Das Böse ausräuchern. Glorreiche Ketzereien. Lisa McInerney.

McInerney. Glorreiche Ketzereien.

Am Anfang des Romans Glorreiche Ketzereien, der irischen Autorin Lisa McInerney, steht eine alte, (noch) unwissende Frau. Im Affekt erschlägt Maureen, vom Leben hart gebeutelt, einen Einbrecher in ihrem Haus mit einer Devotionalie und löst damit ein Schneeballsystem verhängnisvoller Ereignisse aus.

Ihren Sohn Jimmy, den sie als uneheliches Kind nicht selbst hat großziehen dürfen und mit dem sie erst seit kurzem in Kontakt steht, beauftragt sie mit der Beseitigung der Leiche.  Dem Schwerverbrecher und uneingeschränkten Herrscher über die krummen Geschäfte in der Kleinstadt Cork City, gelingt es zwar, den toten Körper verschwinden zu lassen, nicht aber die Schuldgefühle seiner Mutter.

Hier wird ein Motiv eingeführt, das den Roman fortan durchzieht: Der Sündenfall, insbesondere derjenige der weiblichen Figuren. Im Gegensatz zu den männlichen werden sie von den Moralvorstellungen der katholischen Kirche regelrecht verfolgt, bis sie begreifen, dass sich die Kirche ihre Sünder schafft, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.

Diese Erkenntnis, ausgesprochen von Maureen, erinnert an den kürzlich angelaufenen, beeindruckenden Dokumentarfilm #Female Pleasure, in dem eine Novizin einer Oberin ihre Vergewaltigung durch einen vorgesetzten Geistlichen schildert und diese nicht etwa den Täter anzeigt, um den Skandal öffentlich zu machen, sondern der Novizin die Sünde großmütig „vergibt“.

Die Kirche als moralische Instanz schwebt über der Handlung wie ein Damoklesschwert, denn sie ist es, die das Unheil bringt. Anstatt den Säufern, prügelnden Vätern und gefallenen Mädchen Halt zu geben, droht sie mit Verdammnis, wenn die Schäfchen nicht Buße tun.

Sündige Engel, denen niemand beisteht, sind prädestiniert dafür, immer weitere Fehler zu machen, zum Beispiel die falschen Fragen an die falschen Leute zu richten. Menschliche Fragen, die dazu führen, dass an einem schnell vertuschten Verbrechen plötzlich mehr Schicksale hängen, als denjenigen lieb ist, die es verursacht haben.

Maureen realisiert allerdings recht bald, dass nicht nur die katholische Kirche verantwortlich ist für zerbrochene Lebensentwürfe, sondern die Frauen untereinander dazu beitragen, unglücklich zu werden. Nach Maureen, der in der Story mehr und mehr Erleuchteten, existieren verschiedene Kategorien von „Frau“ gegen die es zu rebellieren gilt, anstatt sie untereinander immer wieder selbst zu bestätigen:

Das („Kategorien“) sind die Mütter. Die Biester. Die Ehefrauen. Die Freundinnen. Die Huren. Frauen haben nichts gegen eine solche Einteilung, solange sie nur zur richtigen Gruppe gezählt werden. Und alle sehen auf die Huren herab.

Nach dieser Erkenntnis begreift zumindest eine Figur, wie sich das Böse ausräuchern lässt, ohne dabei Unschuldige zu verletzen. Ein Leben für ein Leben, so lautet Maureens einleuchtende Kalkulation, die eine Möglichkeit ist, aus dem Teufelskreis herauszukommen, der durch Schwarz-Weiß-Malereien entsteht. Nicht zuletzt aus dem eigenen.

Der vielschichtige, meisterinnenhaft komponierte Roman erzeugt nicht nur durch den Plott eine soghafte Wirkung, sondern wirft gleichzeitig einen aktuellen Blick auf die irische Gesellschaft, die sich seit den Kindheitserinnerungen des Bestsellerautors Frank McCourt (Die Asche meiner Mutter) positiv verändert haben müsste. Themen wie (soziale) Armut, Drogen und Gewalt in der Familie, denen Staat und Katholizismus machtlos gegenüberstehen, erzählen allerdings von einem krisengeschüttelten Land, dessen Probleme Europa egal zu sein scheinen.

Der Raum, in dem sich Einzelschicksale poetisch zu einem großen, zusammenhängenden Ganzen vermischen, ist Cork City. Eine schlafende, unparteiische Kleinstadt, die keine Notiz nimmt vom alltäglichen Wahn, weil sie als bloße Hülle funktioniert, in dem das Atmen, Pulsieren, Schlucken, Schwitzen, die Qualen und Wonnen von hunderttausend kleinen Leben stattfindet.

Mein Blick zurück. Erinnerungen an den Autor Wilhelm Genazino.

Wilhelm Genazino. Das Licht brennt ein Loch in den Tag.

Ich erinnere mich, wie ich mit Anfang 20 ein schmales Bändchen mit dem rätselhaften Titel: Das Licht brennt ein Loch in den Tag geschenkt bekam. In ihm beschrieb der Autor Wilhelm Genazino, den ich aufgrund seines Namens erst für einen Italiener hielt, einen Ich-Erzähler, Herrn W., der sich wünscht, seine Erlebnisse mündlich und in Briefen seinen Freunden mitteilen zu dürfen. Er hat Sorge, dem Verlust des Gedächtnisses sonst nicht entgehen zu können und hofft, die anderen würden ihm irgendwann dabei helfen, die eigenen biographischen Gedächtnislücken zu schließen. Der Text faszinierte mich, ohne dass ich damals hätte sagen können, was daran genau.

War es der männliche Blick des Protagonisten auf seine Umgebung, die Tatsache, dass ich so schonungslos genau durch die Bewusstseinsbrille einer Figur schauen durfte, um in ihren nicht enden wollenden Selbstreflexionen abzutauchen?

Nur ein paar Jahre später stand mir der Autor als Kunde in der Karl-Marx-Buchhandlung, in Frankfurt-Bockenheim, gegenüber. Seine sonst weiche Körpergestalt hatte etwas Quadratisches und die leise Stimme mit dem Mannheimer Singsang darin, passte nicht zu ihr.

Von Anfang an bekam ich den beunruhigenden Eindruck nicht los, von seinen wachen, schelmischen Augen beobachtet zu werden. Dass er mich, die Angestellte, betrachtete, um vielleicht doch einmal eine Protagonistin anstelle eines Protagonisten auszuwählen, eine weibliche Arbeitnehmerin, die er in den Unzumutbarkeiten der eigenen Existenz schlafwandeln ließ. Romane erschienen in regelmäßigen Abständen von ihm und ich war immer erleichtert, wenn die Überprüfung der Verlagsvorschauen bestätigte, dass er sich doch wieder für einen Mann „mittleren Alters“ entschieden hatte. Gemischte Gefühle überfielen mich dennoch immer wieder, wenn er plötzlich mit einem seiner Bestellzettel an die Ladentheke trat, ihn mir in die Hand drückte und ich nie ganz einschätzen konnte, was er als nächstes sagen würde, was er wirklich dachte und vor allem, was er sah, wenn er mich anlächelte.

Um mein Unbehangen ihm gegenüber loszuwerden, denn ich mochte ihn sehr, schätzte seine Romane, begann ich, zurückzublicken, Eindrücke über ihn durch zufällige Begegnungen mit ihm zu sammeln. Denn der immer wieder als Flaneur bezeichnete Büchner-Preisträger spazierte nicht nur gerne durch die Gegend. Ich entdeckte ihn zum Beispiel oft donnerstags auf dem Wochenmarkt an der Bockenheimer Warte, wie er genüsslich und in seiner unverkennbar langsamen Ruhe Kartoffelpuffer aß. Dabei beobachtete er wiederum die Spatzen, die in seiner Umgebung auf kleine, aber fettige Happen von seinem Teller hofften.

Auch erinnere ich mich, wie ich ihm dort immer wieder zufällig an der U-Bahn-Station begegnete. Was er hier wohl tat, er, der Fußgänger? Manchmal sprachen wir ein paar Worte miteinander. Dass er die Mäuse in den Schächten für seinen nächsten Roman inspiziert hatte – das erzählte er mir allerdings nie.

Mein ungutes Gefühl, seinem Schriftstellerblick ausgeliefert zu sein, verbesserte sich durch die Gewissheit, dass auch ich ihn betrachten konnte, ich seinem Blick nicht mehr ungeschützt ausgeliefert war. Wirklich änderte daran aber insbesondere eine Begegnung:

Als Stammkunde der Karl-Marx-Buchhandlung gab Wilhelm Genazino dort oft Buchpremieren, noch bevor er im Literaturhaus Frankfurt aus seiner Neuerscheinung las. An einem dieser Leseabende sagte er, als er mir die Hand zum Gruß schüttelte nicht etwa „Guten Abend“, sondern „Sie sind schön“. Der Satz kam ihm so spontan beiläufig über die Lippen, als hätte er gerade den Anfang eines neuen Romans ausgesprochen, die ersten paar Worte. Als hätte er erfahren wollen, wie sie aus seinem Mund heraus in diesem Moment klängen und als würde es ihm um die Frage gehen, ob sie für den richtigen, typischen Genazino-Sound überhaupt taugten. Erleichtert durch diese Erkenntnis hatte ich nie wieder Sorge, in seinen Texten sichtbar verarbeitet zu werden, weil mir bewusst wurde, dass er in erster Linie die Sprache beobachtete und die Objekte oder Subjekte sich ihrer Ästhetik anpassen mussten.

In einem unbemerkten Moment steckte ich intuitiv wie zur Bestätigung meiner Eindrücke einen Bestellzettel von ihm in meinen eigenen Notizblock, auf dem er in fein säuberlicher Schrift Autor, Titel, Verlag und Erscheinungsjahr seiner Buchbestellung notiert hatte, den ich seitdem hüte wie einen Schatz.

Am Mittwoch, den 12. Dezember 2018, meinte ich noch den Autor an der Konstablerwache gesehen zu haben. Ich kniff ungläubig die Augen zusammen, denn ich hatte ihn stets in Bockenheim angetroffen und das gleissende Licht, das den dichten Nebel in diesem Moment für kurze Momente durchdrang, trübte meinen Blick. Zwei Tage später las ich von seinem Tod. Er konnte es nicht gewesen sein. Leider.

Liebhaberinnen und Mütter. Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Anita Djafari/Jürgen Boos (Hrsg.)

Vollmond hinter fahlgelben Wolken. Djafari, Boos (Hrsg.)

Literatur von Autorinnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt ist in Europa wenig bekannt und nur einzelne, wie zum Beispiel die Friedenspreisträgerin Assia Djebar, konnten sich bisher einen Namen machen. Dabei lohnt es sich, die Texte zu entdecken, auch aus einer manchmal ungewöhnlichen Sicht, über Themen wie Mutterschaft oder die Arbeit in prekären Verhältnissen, erzählt zu bekommen. Ungewöhnlich auch nur deswegen, weil sie selten zu Literatur verarbeitet werden, das Innenleben einer Putzhilfe wenig literarisches Interesse hierzulande findet. Dabei sind das weibliche Lebenswirklichkeiten, die auch im scheinbar so privilegierten Deutschland zuhauf vorkommen, jedoch keine Stimme erhalten und überwiegend unsichtbar bleiben.

Die ProtagonistInnen der Anthologie mit dem wunderbar poetischen Titel Vollmond hinter fahlgelben Wolken sind fast ausschließlich weiblich, Frauen die als Haushälterinnen, Liebhaberinnen, Ehegattinnen und Mütter einen individuellen Blick auf ihr eigenes Leben und ihre Umgebung werfen.

Individuen, die sich zum Beispiel ihren Ehemännern verweigern und sich stillschweigend in Pflanzen verwandeln, wie die Protagonistin in der Erzählung Die Früchte meiner Frau, der koreanischen Autorin Han Kang. Dabei führt die zunächst inhaltliche Konzentration auf das Innenleben der Ich-Erzählerin zu einer psychologisch genauso interessanten Beleuchtung des Ehemannes, der die langsame Pflanzwerdung seiner Frau nicht versteht, sich nur selbst seiner eigenen Einsamkeit immer stärker bewusst wird.

Einseitige Betrachtungen sind im Erzählband, den Anita Djafari und Jürgen Boos zum 30. Jubiläum des LiBeraturpreises zusammengestellt haben, zum Glück Mangelware.  Er ist auch deswegen ein Fest, weil die Texte mit gängigen Rollenklischees brechen, mit stereotypen Bildern über Männlichkeit etwa, wie in Jamaika Kincaids „Rolands Lied“. Da betrachtet eine Liebhaberin ihren aus beruflichen Gründen körperlich stark beanspruchten Liebhaber nach dem Geschlechtsakt mit einem schonungslos klaren und zugleich verliebten Blick, sinniert über folgenden, seltsamen Gegensatz:

Aber wie ist es möglich, dass ein Mann, der große Säcke voller Zucker oder Baumwollballen vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang auf dem Rücken tragen kann, innerhalb von fünf Minuten in einer Frau total erschöpft ist?

In Hanan von Dima Wannous betrügt eine Frau ihren Ehemann, nicht nur um finanzielle Vorteile aus den Beziehungen für ihre Ehe herauszuschlagen, nein, sie hat auch viel Spaß dabei. Was macht der gehörnte Ehemann? Er schmiegt sich „sanftmütig“ jede Nacht an den großen, starken Körper seiner Frau und „dankt Gott dafür, dass er ihm diese großartige und opferbereite Frau geschenkt“ hat.

Thematisch ganz unterschiedlich beleuchtet wird das Thema der Mutterschaft. In Wie eine gute Mutter von Ana Maria Shua verzweifelt eine Frau daran, eine gute Mutter sein zu wollen. Sie verzweifelt daran so sehr, dass sie Gefahr läuft von ihren widerspenstigen Kindern fahrlässig getötet zu werden, weil sie aufgrund ihrer Ansprüche einen Erziehungsfehler nach dem nächsten begeht, sich ihre Kinder in Bestien verwandeln. In dieser Erzählung wird, wie so oft in dem phantastischen Sammelband, beinahe beiläufig mit Stereotypen gebrochen, hier mit der Meinung, Mütter wüssten instinktiv, wie sie sich ihrem Nachwuchs gegenüber verhalten sollten. Diese Mutter weiß nichts, ist völlig überfordert mit der Situation, aber vor allem mit den Ansprüchen, die die Gesellschaft an sie als „gute Mutter“ stellt. Sie kann nur scheitern:

Tom schrie. Mama war in der Küche beim Teigkneten. Tom war vier Jahre alt, gesund und ziemlich groß für sein Alter. Er konnte sehr lange sehr laut schreien. Mama las dauernd Bücher über Kinderpflege und Erziehung. In diesen Büchern und auch in Romanen waren Mütter (die guten Mütter, die ihre Kinder wirklich lieben) imstande, die Gründe für das Schreien eines Kindes zu erkennen, sie brauchten nur ein wenig auf die Klangfarbe zu achten.

Oft ist es der gesellschaftliche Druck, der das Innenleben der Protagonistinnen aus dem Gleichgewicht bringt. Allerdings wissen sich die meisten zu wehren, suchen sich zum Beispiel Liebhaber, wie etwa Ana, in Das Cacomixtle von Liliana Blum, einer Erzählung, in der der Hausfrau und Mutter eine Rolle zugesprochen wird, die immer noch viel häufiger Männern angedichtet wird:

Was Ana mit Marcelo hatte, war reiner Sex. Sie hatten sich nie außerhalb des Motels gesehen. Sie waren nie gemeinsam essen gegangen oder ins Kino. Sie kannten kein einziges Mitglied ihrer jeweiligen Familien und würden niemals zusammen in den Supermarkt gehen.

Überhaupt werden Geschichten von Frauen erzählt, die aufbegehren, die lügen und betrügen, auch ohne auf die Gefühle der Männer zu achten. Umsonst sucht man nach zerbrechlichen Geschöpfen, die auf den rettenden Prinzen warten. Auch wer ganz unten ist, versucht, sich eine Luftblase zum Atmen zu erkämpfen.

Besonders eindrucksvoll wird das an den Texten sichtbar, in denen sich die von Geburt an zweifach marginalisierten Stimmen Gehör verschaffen. Die junge Haushälterin Claude in Drei Frauen in Manhattan der Autorin Maryse Condé, ist nicht nur als Frau geboren, sondern kommt dazu aus armen Verhältnissen. Ihr Glück sucht sie weit weg, in New York. Wie stark der soziale Stand die eigene Biographie prägen kann, wie schwer es ist, sich aus den Fesseln sozialer Hierarchien zu befreien, wird in der Erzählung dadurch deutlich, dass die Reichen ihre Träume leben und die Armen durch ihre Träume zwar am Leben bleiben, aber niemals das erreichen, was sie erreichen könnten, wenn sie die finanziellen Mittel hätten. In Zwei Linien von Leticia Martin führt die Gewissheit, sich als Putzhilfe eine eigene Familie nicht leisten zu können, zu einer forcierten Abtreibung des Fötus auf dem Fußballfeld. Die Protagonistin läuft so lange dem Ball hinterher, bis ihr Körper völlig entkräftet „gutes Blut“ fließen lässt.

Traurig-berührende Geschichten wechseln sich mit kraftvoll-komischen ab, sodass zuletzt ein Mischgefühl zurückbleibt und der Eindruck, dass Frauen in Europa zwar immer noch privilegierter sein mögen, der Wunsch nach Freiheit und auch die Kraft, errungene Freiheiten zu erhalten,  in der außereuropäischen Literatur aber eine ungemein wohltuende Strahlkraft hat. Die Protagonistinnen verstehen es, sich männlich dominierte Räume anzueigenen, und wenn das nicht funktioniert, sich der fremden Macht zumindest zu entziehen, um sich zur Not eben in eine Pflanze zu verwandeln.

Das erinnert an Sartres radikalen Freiheitsbegriff. Es gibt immer eine Wahl der Möglichkeiten, auch wenn diese durch äußere und innere Zwänge eingeschränkt ist.

Das Leben als Wimmelbild. Karosh Taha. Beschreibung einer Krabbenwanderung.

Karosh Taha. Beschreibung einer Krabbenwanderung.

Erinnerungen können Neuanfänge manchmal unmöglich machen. Während die junge Protagonistin Sanaa in Karosh Tahas Debüt Beschreibung einer Krabbenwanderung die Flucht nach vorne antritt, den „Krabben“ der Vergangenheit davonläuft, verfällt die Mutter körperlich und seelisch, schwebt wie ein Geist durch die beengten Wohnzimmer der Hochaussiedlung in Deutschland. Den Irak haben sie schon seit einigen Jahren verlassen, anscheinend auf Wunsch des Vaters, um den sich unbestätigte Geschichten ranken, weil er selber kaum zu Wort kommt. Aber das braucht er auch nicht, denn die Stimme der Ich-Erzählerin ist beeindruckend genug. Die Stimme einer modernen, emanzipierten Frau, die ohne ihre Familie, die sie wie schwer abstreifbare Vergangenheitspäckchen auf ihrem Rücken trägt, längst angekommen wäre in dem Land, in dem sie frei sein möchte.

Die depressive Stimmung zu Hause, aber auch die Belagerungen der Wohnung durch ihre Tanten, den Sittenwächterinnen, treibt Sanaa zu extremen Handlungen. Sie raucht, liebt mehrere Männer und nutzt das Studium als Alibi, um länger ausbleiben zu dürfen. Ihren bösartigen Tanten mischt sie Marihuana in den Tabak, weil er sie mal in weise Dorfälteste, aber nie in gehässige Kurdinnen verwandelt. Sanaa hat ihre Strategien um sich zu wehren, da sie intelligent ist und einen Freiheitsdrang besitzt, der sie vorwärts treibt, auch wenn sie (noch) nicht weiß, wohin.

Aber auch auf der Straße lauern Gefahren. Da ist zum Beispiel der dicke „Volvomann“, der sie seit Tagen ungefragt verfolgt, und der in ihr ein nervöses Kopfkino verursacht, das die Lektürespannung erhöht. Wer ist dieser Mann, der nichts anderes zu tun hat, als Sanaa aufzulauern, zu beobachten, wie sie sich mit ihren unterschiedlichen Männern trifft, Döner isst, oder einfach nur ihren Onkel zur Moschee fährt? Bis zuletzt bleibt diese Frage unaufgelöst, schwebt wie ein bedrückender Schatten über den Alltags- und Milieubeschreibungen in der Migrantenhochhaussiedlung, in der die unterschiedlichsten Charaktere beschrieben werden. Ein bißchen erinnert das an Alaa Al-Aswanis Bestseller Der Jakubijân Bau, der in einem dicht besiedelten Haus in Kairo spielt.  Mit dem Unterschied, dass wir uns hier natürlich in Deutschland befinden, und es ein weiblicher (!) Blick ist, der betrachtet, ein schreibendes Bewusstsein in einem Frauenkörper. Ihre pubertierende Schwester Helin gerät dabei oft in ihr Sichtfeld:

Sie laufen zum Kiosk, und ich beobachte jede einzelne von Helins Bewegungen, die mal mit ihren Haaren spielt, die kichert, die ihre Freundin anstupst, die mich zu ignorieren versucht, die aussähe wie jedes beliebige Schulmädchen, wenn ich sie nicht kennen würde. Wenn ich nicht wüsste, dass sie mit sechs nur geheult hat, dass sie mit vierzehn einen Zirkel in die Wange gestoßen bekam, dass sie jede Nacht ihre Muschi reibt und ich mich frage, ob es ihr nicht langsam wehtut.

Helin fügt sich zum Ärger ihrer Schwester in das vom Patriarchat vorgegebene Bild, wie eine junge Frau zu sein und was sie anzustreben hat. Sie möchte die Schule abbrechen, eine Ausbildung als Kosmetikerin machen, um früh heiraten zu können. Letztlich leidet sie genauso unter der psychischen Erkrankung der Mutter wie ihre Schwester und sucht Halt in dem, was sie kennt, was ihr von den Erwachsenen immer schon vorgelebt wird.

Das Hochhaus steht aber nicht nur für Beengung und Depression. Der Mikrokosmos, mit all seinem Leben darin,  der sich jeden Tag aufs Neue vor der Protagonistin ausbreitet, bietet eine gesunde Ablenkung von den Gedanken an die kaputte Kleinfamilie, erinnert an das Werk einer Künstlerin, eines Künstlers, das es lohnt, näher zu betrachten:

Ich schaue auf das Hochhaus, das mit dreihundertachtundsechzig Augen zurückschaut. Die Anzahl der Augen entspricht nur zu einem Drittel der Wahrheit, trotzdem halte ich den Blicken stand, ziehe genüsslich an meiner Zigarette und erforsche das Hochhaus wie ein Wimmelbild: Auf den Balkonen hängt regungslos verwaschene Kleidung an den Wäscheständern, weil selbst der Wind das Viertel nicht besucht. Auf wenigen Balkonen stehen Blumentöpfe ohne richtige Blumen, nur mit Löwenzahn, der aus Versehen blüht.

In einem Wimmelbild gibt es viel Buntes zu entdecken und gleichzeitig besteht die Gefahr, sich darin zu verlieren, keinen Ort zum Verweilen zu finden, den man als seinen Platz wiedererkennt. Sanaas Mutter beginnt irgendwann, angeleitet von ihrer Tochter und einer Freundin, irakische Süsswaren zu backen, die sie aus ihrer Depression herausholen. Der verlorengeglaubte Backofenduft der Vergangenheit gibt ihr Halt in der Gegenwart. Das Eigene, das köstliche irakische Gebäck, wird Teil des Fremden und setzt bei der Mutter Asija sinnstiftende, bewusstseinsstärkende Kräfte frei.

So einfach geht das bei Sanaa nicht, die in ihrem Gefühlschaos schwer Entscheidungen fällen kann, was nur am Rande mit ihrer transkulturellen Herkunft zu tun hat.

Beschreibung einer Krabbenwanderung ist gerade deswegen auch ein hochaktuelles Jugendbuch für die heutige Generation, weil es das Lebensgefühl Heranwachsender authentisch und mit Spannung erzählt – egal welchen kulturellen Hintergrund sie besitzen.

 

Ein Ende im Nichts. Khaled Khalifa. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft.

Khaled Khalifa. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft.

Wann beginnt eine Revolution? In Khaled Khalifas neuem Roman Der Tod ist ein mühseliges Geschäft, der in Syrien spielt, lange vor dem sogenannten „Arabischen Frühling“ 2011. Da begehrt zum Beispiel eine Einzelne, eine junge Frau in einem bei Aleppo gelegenen Dorf, gegenüber der Familie auf. Weil Laila nicht mit einem Mann verheiratet werden möchte, den sie nicht liebt, zündet sie sich an ihrem Hochzeitstag an, wird aus Protest gegen die Unterdrückung zur lebenden Fackel. Ihr Bruder hatte sie aus Feigheit nicht retten können und verlässt den Ort seiner Kindheit, um sich Jahre später, im Greisenalter, den Oppositionsstreitkräften im Kampf gegen die Regierung anzuschließen. Die revolutionäre Handlung einer einzelnen Person, ihr demonstrierter, drastischer und trotzdem ungehörter Ruf nach Freiheit, ist immer wieder Motiv des Textes, in dem es um die Reise dreier Geschwister geht, die den letzten Wunsch des verstorbenen Vaters einlösen möchten. Er soll zurückgebracht werden an den Ort, den er einst verlassen hat, um im Grab seiner Schwester beerdigt zu werden. In einer Zeit, in der an jeder Straßenecke Checkpoints platziert sind, die oft völlig willkürlich Reisende festnehmen, foltern und töten, ist das ein fast unmögliches Unterfangen.

Die Geschwister Bulbul, Hussain und Fatima machen sich dennoch auf den Weg nach Anabîja, einem Ort, der im Jahr 2015 in der Hand der Opposition ist und die den Vater mit Ehren empfangen würden. Der Weg dorthin entwickelt sich jedoch zu einem grauenvollen, völlig absurden Trip.

„Welche Bedeutung hatte der Leichnam seines Vaters?“, fragt sich Bulbul bald nach dem Aufbruch, nachdem der Verstorbene an einem von Islamisten eingerichteten Checkpoint verhaftet wird. Die Bedeutung von Leben und Tod in einem Land, in dem der Tod überall auf der Straße sichtbar, allgegenwärtig ist, stellt sich immer wieder. Nur schleichend kommen die Geschwister voran und alle drei hängen ihren Erinnerungen nach. Ähnlich verfahren wie der Krieg in Syrien, sind die familiären Beziehungen untereinander. Zusammen auf gefährlicher Mission, gäbe es die Möglichkeit einer Aussprache, einer „Befriedung“, zumindest im familiären Bereich. Aber die Kommunikation untereinander ist genauso ein „mühseliges Geschäft“ wie der Transport des Leichnams durch ein Kriegsgebiet. Dabei haben die Geschwister eine eigene Geschichte, die manchmal nur angerissen, gerade beim Vater aber auch ausführlich erzählt wird. Es sind verlorene Lieben, ungelebte Liebesleben, die darin eine Rolle spielen und die von den sonst bedrückenden Schilderungen der Reise ablenken. Sie geben Einblick in ein verlorenes Reich ihrer Wünsche, denn:

„Ein langer Krieg trägt seine eigenen Winde mit sich, die über alles wehen und nichts belassen, wie es war. Er verändert die Seelen, die Gedanken, die Träume, er testet die Leidensfähigkeit.“

Dem Roman fehlt bis auf wenige Ausnahmen; eine ist oben zitiert, die Poesie. Vielleicht weil es für das absolute Grauen keine poetischen Bilder gibt, dem Autor es nicht möglich ist, einen Abstand zum Geschehen herzustellen, der diese erlösende Wirkung beim Lesen erzeugen könnte. So sind manche Schilderungen, gerade die des immer stärker verwesenden Leichnams im Auto, schwer zu ertragen. Der existenzielle Ekel, der durch die ständige Wiederholung der abstoßenden Schilderung entsteht, verfolgt aber ein Ziel: Die Sinnlosigkeit des eigenen Daseins im Krieg körperlich nachvollziehbar zu machen. Zunächst stöhnt man innerlich auf, weil man nicht versteht, warum der Verwesungszustand des toten Vaters in allen Stadien beschrieben werden muss. Nach und nach erreicht das Erzählverfahren aber eine Wirkung, die nur noch in der Theorie an Jean-Paul Sartres Ekel erinnert. Während bei Sartre die nackte, bloße Existenz harmlos ekelig, weil lebendig in ihrer pulsierenden Fülle erscheint, bleibt beim Bild des von den Maden zerfressenen Vaters nicht einmal die Illusion von der Rettung vor dem Nichts. An dem was da als (noch) materieller Haufen beschrieben wird, ist absolut nichts mehr, was an ein Lebewesen erinnert.

Die Protagonisten brechen die Horrorfahrt dennoch nicht ab, vielleicht um sich selbst und den Offizieren an den Checkpoints beweisen zu können, dass „Leben und Tod“ eben nicht nur „ein Packen offizieller Dokumente“ sind.

Wer „klassische“ arabische Autorinnen und Autoren wie Assia Djebar, Nagib Machfus oder Tahar Ben Jelloun kennt und aufgrund ihrer schillernden Metaphern liebt, der wird von Khalifas Roman enttäuscht sein. Khalifa beschreibt keine Sehnsuchtsorte, in denen Kindheitserinnerungen die Schrecken des Krieges relativieren könnten. Abbas Khider, deutscher Autor mit irakischen Wurzeln, kennt wie Khalifa eine Existenz im permanenten Ausnahmezustand und hat in seinem letzten Roman, Ohrfeige, das Leben in deutschen Flüchtlingsheimen beschrieben. Auch er macht das ziemlich real, erzählt plastisch und anschaulich von bitteren Erfahrungen. Khider nutzt dabei den Humor als Strategie, um menschenunwürdige Zustände für die LeserInnen leichter verdaubar zu machen.

Witze macht man oft über etwas, das (individuell) überstanden ist, über etwas, zu dem man einen Abstand entwickeln konnte. Der Krieg in Syrien dauert an, der Autor lebt weiterhin  mittendrin. Ein Grund, warum es beim Lesen zwar keine Befreihungslacher geben kann, aber dafür einen viel tiefer gehenden Erkenntnisgewinn.

Verramschte Leben beschreiben. Atem anhalten. Gerlind Reinshagen.

Gerlind Reinshagen. Atem anhalten.

Atem anhalten“ heißt der soeben erschienene Band gesammelter Gedichte der Autorin Gerlind Reinshagen. Er gerät ins Stocken, weil man vergisst, sich bei der Lektüre um Selbstverständlichkeiten wie die Sauerstoffzufuhr zu kümmern. Das liegt an der Gedankenfülle, an den facettenreichen, weitreichenden Themen, die sich von einer Kindheit im Krieg, über die Nachkriegszeit, bis ins digitale Zeitalter erstrecken.

In „Teufelsmützen“ etwa spielen sich die Kinder durch den Krieg, die „lausigen Zeiten“. Den Umgang mit dem Tod, dem unbegreiflichen Verschwinden geliebter Menschen, wird auf kindlich-naive Weise begegnet. Die Rolle der Schule wird dabei in „An die Schule“ mit einem Augenzwinkern als unzerstörbares, alles überdauerndes Korsett des Lebens beschrieben:

O du Unsterbliche/Blindschleiche/Im Watteverband/Endlos belegte Zunge/Du/Unterm Bleidach/Verkochst du die Zeit/Zu Sülze/Mahlst mein Herz/Mir zu Staub/Meine Liebe zu Kreide/Für meine Lieder/Ist nur noch/In der Latrine Platz/Für den Sprung aus dem Fenster/Bist du/Zu flach

Mit „Nachkrieg oder die Davongekommenen“ sind die Gedichte übertitelt, die das (Über)leben thematisieren. Das Ich erinnert sich in „November“ an die „Schlupfwinkel“ an die „Nester die heimlichen Höhlen“, sucht nach „kleinen Zeichen an der Mauer“, die darauf verweisen, dass nach dem Krieg etwas lebendig geblieben ist, etwas überdauert hat. Die Erde selbst wirkt „armselig“, ist „unter den glühenden Sternen“ ein „kleiner alter verschrumpelter Ball“, ein „verlorenes Spielzeug.“

Von der negativen Seite der wiedergewonnenen Freiheit berichtet ein kriegsversehrter Soldat („Körperverletzung“), der unter den erfahrenen Traumata leidet, beim Schneiden der Hecke vor dem trauten Heim zu zittern anfängt:

„(…) Frieden vertrag ich nicht/Und Gartenscheren Freunde sind nichts für solche/Die der Krieg erzogen hat/Freiheit raubt Schlaf/Hier hinter schwedischen Gardinen werd ich still/lasst mir das Gitter vor der Stirn.“

Der Generationenwechsel, die Auswirkungen des Wirtschaftswunders, klingen in den darauffolgenden Gedichten an. Wie die alte Zeit in die neue hineinragt, wird an einem Kleidungsstück angedeutet, das vor dem Krieg Schul- Tanz- und Hochzeitskleid gewesen war. Nach dem Krieg heiratet die Witwe erneut, näht das Kleid der Mode gemäß immer wieder um, und bemerkt zuletzt in der Pianobar nicht mehr, wie altbacken, nicht mehr zeitgemäß, das Kleidungsstück auf die anderen Gäste wirkt. Julia („Julias Kleid“) verwechselt Gelächter mit Bewunderung, erliegt einer Selbsttäuschung, die symptomatisch für die Überlebenden ist. Die Schrecken des Krieges werden verdrängt, die Schuldfrage nicht gestellt. „Die Jungen“ bauen sich deswegen im Gedicht „1968“ „fernab vom Wirtschaftswunderland/sich aus der Asche/eine eigene Welt.“

Mit viel psychologischem Gespür wird im Kapitel „Nachrichten aus der Fünfzigstundenwoche“ der berufliche Alltag, der ein männlicher war, beschrieben. Der Ernährer geht aus dem Haus, befreit vom „Kaffeelavendelbrotgeruch“ der Küche, ein Held, der jeden Morgen wieder seine Familie verlässt, um auf Abenteuerfahrt zu gehen. Sein Traum, wie ein Tiefseefisch nie wieder aufzutauchen, einfach unter Wasser zu bleiben, wird allerdings nie Wirklichkeit, weil er dafür ein „Mann von Gewicht“ sein müsste. Nüchtern übertitelt mit „Der Weg zum Büro“ ist das Gedicht ein herausragendes Beispiel für Reinshagens humorvoll-spitzbübische Poetik, in der durch Sprachspiele eine Mehrdeutigkeit entsteht, die inspirierend ist. Die Lust an der Sprache wird durch ihren phantasievollen Umgang mit ihr geweckt, und es entstehen neue, ungewohnte, mit Emotionen aufgeladene Bilder vor dem lesenden Auge.

Es sind aber nicht nur die poetischen Bilder, es sind auch die herausragenden Monologe, die faszinieren und stark an Bühnengespräche erinnern:

Kollegen

Wenn ich ihn treffe/Früh/Im Paternoster/Auf dem Weg zu Abteilung vier/Und wir reden über das Wetter/Denke ich/Das/Haben wir nicht in der Schule gelernt/Übers Wetter zu reden/Es stand nicht im Lehrplan/Wir haben gelernt/Daß es müßig ist/Übers Wetter zu reden/Wir haben klassische Sachen gelernt/Auch neue Physik/Wir lernten die Kernspaltung und so weiter/Doch nie/Wie wichtig es ist/Übers Wetter zu reden/Ich meine/RICHTIG über das Wetter zu reden/Was zum Beispiel/So ein Wettersturz bedeutet/Diese Druckverschiebung/Diese Kaltfront plötzlich/Sonnenwetter Regenwetter/Frühlings-Sommer-Asthmawetter/oder das jährliche kontinentale Tief…Langsam lern ich jetzt/Mit Mühe/Wie man übers Wetter redet/Lern beim Reden/Übers Wetter/Alle Schwankungen/Des Wetters/Die Veränderungen/In den Reden übers Wetter/Wahrzunehmen/Lern beim Reden/Über die verschneiten Straßen heute/Schüchtern seine Hand zu fassen/Beim Zurückschaun/sehn wir unsere Spur

Ohne Smalltalk ist der fleißige Arbeitnehmer schon damals nicht weit gekommen. Wer ein guter Kollege sein möchte, der sollte auch übers Wetter reden können. Willkommen in der Moderne, in der sinnentleertes, beruhigendes Gequatsche auf die Spitze getrieben wird. Die Schwierigkeit, „ein Gedicht im technischen Zeitalter“ zu schreiben, liegt auf der Hand. Sich der möglichen, bösen Kritik auch in den sozialen Netzwerken auszusetzen, ausgeliefert zu sein – da wird Vertrauen in die Sprache benötigt, gepaart mit dem Wunsch:

„(…) Alle die verramschten Leben/Um mich her (zu) beschreiben/In den müden wundgelaufenen/Und erschöpften Sätzen/Mit den alten abgewetzten/WUNDERVOLLEN/Worten/Punkt.“

Das Ich in „Atem anhalten“ hat viel von der Welt gesehen, ist angefüllt von Erlebnissen, die sich in einem langen, wachen Leben ansammeln. Es war mit verstorbenen DichterInnen bekannt, wie z.B. der Lyrikerin Sarah Kirsch, an die im Kapitel „Vorbilder-Nachbilder“ erinnert wird. „Für Sarah Kirsch“ endet mit folgenden Sätzen, einem klagenden Ruf: „Wo bist du jetzt/Ich höre/Dich/Nicht/Mehr“ und konfrontiert die LeserInnen mit einer tiefen Einsamkeit, die (auch) das Alter mit sich bringt.

Gerlind Reinshagen verharrt jedoch niemals in der Vergangenheit, sondern lässt den Blick schweifen, beschreibt weise den Wandel der Zeit. Dabei erkennt sie Dinge, die uns allen, gerade auch jüngeren Generationen, bekannt sein müssten.

Poesie und Performanz. Lautstärke ist weiblich. Texte von 50 Poetry-Slammerinnen. C. Nielsen und N. Gomringer (Hrsg.)

Lautstärke ist weiblich. (Nielsen/Gomringer Hrsg.)

Auch die Poetry-Slam-Szene ist eine Männerdomäne. Vielleicht liegt das insbesondere daran, dass es nicht reicht, gute Texte zu schreiben. Man sollte gleichzeitig SchauspielerIn sein, gerne im Rampenlicht stehen und seine verschriftlichten Gedanken mit einer gewissen Coolness präsentieren. Gegen fast ausschließlich männliche Konkurrenten und mit anderen Inhalten diese Pionierleistung zu wagen, braucht einen starken Willen und ein Selbstbewusstsein, das es gewohnt ist, als Einzelkämpfer in den Ring zu steigen. Vielleicht genügt auch eine Sozialisation, in der die Frauen der Familie schon früh ganz ohne Scheu die Männerstammtische in den Kneipen aufmischten. Frauen wie Mieze Medusa (Jahrgang 1975) ist es jedenfalls gelungen, die Spoken-Word-Bühne auch für weibliche Stimmen zu (er)öffnen. Als eine der Vorreiterinnen der Slammerinnenszene erhält sie in der Anthologie „Lautstärke ist weiblich“ an forderster „Front“ eine Bühne für ihren Beitrag. Dabei betont die Autorin Nora Gomringer, selbst erfolgreiche Dichterin und Performanzkünstlerin mit angenehm eindringlichem Sprachorgan in ihrem Vorwort:

„Laute Frauen sind bereichernd, denn faktisch betrachtet, ist die eine, sind die zwei, drei weiblichen Stimmen an einem Slamabend mit hauptsächlich männlicher Besetzung eine Wohltat. Ein anderes Timbre, ein anderes Tempo, nicht zu vergessen: andere Themen!“

Die Themen sind es, die regelrecht berauschen, weil sie die Dinge aus weiblicher Perspektive beleuchten, andere Wirklichkeiten aufzeigen. Sie gehen weit über private Befindlichkeiten hinaus, haben fast immer einen gesellschaftskritischen Anspruch. Mieze Medusa vermischt zum Beispiel persönliche Ängste, wie die Sorge um das fortschreitende Alter, mit politischen Ereignissen. In Cäsium 137. Oder: Wie die Zeit vergeht, wenn man sich amüsiert, steht das halbe gelebte Leben dem bisher minimal abgebauten Cäsium 137 aus dem Reaktorunfall in Tschernobyl gespenstisch gegenüber. Die eigene Midlife-crises, der gefühlte Zerfall des Körpers, seine Endlichkeit, findet sein Bild in Fukushima:

„Doch Zeit ist relativ, nur der Zerfall ist sicher. Du isst vielleicht grad keinen Fisch, weil Fukushima dich an deine Endlichkeit erinnert. Ich hab ein Jahr lang im Zimmer gespielt, als Tschernobyl die Wolke in unsere Richtung trieb, und länger keine Pilze gegessen. Und neulich schlage ich im Pilzbuch nach, ob mich, was ich da in der Hand hab, tödlich krank macht, und fühle mich veranlasst, nachzudenken, wie lang das her ist mit dem Jod, dem Strontium und dem Big Bad Motherfucker Cäsium 137.“

Marie Sanders erzählt in Nachtschwärmer, einem Beitrag, der aufgrund seiner poetischen Kraft aus dem Sammelband herausragt, von der Schwierigkeit, „am Büfett des Lebens“ nicht zu verhungern. Gerade wenn man nicht zu denjenigen gehört, für die es selbstverständlich ist, sich die „Lachspaste immer zu dick“ aufzutragen. Wir irren orientierungslos durch die Dunkelheit, und verpassen den Augenblick, in dem für uns wirklich etwas sichtbar werden könnte in der Welt. Viel lieber ergreifen wir die Flucht:

„Wir sind Nachtschwärmer/breiten unsere Flügel aus/stehen an Haltestellen/nur um des Wartens willen/mit dem Glas zu viel in der Hand/Nachtschwärmer/schwirren eng um/Leuchtreklame zieht uns an/irren hilflos wie geblendet/wenn wirklich jemand kommt/ der uns mitnehmen will/wechseln wir die Straßenseite.“

In der Themenrubrik „Rufen“ verschieben sich die Ebenen. Die Metaebene wechselt hin zu konkreteren Ereignissen, klar ausgesprochenen Statements. Dafür bietet sich die Slamszene an, dafür ist sie gemacht, und wird gerade von jungem Publikum geschätzt.  Sowohl Sarah Bosetti, als auch Svenja Gräfen nennen ihren Text schnörkellos Feminismus, beginnen beide damit, ihn aus der Sicht seiner KritikerInnen darzustellen, um wenige Sätze später Stellung zu beziehen. Sarah Bosetti „ist diese Feministin“, auch wenn sie wünschte, es gäbe den Feminismus nicht, weil sie Ismen nicht ausstehen kann. Ein anschauliches Beispiel erklärt ihr Unbehangen dem Begriff gegenüber und auch, warum sie zu den bekannteren Autorinnen des Sammelbandes gehört:

„Feminismus ist wie das Kondom, das man erst noch kaufen gehen muss, obwohl man schon nackt zusammen im Bett liegt: Ohne wärs einfacher, aber langfristig eben nur für den Mann.“

Bei Svenja Gräfen wird in einer Kneipe über den Begriff Feminismus diskutiert, nachdem ein „Männchen“ einen frauenverachtenden Vortrag hält. Der Text ist an skurriler Komik kaum zu überbieten, wirkt wie eine Traumsequenz, die allerdings die Lebenswirklichkeit vieler Frauen widerspiegelt. Das ist die erschreckende Realität, und es tut gut, manchmal auch über sie lachen zu können. Die Gefahr, die im aktuellen Verlauf der #MeToo – Debatte steckt, nämlich, dass Frauen als reine Opfer dargestellt werden, die sich nicht wehren können, wird in diesem Streitgespräch gebannt. Der ganze Kneipenraum halt wider von lauten, starken Frauen- und Männerstimmen, die zeigen, dass patriarchale Meinungen zwar existent sind, aber längst nicht mehr überall einen Resonanzboden finden.

Einen weiteren, großen Raum nehmen Themen ein, die um Rassismus kreisen. Eindrücklich beschreibt Nhi Le in Denk doch mal einer an die Kinder was es mit ihr macht, wenn sie erfährt, wie ihr kleiner Bruder auf dem Spielplatz von einem anderen Kind als „Fidschi“ beschimpft wird:

„Fidschi, ganz hart ausgesprochen, das T betont und den Rest mit reichlich Spucke ausgesprochen. Ein Wort, das ich schon ewig nicht mehr gehört hatte, aber auf dem Spielplatz genauso wehtat wie damals, als mich ein anderes Kind in der Schule so rief. Es ist der Begriff der Frauen, die so die Textilshop-Besitzer nennen. Es ist der Begriff, den die Leute rufen, während sie ihre Augen zu Schlitzen ziehen. Es ist ein sehr ostdeutscher Begriff.“

Slammerin Meral Ziegler macht in der Schweiz ähnliche Erfahrungen. Sie fragt sich daraufhin, warum sie keine Deutsche sein darf, aber trotzdem eine ist. Ein trauriges Paradoxon, das leider immer wieder von sogenannten Biodeutschen konstruiert wird:

„Neulich hatte ich einen Auftritt am Bodensee. Eine ältere Dame kam anschließend zu mir und sagte, dass es ihr gefallen habe. Wo ich geboren wäre. Berlin. Aha, aber wo käme ich ursprünglich her, wegen meines Namens.

‚Meral ist ein türkischer Name‘, entgegnete ich, und sie: ‚Ja, weil manche integrieren sich ja nie.‘

Die Realität ist so traurig. Wenn das Komplimente sind, was ist dann von dir übrig, du dreckiges Schland, du kümmerliche Schweiz.“

Fatima Moumouni zeigt in Hautfarben Kriege auf, die direkt auf der Haut ausgetragen werden und unter die Haut gehen. In Dialogform wird der Farbe Weiß nachgespürt, einer Farbe, die im Gegensatz zu allen anderen Farben eine selbstverständliche Daseinsberechtigung hat. Dabei gleicht dieses „Weiß“ in Wirklichkeit auf der Farbpalette einem „halbrohen Hähnchen“. Das Pseudoweiß muss sich keine Gedanken darüber machen, wie es aussieht. Es spielt weder beim Jobinterview noch bei der Polizeikontrolle eine Rolle. Nur in der Sonne denkt der/die Weißhäutige an seine/ihre Haut, weil sie verbrennen kann. Oder, fragt die Interviewerin:

„Hat deine Haut Angst vor Trump, Breitbart, Blocher, Köppel, den Rechten?

Nein?

Dann hast du die Weißheit wohl mit Löffeln gefressen. Oder sagen wir, sie wurde dir in die Wiege gelegt.“

Die darauffolgenden Rubriken „Kümmern“, „Bekennen“ und „Abstrahieren“ behandeln leichtere Kost. Was nicht bedeutet, dass der Leserin, dem Leser, nicht ab und an eine Träne die Wange hinunterkullert. Gerade im Bereich „Bekennen“, in dem es um die Liebe geht, können Herzen schwer, wie bei Theresa Hahl (Herzmaere), oder leicht, wie bei Katja Hofmann (Crazy Eyes) werden.

Der Sammelband ist eine schillernde Fundgrube, eröffnet neue Sichtweisen und beleuchtet altbekanntes originell. Einigen Slammerinnen würde ein Stimm- und Vortragstraining guttun, damit auch das Ohr gerne mithört. Poesie und Performanz gehören beim Slam zusammen – beides überzeugend zu können, das zeigen Beiträge im Internet, ist nicht immer selbstverständlich.

Der Amokläufer in uns. Kristina Nenninger. Warum läuft Kind C Amok?

Kristina Nenninger. Warum läuft Kind C Amok?

Warum läuft Kind C Amok?“ Der Titel des Romans von Kristina Nenninger stellt vordergründig eine Frage, und enthält gleichzeitig eine Hoffnung. In roten Buchstaben verspricht er Antwort(en) zu geben darauf, wieso Carla, ein pubertierendes, aber eigentlich liebenswertes Mädchen, irgendwann ihrem Hass freien Lauf lässt, und tötet.

Carla wächst beim Vater auf, nachdem sich die Mutter Berta dazu entschließt, einen zweiten Frühling erleben zu wollen. Ohne ihren langweiligen Mann, der sie mit seinen Sorgen und Ängsten, kurzum mit seiner Gefühlsduselei, an einen Versager erinnert. Er ist in ihren Augen ein „Berufspessimist“, der mehr „Wurschtigkeit“ bräuchte, um Glück im Leben zu erfahren. Berta selbst möchte von Gefühlen nichts wissen, tanzt sich durch die Nächte, sucht die Sorglosigkeit der vergangenen Jugend.

Eigentlich sind alle drei Protagonisten potentielle Amokläufer, weil jeder für sich damit beschäftigt ist, in der kalten Welt da draußen zu überleben. Die Erwachsenen allerdings finden Strategien, mit denen sie ihre Emotionen nach außen, in den frostigen November tragen können, ohne jemand anderen dabei – jedenfalls physisch – zu verletzen. Die Mutter tanzt und vögelt wahllos, der Vater rettet sich an die Staffelei, um zu malen.

In „Warum läuft Kind C Amok?“ werden einfache, sympathische Gemüter beschrieben, mit zuviel oder mit zuwenig Empathie, aber vor allem mit lähmender Sprachlosigkeit. Dabei kündigt sich das Drama schon auf den ersten Seiten des Romans an.

Der Vater Anton erinnert sich bei der heimlichen Ausführung seines Hobbys, dem Malen, an ein Ereignis, das ihn einmal schwer beeindruckt hatte. Wie eine Art Vision inszeniert die Autorin seinen Monolog an der Staffelei, eine eindrückliche Schlüsselszene des Textes:

Anton denkt: Und Raum und Zeit, die wachsen hier in die Steine und in die Matten und in die Bäume in eine Weite hinein und gar nicht wie in der trüben Stadt in die starren und starren Häuser nach oben! Denkt Anton, und das macht ihn froh, und der Pinsel in der Hand von Anton malt jetzt einen Stamm, langsam und zögernd und leise. Wie wärs denn mit einer goldenen Kette? Eine goldene Kette rund um den Stamm – oder noch einen Baum? Eine dicke Pflanze oder ein Tier? Zugvögel am Himmel womöglich? Oder doch lieber den Leoparden? Aus dem Innsbrucker Zoo? Den letzten Leoparden aus dem Innsbrucker Zoo: Der hat sich ja noch auf jedes zweite Bildchen vom Anton geschlichen. Wundern muss man sich schon, ist aber so! Anton denkt: Was hätt ich den gerne mal gestreichelt! Ein so ein liebes Ding ist nämlich der mal gewesen: So lieb, dass sogar Kinder ihn fütterten, herzten und lachten, sagt Anton (zu sich selbst) und tupft die Pinselspitze in pechschwarze Farbe. Und eines Tages aber, da nimmt der Reißaus, urplötzlich, von einem Tag auf den nächsten, und beißt in den Arm von dem Wärter hinein und tötet zwei Menschen auf seiner Flucht, darunter ein Kind von nicht einmal zweieinhalb Jahren. Dann schießt man ihn tot, und der Wärter sagt nur: Mei, ist halt einsam gewesen, der letzte Leopard im Innsbrucker Zoo (BILD München vom 16.3.1996).“

Unerwartetes stürzt hier in den Zooalltag ein, und zeigt, wie brüchig scheinbar heile Alltagswelten sind. Als Anton seine Frau darum bittet, sich mit ihm über Tochter Carla zu unterhalten, die sich immer mehr vor ihm zurückzieht, verweigert sie sich ihm. Sie ist überzeugt davon, dass nicht Carla ein Problem hat, sondern ihr Exmann. Ganz falsch liegt sie damit nicht, denn auch Anton ist trotz seiner Empathie nicht fähig dazu, an die pubertierende Carla heranzukommen. Er sucht das Gespräch, findet aber nicht die richtige Sprache. Stattdessen zieht er sich heimlich zurück, um sich um seine eigenen Sehnsüchte zu kümmern, seine eigenen Geheimnisse zu bewahren.

Fehlende Kommunikation kann dem Leser einen Hinweis darauf geben, warum Kind C, Carla, die Streberin, die gute Schülerin, die nicht mit auf die Klassenfahrt fahren möchte, Amok läuft. Es werden aber noch viel mehr Verweise, Möglichkeiten, in die Handlung gestreut. Dadurch entsteht eine Deutungsvielschichtigkeit, die eine abgründige, soghafte Spannung erzeugt. Kristina Nenninger ist bisher vor allem als Dramatikerin in Erscheinung getreten, was sich zusätzlich bereichernd auf die Sprache auswirkt, dem Plot eine unverstellte Lebendigkeit gibt. Das Leben ist ein Theater. Kind C., und alle Menschen um es herum spielen mit auf der eisüberzogenen Bühne der Welt.

Warum Carla so völlig aus ihrer Rolle fällt, ausrutscht, und gerade die Menschen, von denen sie geliebt wird, mit in den Abgrund reißt?

Das hat vielleicht, so suggeriert uns der Roman, auch mit den destruktiven, unbegreifbaren Tiefen zu tun, die jeder Mensch in sich trägt, und die nicht ohne weiteres unter dem Stichwort „Sozialisation“ zu fassen sind.

Fremde Vertrautheit. Aya Cissoko. Ma.

Aya Cissoko. Ma.

Herausragend besonders am autobiographischen Roman „Ma“ der Autorin Aya Cissoko ist der Effekt, der beim Lesen entsteht, wenn fast jede dritte Textzeile durch Sätze aus der malischen Sprache „Bambara“ unterbrochen wird. Die Zweisprachigkeit scheint zunächst störend, da der eigene Lesefluss durch unbekannte Worte ins Stocken gerät, man unmittelbar an der Übersetzung aus der fremden Sprache teilhat. Man meint, dieses Erzählverfahren mache die Geschichte kaputt, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es spiegelt intensiv die Zerissenheit einer Erzählerinnenstimme wider, die in zwei Kulturen ihren Platz finden muss. Die irritierende Form, die eine „Störung“ enthält, erzeugt dabei eine Nähe zur Protagonistin, die fremd und gleichzeitig vertraut ist.

„Das Fremde ist etwas, das sich zeigt, indem es sich entzieht“, betont der Phänomenologe Bernhard Waldenfels. Der Roman „Ma“ entzieht sich den LeserInnen auf formaler Ebene, bis eine Gewöhnung eintritt, und sie wenige Seiten später eintauchen können, in teilweise doch sehr fremde Welten einer Familie die aus Mali stammt, und in Paris lebt.

Massiré (Ma) Dansira, die Mutter aus Mali, ist die präsente Stimme im Bewusstsein der Tochter und Protagonistin Aya. Der Vater und die jüngere Schwester sterben früh bei einem Wohnungsbrand, und so ist es die Frau des Hauses, die fortan den Ton angibt. Für den afrikanischen Klan ist eine verwitwete Mutter, die ihre Kinder alleine versorgt, ein skandalöses Rätsel. Eine Frau braucht ihren Mann, so der Tenor des Patriarchats. Im Laufe der Handlung zeigt sich, dass es andersherum ist, dass sich immer wieder gescheiterte Männer an die Haustüre und in die Wohnung stehlen, die von Ayas hilfsbereiter Mutter durchgefüttert werden. Massiré ist stark, sie lehnt sich gegen jegliche Form männlicher Bevormundung auf. Gleichzeitig hat sie Prinzipien, mit denen sie ihre Kinder oft an den Rand der Verzweiflung bringt. Wäsche wird z. B. mit der Hand gewaschen. Auch, oder gerade in Paris. Helfen müssen dabei alle Familienmitglieder, denn:

„Ala k’an kisi fugariden wolo ma. Gott bewahre mich vor einer schlechten Brut. Kinder sind dazu auf der Welt, ihren Eltern zu helfen.“

Diesem Anspruch verleiht sie durch exzessive Fluchtiraden Nachdruck: „Ich werf dir meine beiden Füße in den Hintern. Schwachsinnige, reiß den Arsch auf… .“

Hinter den oft lieblos wirkenden Umgangsformen steckt jedoch ein Plan, der nur aufgeht, wenn er mit aller Härte und Willenskraft verfolgt wird. Gerade als schwarze Frau hat man es nicht leicht, in Europa die Bildung zu erfahren die nötig ist, um nicht als Putzfrau weißen Geschäftsmännern die Schreibtische säubern zu müssen. Dessen ist sich Ma bewusst, weil sie als Analphabetin genau diese Knochenarbeit Tag für Tag erledigt. Vom afrikanischen Klan in Mali ist keine Hilfe zu erwarten, und die möchte sie auch nicht. Der meint sowieso, dass sie sich sicher prostituiere, um über die Runden zu kommen.

Doch die Männer täuschen sich. Ma wird zum Vorbild für andere afrikanische Frauen in Paris, was der Klan erwartungsgemäß negativ kommentiert: „Faransi musow jamanen. In Frankreich werden die Frauen frech!“.

Frech ist auch die Tochter, die sich an der dominanten und oft auch ignoranten Mutter reibt, sich aber weder durch Schläge noch Beschimpfungen bändigen lässt. Zum normalen Abnabelungsprozess einer Mutter-Tochter-Beziehung mit dem natürlichen Auseinandersetzungspotential bringen die zwei Kulturen zusätzlichen Zündstoff. Wie soll eine (pubertierende) Tochter aber auch damit umgehen, wenn die Mutter es ihrem neuen Ehemann erlaubt, die eigene Wohnung in eine Praxis für Wahrsagerei zu verwandeln, in der die seltsamsten Patienten ein- und ausgehen?

Nicht nur im Kapitel „Der Wahrsager“ kollidieren unterschiedliche Lebenseinstellungen miteinander. Auf der einen Seite steht die Hilfsbereitschaft einer Mutter, die ihre afrikanische Abstammung immer wieder betont, auf der anderen ein Mädchen, das sich nach Privatspäre sehnt, um sich (ohne Eheversprechen!) mit der ersten Liebe zurückziehen zu können.

Trotz aller Konflikte und menschlicher Katastrophen, die in diesem Buch beschrieben werden, zeigt sich, dass es eine Bereicherung ist, zweisprachig zu leben, zwei Kulturen in sich zu tragen. Wenn man es schafft, alle Stimmen miteinander, und nicht gegeneinander sprechen zu lassen, beide kulturellen Einflüsse als gegebene zu akzeptieren. Sollte das auch bedeuten, harte Kämpfe mit sich und den anderen auszufechten.

Aber egal ob die MitbürgerInnen in Paris aus Afrika oder Europa stammen, an Geister glauben, oder an die neusten Modetrends. Der Impuls das andere, ungewohnte, kritisch zu beäugen, um es dann abzuwehren, ist allgegenwärtig und entsteht aus der menschengemachten Illusion, zu einer einzigen Kultur fest dazugehören zu müssen.

Texte wie diejenigen von Aya Cissoko machen kulturelle Grenzen luzide und bestätigen nicht zuletzt, wieviele Gemeinsamkeiten Kulturen, bei allen Differenzen miteinander haben. Der Sauberkeitsfimmel von Ma etwa erinnert stark an den Reinlichkeitswahn einer schwäbischen Kleinfamilie:

„Ich mag keinen Schmutz!“, zitiert die Protagonistin ihre Mutter wiederholt. Denn wer die Wohnung und seine Kinder nicht sauber hält, lädt Schande auf sich. Der Sohn erfährt dabei keine Ausnahme. Er hat den Boden zu schrubben, wenn er nicht des Heims verwiesen werden möchte. An dieser Haltung könnten sich manche pseudoemanzipatorische Eltern mit biodeutscher Herkunft, was immer das auch bedeutet, ein Beispiel nehmen.

Ein kotiges Ungeheuer. Stefanie Sargnagel. Statusmeldungen.

Stefanie Sargnagel. Statusmeldungen.

Stefanie Sargnagel kommt aus keiner Künstlerfamilie. Nein, sie entstammt noch nicht einmal einem Akademikerhaushalt. Ihr Sprungbrett ins Schreiben ist (vielleicht) das oft merkwürdig-obszöne Österreich, und natürlich ihr Talent. In den gerade bei Rowohlt Hundert Augen erschienenen „Statusmeldungen“, nimmt sie die LeserInnen mit auf eine Gedankenreise, die in der Flüchtlingskrise im Juli 2015 beginnt, und Anfang 2017 in Klagenfurt endet. Manchmal nur in halben Sätzen, kaum ausformulierten Sprachfetzen, kommentiert Sargnagel die Umgebung um sich herum, und mischt ihre „Meldungen“ mit persönlich-biographischen Details, die einen Witz erzeugen, der völlig unangestrengt gesellschaftliche Mißstände kritisiert.

Dabei verlässt Sargnagel immer wieder ihre Beobachterposition, um sich direkt am politischen Geschehen zu beteiligen. Aus diesem Impuls heraus ist wohl auch ihre, nur aus weiblichen Mitgliedern bestehende Burschenschaft „Hysteria“ entstanden, mit der sie Treffen rechtsradikaler, schlagender Verbindungen stört.

Als im Sommer 2015 zahlreiche Flüchtlinge die österreichisch-ungarische Grenze erreichen, organisiert Sargnagel „Taxifahrten“ in die Aufnahmestationen und sitzt selbst am Steuer. Ihren Aktionismus kommentiert sie folgendermaßen:

„Ich würde ja schon Leute kurzfristig bei mir aufnehmen, aber meine Wohnung is im Moment unhygienischer als das Flüchtlingslager in Röszke.“

Sargnagel zieht sich mit Formulierungen, die den Intimbereich streifen, immer wieder vor der „Kamera“ der LeserInnen aus, weswegen sie mit Charlotte Roche („Feuchtgebiete“) verglichen wird. Solche Vergleiche sind oft wenig aussagekräftig, und entspringen einem Schubladendenken – hier stimmt er schlichtweg nicht. Sargnagel erreicht durch ihre politisch-autobiographischen Beschreibungen, gerade auch im feministischen Kontext, eine Erkenntnisebene, bei der Roches Texte ganz unten im fäkalen Sumpf steckenbleiben. Die Autorin hat eine Meinung, ihr geht es um die Sache. Ihre eigene Selbstinszenierung benutzt sie zu deren Verdeutlichung, und macht sich damit eher verletzlich, als dass sie den Narzissmus pflegt. Kompromisslos sagt sie, sie wolle keine Gleichberechtigung, sondern ein Matriarchat, denn:

„Man kann nicht von Postfeminismus oder der Befreiung vom sozialen Geschlecht reden, solang sich Männlichkeit in ihren Prinzipien noch immer durch die Unterdrückung des Weiblichen definiert. Man muss mindestens zehn Jahre lang alles Männliche in allen Gesellschaftsbereichen hart unterdrücken. Danach kann man wieder entspannt über Gender reden.“

Radikale Ansichten mit wohltuend utopischem Gehalt mischen sich immer wieder in ihre Notizen, umkreisen Themen wie ihr KünstlerInnendasein parallel zum Brotberuf im Callcenter, das Arbeitermilieu, und natürlich Rechtsradikalismus, bzw. Faschismus in all seinen Ausprägungen. Die Texte geben aber insbesondere Einblicke darüber, was es heißt, in Österreich zu leben. So beschreibt sie Alltagsszenen, die denen aus Filmen von Ulrich Seidl (etwa „Hundstage„) ähneln, morbide und gleichzeitig, in all ihrer widersprüchlichen Abgründigkeit, zutiefst menschlich:

„Die Smalltalkthemen in diesem seltsamen Lokal gestern waren: Vergewaltigung, Obdachlosigkeit, Krebs, Mord und Totschlag, Psychosen und Rapid Wien. Die Bar war weihnachtlich dekoriert mit Christbaumkugeln und Lametta. Ein Typ ist am Klo völlig besoffen aufs Waschbecken gefallen und lag bewusstlos in einer Blutlache. Die Rettung hat ihn dann mit einer zentimetertiefen Platzwunde am Kopf abgeholt, ich dachte, er wäre tot. Danach wurde die Blutlache einfach vom Kellner weggewischt und wieder Musik in die Jukebox eingelegt. Dann hat mir der Kellner Fotos seiner Katze „Garfield“ gezeigt. Er sagte, der Kater wäre sein Ein und Alles und würde sich immer genau so auf seine Thrombose setzen, dass er keinen Schmerz spürt. Alle waren sehr nett.“

Aber auch die nachdenkliche Sargnagel kommt immer wieder zu Wort, in denen Aussagen lesbar werden, in denen die verspielt-kindliche und unsichere Seite einer Autorin hervorschauen, die im gleichen Moment scheinbar ungerührt einen Shitstorm über sich ergehen lässt. Sargnagel sucht die Konfrontation, nutzt die mediale Aufmerksamkeit, um mit gezücktem, (humorvollen!) Stinkefinger ihre Meinung zu vertreten. Selbstkritisch beäugt sie sich dabei immer wieder selber, reflektiert ihren Alltag sarkastisch, ihre Einsamkeit zum Beispiel, in die sie ihr Grenzgängerinnendasein immer wieder führt:

„Es ist toll, eine Familie zu haben, die einen bei den eigenen Lebensentwürfen unterstützt. Heuer habe ich zwei Jogginghosen zu Weihnachten geschenkt bekommen.“

Stefanie Sargnagel in Aktion. Foto: Wikimedia Commons.

Zum Brüllen komisch sind auch ihre bunten Zeichnungen, und natürlich ihre Meinung über Deutschland, die zwischen Zustimmung und Ablehnung schwankt. Durch ihre steigende Popularität reist sie dort immer öfter in die entlegensten Winkel, obwohl sie Lesungen eigentlich gar nicht mag. So schreibt sie jedenfalls. Denn auch in ihren realsatirischen, sicher stark autobiographischen Aufzeichnungen, verschwimmen Wirklichkeit und Fiktion.

Der ganz besondere, poetische Humor aber zeigt sich, wenn Sargnagel die Skurrilitäten der anderen Menschen beschreibt, oder sie sich innerlich vorstellt, wenn es nur auf den ersten Blick um sie selbst geht:

„Mein Fernseher hat eine Störung. Ich glaube, die alte Nachbarin hat sich wieder in Alufolie eingewickelt und tanzt hinter der Wand.“

Einige (depperte) Stimmen mögen vielleicht fragen: Ist das jetzt Literatur?

Die knappen, bis ins Mark treffenden Sätze, schaffen jedenfalls surrealere Szenerien, als es jede ausufernde Phantasiegeschichte hinbekommt.

„Die Welt ist ein kotiges Ungeheuer“, erklärte Nietzsche im „Zarathustra“:

Sargnagel betrachtet ihre stinkenden Ausscheidungen mit messerscharfen Schriftstellerinnenaugen. Wer sich zu fein ist ihr dabei zu folgen, verpasst was.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright © 2019. Powered by WordPress & Romangie Theme.