind die Gedichte übertitelt, die das (Über)leben thematisieren. Das Ich erinnert sich in „November“ an die „Schlupfwinkel“ an die „Nester die heimlichen Höhlen“, sucht nach „kleinen Zeichen an der Mauer“, die darauf verweisen, dass nach dem Krieg etwas lebendig geblieben ist, etwas überdauert hat. Die Erde selbst wirkt „armselig“, ist „unter den glühenden Sternen“ ein „kleiner alter verschrumpelter Ball“, ein „verlorenes Spielzeug.“

Von der negativen Seite der wiedergewonnenen Freiheit berichtet ein kriegsversehrter Soldat („Körperverletzung“), der unter den erfahrenen Traumata leidet, beim Schneiden der Hecke vor dem trauten Heim zu zittern anfängt:

„(…) Frieden vertrag ich nicht/Und Gartenscheren Freunde sind nichts für solche/Die der Krieg erzogen hat/Freiheit raubt Schlaf/Hier hinter schwedischen Gardinen werd ich still/lasst mir das Gitter vor der Stirn.“

Der Generationenwechsel, die Auswirkungen des Wirtschaftswunders, klingen in den darauffolgenden Gedichten an. Wie die alte Zeit in die neue hineinragt, wird an einem Kleidungsstück angedeutet, das vor dem Krieg Schul- Tanz- und Hochzeitskleid gewesen war. Nach dem Krieg heiratet die Witwe erneut, näht das Kleid der Mode gemäß immer wieder um, und bemerkt zuletzt in der Pianobar nicht mehr, wie altbacken, nicht mehr zeitgemäß, das Kleidungsstück auf die anderen Gäste wirkt. Julia („Julias Kleid“) verwechselt Gelächter mit Bewunderung, erliegt einer Selbsttäuschung, die symptomatisch für die Überlebenden ist. Die Schrecken des Krieges werden verdrängt, die Schuldfrage nicht gestellt. „Die Jungen“ bauen sich deswegen im Gedicht „1968“ „fernab vom Wirtschaftswunderland/sich aus der Asche/eine eigene Welt.“

Mit viel psychologischem Gespür wird im Kapitel „Nachrichten aus der Fünfzigstundenwoche“ der berufliche Alltag, der ein männlicher war, beschrieben. Der Ernährer geht aus dem Haus, befreit vom „Kaffeelavendelbrotgeruch“ der Küche, ein Held, der jeden Morgen wieder seine Familie verlässt, um auf Abenteuerfahrt zu gehen. Sein Traum, wie ein Tiefseefisch nie wieder aufzutauchen, einfach unter Wasser zu bleiben, wird allerdings nie Wirklichkeit, weil er dafür ein „Mann von Gewicht“ sein müsste. Nüchtern übertitelt mit „Der Weg zum Büro“ ist das Gedicht ein herausragendes Beispiel für Reinshagens humorvoll-spitzbübische Poetik, in der durch Sprachspiele eine Mehrdeutigkeit entsteht, die inspirierend ist. Die Lust an der Sprache wird durch ihren phantasievollen Umgang mit ihr geweckt, und es entstehen neue, ungewohnte, mit Emotionen aufgeladene Bilder vor dem lesenden Auge.

Es sind aber nicht nur die poetischen Bilder, es sind auch die herausragenden Monologe, die faszinieren und stark an Bühnengespräche erinnern:

Kollegen

Wenn ich ihn treffe/Früh/Im Paternoster/Auf dem Weg zu Abteilung vier/Und wir reden über das Wetter/Denke ich/Das/Haben wir nicht in der Schule gelernt/Übers Wetter zu reden/Es stand nicht im Lehrplan/Wir haben gelernt/Daß es müßig ist/Übers Wetter zu reden/Wir haben klassische Sachen gelernt/Auch neue Physik/Wir lernten die Kernspaltung und so weiter/Doch nie/Wie wichtig es ist/Übers Wetter zu reden/Ich meine/RICHTIG über das Wetter zu reden/Was zum Beispiel/So ein Wettersturz bedeutet/Diese Druckverschiebung/Diese Kaltfront plötzlich/Sonnenwetter Regenwetter/Frühlings-Sommer-Asthmawetter/oder das jährliche kontinentale Tief…Langsam lern ich jetzt/Mit Mühe/Wie man übers Wetter redet/Lern beim Reden/Übers Wetter/Alle Schwankungen/Des Wetters/Die Veränderungen/In den Reden übers Wetter/Wahrzunehmen/Lern beim Reden/Über die verschneiten Straßen heute/Schüchtern seine Hand zu fassen/Beim Zurückschaun/sehn wir unsere Spur

Ohne Smalltalk ist der fleißige Arbeitnehmer schon damals nicht weit gekommen. Wer ein guter Kollege sein möchte, der sollte auch übers Wetter reden können. Willkommen in der Moderne, in der sinnentleertes, beruhigendes Gequatsche auf die Spitze getrieben wird. Die Schwierigkeit, „ein Gedicht im technischen Zeitalter“ zu schreiben, liegt auf der Hand. Sich der möglichen, bösen Kritik auch in den sozialen Netzwerken auszusetzen, ausgeliefert zu sein – da wird Vertrauen in die Sprache benötigt, gepaart mit dem Wunsch:

„(…) Alle die verramschten Leben/Um mich her (zu) beschreiben/In den müden wundgelaufenen/Und erschöpften Sätzen/Mit den alten abgewetzten/WUNDERVOLLEN/Worten/Punkt.“

Das Ich in „Atem anhalten“ hat viel von der Welt gesehen, ist angefüllt von Erlebnissen, die sich in einem langen, wachen Leben ansammeln. Es war mit verstorbenen DichterInnen bekannt, wie z.B. der Lyrikerin Sarah Kirsch, an die im Kapitel „Vorbilder-Nachbilder“ erinnert wird. „Für Sarah Kirsch“ endet mit folgenden Sätzen, einem klagenden Ruf: „Wo bist du jetzt/Ich höre/Dich/Nicht/Mehr“ und konfrontiert die LeserInnen mit einer tiefen Einsamkeit, die (auch) das Alter mit sich bringt.

Gerlind Reinshagen verharrt jedoch niemals in der Vergangenheit, sondern lässt den Blick schweifen, beschreibt weise den Wandel der Zeit. Dabei erkennt sie Dinge, die uns allen, gerade auch jüngeren Generationen, bekannt sein müssten.

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